Sportwetten In der Grauzone

Wo ist das Geld? Früher stand Oliver Kahn im Tor des FC Bayern (Foto); heute ist er prominente Werbefigur eines Sportwettenanbieters.

(Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)

Der deutsche Staat schafft es nicht, den Markt für Sportwetten vernünftig zu ordnen. Verdient wird dennoch, und zwar kräftig.

Von  Jan Willmroth

Oliver Kahn ist mehr als nur ein einfacher Werbeträger. Tipico, der größte Sportwettenanbieter in Deutschland, nennt den ehemaligen Welttorhüter "Markenbotschafter", Anzeigen des Unternehmens tragen seine Unterschrift, Kahns Name schafft Vertrauen. Für die aktuellen Fernsehspots von Tipico hat Kahn aber offenbar nicht mehr gereicht. Deshalb haben sie ihm den ehemaligen Rivalen Peter Schmeichel gegenübergesetzt, die beiden übertrumpfen sich beim Kartenspiel am Kneipentisch mit gewonnenen Titeln. Am Ende schaut Kahn seinem Gegenspieler tief in die Augen und sagt diesen symbolischen Satz, der so gut passt zur Situation der Sportwetten in Deutschland: "Es ist noch lange nicht vorbei."

Dabei sollte es doch längst vorbei sein. Die Anträge waren geprüft, die Liste lag vor, längst sollten die Behörden jene 20 Konzessionen erteilt haben, die der Staatsvertrag von 2012 vorsieht. Mit einer dieser Genehmigungen dürften 20 Sportwettenanbieter probeweise bis 2019 ganz legal Wetten auf Fußballspiele, die Formel 1 oder andere Ereignisse veranstalten. Stattdessen bewegen sie sich dauerhaft in einem rechtlichen Graubereich, in dem die meist in Niedrigsteuerländern wie Malta und Gibraltar lizenzierten Unternehmen mit den Jahren einen Milliardenmarkt geschaffen haben. Einen Markt, den private Anbieter ohne deutsche Genehmigung inzwischen beherrschen und in dem der staatliche Anbieter Oddset kaum noch eine Rolle spielt. Tipico hingegen hat, so schätzen Brancheninsider, einen Marktanteil von etwa 40 Prozent. Und mehr als 900 Wettbüros, verteilt in der Republik. Aktuellen Schätzungen zufolge haben die Wettanbieter im Jahr 2014 etwa 250 Millionen Euro Steuern gezahlt, obwohl ihr Geschäft illegal ist. Daraus ergeben sich hochgerechnet Wetteinsätze von 4,3 Milliarden Euro.

Seit September wird das Ministerium mit Klagen und Eilanträgen überzogen

Stellvertretend für alle Bundesländer, die das Glücksspiel größtenteils regeln, kümmert sich das hessische Innenministerium um die Konzessionsvergabe. Die ist aber gehörig misslungen, wie immer deutlicher wird. Ja, wahrscheinlich ist sie komplett gescheitert. Seit September überziehen zahlreiche Anbieter das Ministerium in Wiesbaden mit Klagen und Eilanträgen und verzögern so die Vergabe immer weiter. Ein Ende ist nicht in Sicht - und es gibt auch wenig Hoffnung, dass sich an der Situation in den kommenden Jahren so schnell etwas ändert. Die Begrenzung auf 20 Konzessionen habe sich wie erwartet als klageanfällig erwiesen, sagte Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) erst vor wenigen Wochen: "Ein Fehler im Aufmarschplan zieht sich durch die ganze Schlacht." Kriegsrhetorik.

Die Gegner in dieser Schlacht bekämpfen sich an vielen Orten gleichzeitig, zumeist an Verwaltungsgerichten, normalerweise unverdächtige Schauplätze, wenn es um spannende Schlachten geht. 18 Eilverfahren hat das Wiesbadener Innenministerium gezählt. Hinzu kommen 20 Klagen all jener Wettanbieter, die bei der Konzessionsvergabe gescheitert sind, darunter auch Tipico. In ungewohnt scharfer Wortwahl hat das Verwaltungsgericht in Wiesbaden kürzlich das Konzessionsverfahren abgekanzelt: Es sei hinsichtlich seiner Konzeption, seiner Anforderungen und vom Verfahrensablauf her intransparent und fehlerhaft. Ähnliche Worte fand vor wenigen Tagen das Verwaltungsgericht Frankfurt in einem Beschluss zugunsten eines privaten Wettanbieters. Die Ausschreibung sei von Anfang an intransparent, ein durchschaubares und diskriminierungsfreies Verfahren nicht möglich gewesen. Der erst 2014 gegründete Deutsche Sportwettenverband reagierte umgehend: Nur ein politisches Verfahren könne die Sache noch heilen, sagte Matthias Dahms, Präsident der Wettanbietervereinigung. "Solange die Ministerpräsidenten sich der Sache nicht annehmen, wird der Glücksspielstaatsvertrag weiterhin nur Rechtsunsicherheit und einen enormen Schwarzmarkt produzieren", sagte er.

Das ist nicht ungewöhnlich: Die Wettanbieter bemängeln öffentlich gern die Rechtsunsicherheit, die herrscht, solange die Konzessionsvergabe in der Schwebe hängt. Dabei nutzen sie die Situation geschickt aus. Wer die Webseiten bekannter Wettanbieter wie Tipico und Bwin besucht, findet dort neben Sportwetten allerlei verbotene Angebote. Live-Wetten sind ein Beispiel, die der Staatsvertrag ausdrücklich verbietet - nur auf das End- oder Halbzeitergebnis darf noch gewettet werden, wenn beispielsweise ein Fußballspiel schon läuft. Und gleich daneben: Online-Kasinospiele, die nach deutschem Recht ohnehin verboten sind. Schwarzmarkt und vernünftige Wettangebote liegen oftmals nicht weit voneinander entfernt. "Viele Wettanbieter sind daran interessiert, dass der aktuelle Zustand so lange wie möglich anhält", sagt ein Vertreter des Deutschen Lotto- und Totoblocks, der Dachorganisation der staatlichen Lottogesellschaften. Eine völlig neue Interpretation der herrschenden Rechtsunsicherheit.

Auch die Deutsche Telekom mischt jetzt in dem lukrativen Markt kräftig mit

Auf der Webseite der Deutschen Sportwetten GmbH, tipp3.de, fehlen immerhin Kasinospiele. Bemerkenswert an dem Angebot ist auch eher die Eigentümerstruktur: Im März stieg die Deutsche Telekom bei dem Unternehmen ein und sicherte sich damit einen Anteil an dem lukrativen Markt - nur beteiligt sich damit de facto auch der Bund an dem unregulierten Geschehen. Er hält auf verschiedenen Wegen noch 31,9 Prozent an der Telekom.

Die privaten Anbieter freuten sich über den Schritt der Telekom, die staatlichen Lottogesellschaften äußerten öffentlich ihren Unmut und stellten eine offizielle Anfrage beim Bundesfinanzministerium, wie das zu erklären sei. Von dort hieß es daraufhin: Als Aktionär habe der Bund keinen Einfluss auf Unternehmensentscheidungen der Telekom, die Lizenzvergabe falle in den Kompetenzbereich der Länder.

Sprich, in den Kompetenzbereich Hessens. Die dortige Landesregierung hat selten verheimlicht, dass sie die Begrenzung der Konzessionen auf 20 für unzureichend hält und eine solche Beschränkung lieber aufheben würde. In einem Schreiben vom Juli 2014, das der SZ vorliegt, schilderte Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) seinen Kollegen seine Bedenken, was die Konzessionsvergabe angeht, und regte erneut eine Abkehr von der Zahl 20 an, für die es allerdings nicht die erforderliche Zweidrittelmehrheit unter den Ländern gibt. Nach der Entscheidung über die Konzessionen sei mit einer Vielzahl von Klagen zu rechnen, schrieb Bouffier. Er sollte recht behalten.

Genau wie Oliver Kahn richtig liegt, der Tipico mit dem Leitspruch "Ihre Wette in sicheren Händen" versieht: Es ist noch lange nicht vorbei.