Spende 18 Milliarden Dollar für die Meinungsfreiheit

Umstritten: In Ungarn wird George Soros - hier auf einem Plakat - von der Regierung heftig angefeindet.

(Foto: Bernadett Szabo/Reuters)
  • Diese Summe spendet der Finanzinvestor George Soros seiner Stiftung "Offene Gesellschaft". Sie ist nun die zweitreichste der USA.
  • Seit 30 Jahren setzt sich die Stiftung für freie Meinungsäußerung, Demokratie und den Schutz von Minderheiten ein.
  • Das Engagement macht Soros zur Hassfigur für Autokraten in Mittel- und Osteuropa und Rechtspopulisten in den USA.
Von Alexander Hagelüken

Ob er eine seiner Spekulationen an den Finanzmärkten moralisch bereut? Damals, 2012 beim Gespräch in einem Berliner Hotel, hielt George Soros kurz inne. Man hat ihm in all den Jahren ja einiges vorgeworfen. Die Wette gegen das britische Pfund, die ihm eine Milliarde Dollar brachte, aber Europas Währungssystem durchschüttelte. Oder auch sein Einsatz auf den Fall von Thailands Währung, der für die Eskalation der Asienkrise 1998 mitverantwortlich gemacht wird. "Es gibt bestimmt etwas, das ich bereue", sagte Soros sinnierend. "Es gibt bei den Spekulationen nichts, was besonders heraussticht. Vielleicht waren es auch zu viele Dinge, die ich bereuen könnte."

Wie jetzt bekannt wurde, fügt George Soros seiner schillernden Biografie eine prominente Facette hinzu. Der 87-Jährige, Finanzinvestor, Philanthrop und Hassfigur osteuropäischer Autokraten wie amerikanischer Rechtspopulisten, hat seiner Stiftung Open Society insgesamt 18 Milliarden Dollar geschenkt. Das ist der Großteil des Vermögens, das er als Verwalter von Fonds, aber auch als Spekulant auf eigene Rechnung angesammelt hat. Soros übertrug das Geld über die Jahre, berichtet die New York Times. Die Gesamtsumme wurde erst jetzt bekannt. Das Geschenk macht die Open Society, wörtlich "offene Gesellschaft", zur zweitreichsten Stiftung in den USA, einem Land, in dem seit Langem Reiche hohe Summen spenden. Die Stiftung gibt jährlich eine Milliarde Dollar aus.

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"Ich habe mehr als genug Geld für meine Bedürfnisse", erklärte Soros beim Interview in Berlin. "Deshalb habe ich Stiftungen gegründet. Ich möchte die Welt zu einem besseren Ort machen."

Als schlechteren Ort lernte Soros die Welt schon früh kennen. Während der Nazi-Besetzung Ungarns rettete sein Vater die jüdische Familie vor dem KZ. Mit 17 floh Soros dann mit seinen Verwandten vor den neuen kommunistischen Machthabern nach Großbritannien. Nach Wirtschaftsstudium und Jahren bei Investmenthäusern gründete er mit Mitte 30 seine eigene Firma, die sich auf riskante Geschäfte mit Währungen und Aktien spezialisierte. Dabei verlor er, bei der Auktion um Russlands Telefonmonopol, auch mal eine Milliarde Dollar. 2002 verurteilte ihn Frankreich wegen Insiderhandels zu einer Geldstrafe.

Seine Stiftung startete Soros vor 30 Jahren. Er benannte sie aber nicht wie Gates und viele andere Reiche nach sich selbst, sondern entlieh den Titel Karl Poppers Werk "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde". Wie Philosoph Popper dort propagiert, setzt sich die Stiftung für freie Meinungsäußerung, Demokratie und den Schutz von Minderheiten ein.

Dabei reflektieren die Aktivitäten in heute mehr als 100 Staaten auch Soros' Herkunft. Bekannt wurde die Stiftung in den 90er-Jahren durch ihr Engagement in den jungen Demokratien in Osteuropa. So wie sich Soros in den 70er-Jahren kommunistische Machthaber zum Feind machte, als er sich für Dissidenten einsetzte, gerät er auch heute mit Regierungen in Osteuropa in Konflikt. Besonders, seit in Ländern wie Russland oder seiner Heimat Ungarn autokratische oder rechtsgerichtete Politiker an der Macht sind. Der ungarische Regierungschef Viktor Orbán bezeichnete Soros als einen der Verantwortlichen für die Flüchtlingswanderung nach Europa - der Investor wolle damit "die Nationalstaaten schwächen". Open Society setzt sich weltweit für ganz verschiedene Projekte ein, sie finanzierte auch die Behandlung von Ebola-Kranken in Afrika oder Kulturzentren. "Keine Stiftung in der Welt hat weltweit in den vergangenen zwei Jahrzehnten so viel bewirkt", sagt der Präsident der Ford-Stiftung, Darren Walker.

Der Investor wandte sich mehrfach gegen den deutschen Sparkurs

In den vergangenen Jahren wandte sich der Investor stärker seiner Wahlheimat USA zu. Er finanzierte etwa Programme zum Schutz von Minderheiten, die insbesondere seit der Wahlkampagne von Donald Trump zunehmend Opfer von Gewaltakten werden. Der 87-Jährige, der seit Langem für die Demokraten spendet, ist dabei ins Fadenkreuz von Rechtspopulisten geraten. Die Website Breitbart wirft ihm zum Beispiel vor, Irland zu einem "Pro-Abtreibungsland" machen zu wollen - und wiederholt Orbáns Vorwurf bezüglich der Flüchtlinge.

Wiewohl Soros an den Finanzmärkten reich geworden ist, kritisiert er das Gebaren der Branche, das 2008 die Finanzkrise ausgelöst hat. Auch nach der Krise würden die Geldhäuser nicht scharf genug kontrolliert, erklärte er beim Gespräch in Berlin. Soros wandte sich zudem mehrfach gegen den von Deutschland geprägten Sparkurs nach der Eurokrise - und die Steuerpolitik in den USA. "Die Reichen zahlen zu wenig Steuern, ich zahle auch zu wenig. In den USA läuft es sehr ungerecht", sagte Soros. Dann lächelte er. "Aber in meiner Einkommensklasse befinde ich mich mit dieser Meinung in einer kleinen Minderheit."

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