Sozialunternehmer Vom Aufsteiger zum Aussteiger

Wenn die Krawatte zu eng wird: vom Banker zum Sozialunternehmer

(Foto: Illustration: Yinfinity)

Gute Noten, tolle Projekte, High Potential: Ein junger Banker hat eine steile Karriere vor sich. Bis er mit dem System kollidiert, von dem er profitiert hat.

Von Sabrina Ebitsch, Hannover

Als alles anders wird, bleiben die Anzüge im Schrank. Christopher Batke hat viele davon, graue, dunkelblaue, Krawatten dutzendweise. So sieht es im Inneren von Schränken aus, wenn man tut, was Batke tut. Aufgereiht hängen da die Uniformen des Kapitalismus und weisen den Träger als Eingeweihten der Welt aus, die nicht mehr Batkes ist. Er braucht sie nicht mehr. Es ist eine Häutung, aber das weiß er noch nicht.

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Er kommt jetzt in Jeans und Pulli in die Bank, also quasi nackt. Die Kollegen schauen, spötteln: Der Batke, schon casual friday, wie? Von casual ist Christopher Batke weit entfernt. Die Krawatten sind um den Hals in den vergangen Monaten immer enger geworden. Batke steigt aus. Es ist ein Abschied auf Raten.

Aus Gestatten, Christopher Batke, jung, dynamisch, High Potential, künftige Führungskraft mit Aussicht auf große Karriere bei einer gar nicht so kleinen Bank,

wird Gestatten, Christopher Batke, Teilzeitkraft, freiwilliger Helfer, Ausbildungspate, sozial engagiert, Social Entrepreneur.

Wie Wirtschaft sein kann und sollte

Es ist Donnerstag, 19.30 Uhr, Batke hat sich umgezogen, für die Studenten darf es noch ein bisschen mehr casual sein, blaugestreiftes Hemd, braune Jeans, eine 1,5-Liter-Flasche Cola im Rucksack, aus der er kurz vor seinem Auftritt in großen Schlucken trinkt. Es ist erst ein paar Jahre her, da war Batke einer von ihnen. Jetzt ist er 28, so jung und schon ein Aussteiger.

Christopher Batke vor seinen Zuhörern an der Uni Hannover

(Foto: Sabrina Ebitsch)

Um 20.15 Uhr jedenfalls steht Batke im Hörsaal vor den Zuhörern des Arbeitskreises Plurale Ökonomik der Uni Hannover, der die Wirtschaftswissenschaften eben pluraler, weniger neoklassisch, anders machen will. Es ist eine Ringvorlesung, wie Wirtschaft sein kann und sollte und Batke sagt, was er dazu zu sagen hat. Er hat kurze braune Haare, die fast senkrecht aufstehen, und einen 1,5-Tage-Bart. Er lacht, gestikuliert, macht Satzzeichen mit den Händen, er kann mit den Leuten. Die 40 Zuhörer, die den ersten warmen Sommerabend anstatt mit Grillen in einem blassen Backsteinbau verbringen, im Raum VII 003 der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät, bleiben bis zum Schluss.

Batke berichtet von seinem Unbehagen mit den gängigen kapitalistischen Strukturen und der mit ihnen verbundenen Krisen, von seinem Neuanfang und dem Wunsch, mehr zu tun. Von Social Entrepreneurship, also von Unternehmen, die sich von reiner Gewinnmaximierung abwenden und auf sozialen Ertrag, auf Investitionen ins Gemeinwohl setzen.

Helfen und nebenher Geld verdienen

Batke will das auch: Geld und Gutes machen. Gemeinsam mit seiner Geschäftspartnerin Elisa Bader hat er die "Talententwickler" gegründet, eine Firma, die zum einen den Bereich Social Entrepreneurship in Hannover stärken und Gründer beraten will. Die aber zum anderen auch junge Menschen beim Entwickeln ihrer Talente unterstützt. Batke will Schüler und Studenten beraten, ihnen helfen, damit sie ihren Weg finden. Bei der Berufswahl Tipps geben, Vorstellungsgespräche simulieren, Bewerbungsanschreiben in Form bringen. Unentgeltlich. Er hat das gelernt.

Als alles anders wird, sitzt Batke vornübergebeugt im Maschpark in Hannover. Kurz davor, in Tränen auszubrechen. Wenig später ist er Ausbildungspate, nimmt Teil an einem Mentorenprogramm für Real- und Hauptschüler. Er hilft Acht -und Neuntklässlern, Entscheidungen zu treffen, berät sie zu Praktika und Berufschancen. Er steht vor Schulklassen und erklärt, was es für Lehrstellen gibt, was man dafür braucht. Weil er Gutes tun will, weil er Sinn sucht, weil er es kann. Ein altruistischer Egotrip. Weil es hier persönlich wird.

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