Von Tina Zierul

Die regierungsunabhängigen Organisationen gewinnen immer mehr an Einfluss. Ihre Einnahmen aus Spenden erreichen weltweit inzwischen Milliardensummen.

Bono, Star der Popgruppe U2, und Latino-Pop-Sänger Manu Chao hatten bisher abseits der Musik nicht viel gemein. Seit dem G8-Gipfel in Genua eint sie ihr ehrenamtliches Engagement: Bono tourte im Auftrag seiner "Drop the Debt"-Kampagne für den Schuldenerlass der ärmsten Länder. Manu Chao warb für das Attac-Netzwerk, das sich für eine Regulierung der Finanzmärkte einsetzt.

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Die Künstler betreten die politische Bühne als Frontfiguren einer neuen Generation von Nichtregierungsorganisationen, so genannten NGOs.

Seit dem Scheitern der WTO-Tagung in Seattle vor zwei Jahren formiert sich eine neue Protestbewegung, die mit Broschüren und Straßentheater neue Mitglieder gewinnt, nicht mit Schiffen und Heißluftballons.

Während etablierte Organisationen meist vor Ort in Krisengebiete gehen, agieren die neuen dort, wo die Politik sich trifft.

"Täglich größer"

"Nach der Gründungswelle zu Beginn der 80er Jahre beobachten wir derzeit einen Boom neuer NGOs, die täglich größer werden", sagt Henri-Bernard Solignac-Lecomte von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris.

Attac, gegründet 1998 in Frankreich, wuchs weltweit von null auf 55000 Mitglieder in drei Jahren. Allein seit Juli schlossen sich 5000 neue Globalisierungskritiker der Gruppe an.

Wurzeln in den Sechzigern

Die Wurzeln des Widerstands reichen zurück bis in die 60er Jahre. Damals schlossen sich viele Engagierte für Menschenrechte oder Artenschutz zu Gruppen wie amnesty international oder dem World Wildlife Fund (WWF) zusammen.

Die Gründerwelle erreichte Anfang der 80er Jahre ihren Höhepunkt. Themen wie Frieden, Kernkraft und Umwelt standen auf der politischen Agenda - der heutige Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und Greenpeace entstanden.

Die Mitgliederzahlen schnellten bald nach oben, ehemalige Mitarbeiter starteten ein Eigenleben mit Gruppen wie Robin Wood oder Oro Verde. Inzwischen machen die Pioniere weltweit Umsätze in Milliardenhöhe.

Eine OECD-Schätzung kam für 4.400 untersuchte Organisationen schon Mitte der 90er auf Einnahmen von 7,5 Milliarden Dollar - jährlich.

Idealismus als Basis des Erfolges

Dagegen nehmen sich die Newcomer noch bescheiden aus. Ihr Erfolg ruht nicht auf Spendeneinnahmen, sondern auf dem Idealismus ihrer Mitglieder.

Sie agieren anders als das NGO-Establishment von Greenpeace oder amnesty international: Wenig Geld, flache Hierarchien, hohe Transparenz - Aktionen planen Gruppen wie Attac oder "Mobilization for Global Justice" ehrenamtlich, die Kommunikation übernimmt das Internet.

"Die neuen Protestgruppen kommen noch mit wenig Geld aus, weil sie am Anfang ihres Lebenszyklus sehr auf ehrenamtliche Arbeit bauen", sagt Michael Urselmann, der als Geschäftsführer der Gesellschaft für Sozialmarketing in Berlin die Finanzkraft von NGOs untersucht.

Der Betriebswirt sieht Parallelen zur Gründerzeit von Greenpeace: Motivierte Mitarbeiter stellten auch damals vieles kostenlos auf die Beine, bis Kampagnen mit eigenen Schiffen und Berufstauchern die Kosten in die Höhe trieben. Professionelles Management war gefragt.

Mit wenig Geld mobil machen

Derzeit machen die neuen Gruppen noch mit wenig Geld mobil. Beispiel Attac: Mitgliedsbeiträge und Spenden werden sich laut Haushaltsplan des deutschen Ablegers im fünfstelligen Bereich bewegen.

"Professionelle Spendensammler sind für unsere Arbeit im Moment noch überflüssig", sagt Gründungsmitglied Sven Giegold.

Personalkosten finden sich entsprechend auf der Ausgabenseite kaum: Von acht Vollzeit-Mitarbeitern des deutschen Büros bei Bremen arbeiten sechs ehrenamtlich. Größter Kostenblock ist ein Kongress über Alternativen zur Globalisierung im Oktober in Berlin: Übersetzer und Raummiete schlagen mit 350.00DM zu Buche.

Für Greenpeace sind solche Beträge mittlerweile Peanuts. Der Ökomulti konnte im vergangenen Jahr weltweit Spendengelder in Höhe von knapp 281 Millionen DM sammeln.

Allein aus Deutschland stammt ein Viertel davon. Das verdankt Greenpeace nicht nur teuer eingekauften Adress-Datenbanken, über die Geldgeber geworben werden: Auch professionelle Spendensammler sind unterwegs - allein vier in Deutschland.

Beim WWF arbeiten ebenfalls mehrere Fundraiser ausschließlich daran, Geld einzutreiben.

Spenden an Kleine ist "in"

Neue NGOs haben trotzdem gute Chancen, ihre Einnahmen zu erhöhen. Während das Spendenaufkommen der hundert größten deutschen Non-Profit-Organisationen seit Anfang der 90er Jahre bei etwa 2,5 Milliarden DM stagniert, erhöht es sich bei kleinen NGOs.

Spenden-Fachmann Urselmann ermittelt die Zahlen jährlich und beobachtet einen Trend zu kleinen Organisationen. Außerdem seien Globalisierungskritiker auf der Spendenliste zunehmend beliebt, weil sie Themen anschneiden, die derzeit viele bewegen. Künftig könnten sie auch von veränderten Zahlungsgewohnheiten profitieren. Fundraiser erwarten eine Zunahme von Online-Spenden - und das eher bei neuen Organisationen mit jungen Mitgliedern.

Weder Büro, noch Telefon

Das US-Netzwerk "Mobilization for Global Justice" macht es vor und fragt Besucher der Homepage sofort nach Geld: "Spenden Sie jetzt online!" fordert das Netzwerk, das die Proteste gegen die Jahrestagung von IWF und Weltbank Ende dieses Monats vorbereitet. Die Aktivisten haben Geld nötig: Bisher koordinieren sie alles über eine Homepage und ein paar Handy-Nummern - Büro und Telefon besitzt die Organisation noch nicht.

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