Spekulation mit Nahrungsmitteln Die Schuld der Hungermacher

So sieht es aus, wenn in Brasilien Soja geerntet wird. Welchen Preis die Farmer dafür erzielen, bestimmen laut einer neuen Studie auch Finanzinvestoren.

Verbraucherschützer Thilo Bode will, dass Deutsche Bank und Allianz ihre Finanzmarktspekulationen mit Nahrungsmitteln sofort beenden. Eine neue Studie soll die Finanzinstitute zum Ausstieg bewegen. Doch die leisten hartnäckigen Widerstand.

Von Silvia Liebrich

China kauft und pachtet Ackerland in der ganzen Welt. In der Ukraine hat die Volksrepublik gerade eine Fläche übernommen, die etwa einem Viertel des gesamten Ackerlandes in Deutschland entspricht. Und nicht nur China ist gut im Geschäft. Investitionen in die Landwirtschaft stehen bei Geldgebern aus der ganzen Welt hoch im Kurs, genauso wie Finanzgeschäfte mit Weizen, Mais und Reis. Gleichzeitig stirbt alle sechs Sekunden irgendwo auf der Welt ein Kind, knapp 900 Millionen Menschen hungern. Doch was hat das eine mit dem anderen zu tun?

Während die eine Seite - Investoren und Banken - keinen Zusammenhang sehen wollen, gehen Kritiker - Hilfsorganisationen und die Welternährungsorganisation FAO - vom Gegenteil aus. In Wissenschaftskreisen wird das Thema ebenfalls höchst kontrovers diskutiert. Die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch hat am Donnerstag dazu eine weitere Studie vorgelegt. Fazit: Finanzspekulationen können sehr wohl einen Einfluss auf Lebensmittelpreise haben. Dass Finanzinvestoren mitverantwortlich sind am Hunger auf der Welt, ist demnach nicht auszuschließen. Autor der Studie ist Professor Hans-Heinrich Bass, der an der Hochschule Bremen das Institut für Weltwirtschaft und Internationales Management leitet.

Verbraucherschützer fordern Umdenken der Finanzwelt

Für Foodwatch-Chef Thilo Bode ist die Sache klar. Er erneuert deshalb seine Forderung an die Deutsche Bank sowie die Allianz, sie sollten ihre Finanzmarktspekulationen mit Agrarrohstoffen sofort beenden. "Wer jetzt nicht die Reißleine zieht, handelt verantwortungslos", sagte er am Donnerstag in Berlin. Es ist nicht der erste Anlauf der Verbraucherschützer, die Finanzwelt zum Umdenken zu bewegen. Nach Protesten von Foodwatch und anderen Organisationen sind in den vergangenen Monaten zahlreiche deutsche Banken aus reinen Finanzwetten mit Agrarrohstoffen ausgestiegen.

Doch Deutsche Bank und Allianz lehnen einen Ausstieg aus Spekulationsgeschäften mit Agrarrohstoffen und Ackerland bis heute ab.Sie berufen sich dabei auf Studien des Wittenberger Ethikprofessors Ingo Pies und des Agrarökonomen Thomas Glauben aus Halle. Danach haben Finanzspekulationen keinen Einfluss auf die Entwicklung von Nahrungsmittelpreisen. Doch die Untersuchungen von Pies und Glauben sind durchaus umstritten. Vor allem, weil sie Studienergebnisse nicht berücksichtigten, die ihrer Grundsatzthese widersprachen, wie Kritiker monieren.

Bode und Pies haben sich deshalb in den vergangenen Monaten immer wieder erbitterte Rededuelle geliefert, auch in einem Streitgespräch mit der Süddeutschen Zeitung. Mit der Bass-Studie holt Foodwatch-Chef Bode nun zu einem Gegenschlag aus. Bass hat sich am Donnerstag deutlich, aber wie unter Wissenschaftlern üblich, mit der gebotenen Vorsicht geäußert: ein negativer Einfluss von Finanzspekulationen auf Nahrungsmittelpreise sei aus wissenschaftlicher Sicht "wahrscheinlich", sagt er und verweist auf die lange Historie des traditionellen Agrarhandels an den Börsen, den es seit dem 17. Jahrhundert gibt. Aber erst vor 13 Jahren wurden die internationalen Börsen auch für reine Finanzmarktprodukte wie Index- oder Hedgefonds geöffnet. Diese handeln meist nicht mit der Ware selbst, sondern setzen etwa auf fallende oder steigende Preise.

Mit wissenschaftlichen Mitteln kaum zu beweisen

In diesem kurzen Zeitraum hat sich das Handelsvolumen in dem Bereich laut Bass verzehnfacht und liegt nun bei 340 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Aus wissenschaftlicher Sicht seien diese Zeiträume noch zu kurz, um sehr valide Aussagen treffen zu können, schränkt er ein. Es gebe jedoch Hinweise, dass Finanzwetten ein Grund für die stark gestiegenen Nahrungsmittelpreise auf dem Weltmarkt sein könnten.

Angesichts der Lage ist das bereits eine deutliche Aussage. Denn ein eindeutiger Zusammenhang zwischen Lebensmittelpreisen, Hunger und Spekulationsgeschäften wird sich mit wissenschaftlichen Mitteln kaum beweisen lassen, dafür sind die Einflussfaktoren und die Daten zu komplex, da sind sich die Experten weitgehend einig. Das gilt aber auch für das Gegenteil. Tatsache ist, dass die Preise für Weizen, Mais und Co seit dem Einstieg von Finanzspekulanten im Jahr 2000 zeitweise stark gestiegen und auch wieder gefallen sind. Auffällig sind auch die stärkeren Kursschwankungen. Preisblasen werden jedoch auch durch andere Faktoren wie Missernten oder leere Lager mitbestimmt. Als relativ sicher gilt aber, dass Spekulanten Preistrends verstärken, wenn sie im Pulk auf fallende oder steigende Preise setzen.

Schießen die Preise für Grundnahrungsmittel durch die Decke, müssen vor allem die Regierungen armer Länder eingreifen, um Hungerrevolten zu verhindern. Das Problem ist bekannt. Doch die internationale Politik tut sich schwer damit, Regeln für Agrarspekulanten einzuführen. Organisationen wie Foodwatch fordern nicht nur mehr Transparenz an den Terminmärkten, sondern auch klare Obergrenzen für das Handelsvolumen einzelner Investoren oder den Ausschluss ganzer Gruppen.