Solarenergie in Europa Traum von einer Riesenfabrik

Europa will bei der Solarenergie nicht länger im Schatten von China stehen - hier ein Forscher im Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme.

(Foto: Marijan Murat/dpa)

Im Überlebenskampf mit der Konkurrenz aus China erwägt Europas Solarbranche den Bau einer gemeinsamen Anlage für Solarmodule. Die Frage ist nur, wer für das Milliardenprojekt zahlt.

Von Markus Balser, Berlin

Erst wenige Jahre ist es her, da glänzte Deutschlands Solarindustrie an der Spitze der Welt. Da war sie den Rivalen immer einen Technikschritt voraus und schuf Tausende Jobs. Conergy, Solon oder Q-Cells wurden zu Marktführern und milliardenschweren Börsenstars. Die Welt schaute gebannt auf Deutschlands grüne Revolution. Geblieben ist davon nur ein Trümmerfeld. Bedrängt von chinesischer Billigkonkurrenz, starb zuletzt beinahe im Wochenrhythmus ein Stück grüne Hoffnung. Dutzende Firmen, unter ihnen auch die einstigen Stars, mussten nach einem rasanten Absturz Insolvenz anmelden. Weltkonzerne wie Bosch und Siemens stiegen aus dem Solargeschäft aus. Und Tausende Mitarbeiter verloren ihre Jobs.

Doch hinter den Kulissen reift in Europa in diesen Wochen ein ebenso überraschender wie aufsehenerregender Plan. Geht es nach führenden Forschungsinstituten und mehreren Unternehmen soll ein moderner Energie-Airbus den Exodus stoppen. Ein europäisches Konsortium aus Forschern und Unternehmen erwägt nach Informationen der Süddeutschen Zeitung den Gegenangriff auf die Vormacht Chinas. Entstehen soll binnen drei Jahren als deutsch-französisch-schweizerische Kooperation die weltweit größte Solarfabrik. Kosten: rund eine Milliarde Euro. Die Pläne, die bislang nur in Fachzirkeln kursieren, sind weit gediehen. Gehen sie auf, soll bei Freiburg bereits Anfang 2015 eine Pilotanlage die Produktion aufnehmen. Erfüllt sie die Erwartung der Investoren, soll die Riesenfabrik voraussichtlich auf französischer Seite in Bau gehen und 2017 oder spätestens 2018 den Weltmarkt mit Solaranlagen Made in Europe beliefern. Zu den Instituten, die die Pläne vorantreiben, gehören das größte Solarforschungsinstitut der Welt, das Fraunhofer ISE in Freiburg, das französische Forschungsinstitut INES in Le Bourget-du-Lac und das private Schweizer Zentrum für Elektronik und Mikrotechnik (CSEM) mit Sitz in Neuchâtel.

Es geht um ein Projekt ohne Vorbild. Die Anlage mit bis zu 1200 Beschäftigten würde existierende Fabriken für Solarmodule an Größe und Produktivität in den Schatten stellen und eine Jahreskapazität von einem Gigawatt erreichen. Bestehende Fabriken kommen auf 100 bis 500 Megawatt.

Das Ziel: Der Größenvorteil soll den Preis der Module so stark senken, dass Europa selbst Chinas Billigfabriken mit den eigenen Waffen schlagen könnte. Eine gerade abgeschlossene und vom Bundesland Baden-Württemberg geförderte Machbarkeitsstudie kommt zum Schluss: Die Produktionskosten der sogenannten X-GW-Fabrik könne "circa 20 Prozent unter dem aktuellen Niveau liegen" - also noch deutlich unter dem chinesischer Anbieter. Für die Experten ist klar. Angriff wäre die beste Verteidigung. "Hiesige Forschungsinstitute, Maschinenhersteller und Materiallieferanten für die Solarindustrie sind nach wie vor technologisch global führend", heißt es in der Studie. Ohne enge Zusammenarbeit in Europa seien ihre Unabhängigkeit und ihre europäischen Standorte jedoch gefährdet, warnen die Autoren. Dabei hatte die Politik gehofft, einen neuen Industriezweig - ähnlich dem der Autoindustrie - aufzubauen. "Wir wollen beweisen, dass der Zug für Europas Solarbranche noch nicht abgefahren ist", sagt ISE-Chef Eicke Weber.

Auch Banken seien bei Solarprojekten extrem vorsichtig geworden, sagt ein Insider

Der kühne Rettungsplan beschäftigt auch die Hauptstädte Berlin und Paris. "Ein Unternehmen europäischer Dimension in der Photovoltaik wäre grundsätzlich begrüßenswert", teilt das Wirtschaftsministerium mit - es hätten "bezüglich des Projekts Kontakte zum Wirtschaftsministerium stattgefunden". Die Förderung etwa einer Demonstrations- und Pilotphase sei möglich. Letztlich aber hingen die Erfolgsaussichten davon ab, ob Investoren bereit seien, sich einzubringen.

Auch in Paris haben sich Ministerien mit dem Vorhaben beschäftigt. Frankreichs Staatschef François Hollande warf Anfang 2014 die Idee eines Energie-Airbus auf. Aus seinem Umfeld verlautete damals, es gehe um Joint Ventures und Allianzen - vor allem bei erneuerbaren Energien.

Warme Worte werden für das Projekt jedoch nicht reichen. Die Planer kündigen zwar an, auf Subventionen zu verzichten. Solarfirmen fehlt aber derzeit die Finanzkraft, um die rund eine Milliarde Euro für das Projekt aufzubringen. Auch Banken seien bei Solarprojekten extrem vorsichtig geworden, sagt ein Insider. Der Plan wird deshalb nur aufgehen, wenn staatliche Förderbanken wie KfW in Deutschland oder die Europäische Investitionsbank (EIB) zinsgünstige Kredite zur Verfügung stellen. Möglicher Nebeneffekt: Günstige Solarzellen könnten die Energiewende verbilligen.

Ob die Politik sich in großem Maß engagiert, ist dennoch fraglich. Zu groß sind in Deutschland schon jetzt die Lasten der Energiewende. Zu groß möglicherweise die Risiken des Projekts. Denn der Plan geht nur auf, wenn der kriselnde Solarmarkt in den nächsten Jahren stark anzieht. Möglich ist das - aber eben nicht sicher. Die Internationale Energieagentur geht davon aus, dass die Karten in der internationalen Solarbranche in den kommenden Jahren neu gemischt werden. Sie erwartet eine stark steigende Nachfrage nach Modulen - und ein Ende der Krise.

Bis 2020 sollen weltweit doppelt so viele Anlagen installiert sein wie heute. Eine Prognose, mehr nicht. Und so streitet die Branche über die Pläne: Europas größter Solarhersteller Solarworld aus Bonn fürchtet neue Konkurrenz und lehnt die Pläne ab. "Wir beteiligen uns nicht", sagt ein Sprecher. ISE-Chef Weber hofft auf eine schnelle Lösung - und den Mut der beteiligten Politiker: "Ohne öffentliche Garantien wäre auch nie ein Airbus gebaut worden."