Smart City Die gute Verschwörung

Die Ulmer haben das Münster einst selbst gebaut, jetzt können sie nebenan die Zukunft ihrer Stadt gestalten. Beim Hacken und Löten sollen die Bürger Antworten auf Fragestellungen des Alltags finden.

Von Felicitas Wilke, Ulm

Die Menschen in Ulm waren schon immer gut darin, die Zukunft ihrer Stadt selbst in die Hand zu nehmen. Ihr weltbekanntes Münster errichtete damals im 14. Jahrhundert nicht die Kirche oder ein weltlicher Herrscher - es waren die Bürger selbst, die das Gotteshaus mit dem bis heute höchsten Kirchturm der Welt finanzierten. Und noch heute leistet der Oberbürgermeister jedes Jahr am vorletzten Juli-Montag im Schwörhaus einen Eid auf die erste deutsche Stadtverfassung, die 1397 in Kraft trat.

620 Jahre später vernetzen sich die Bürger gleich neben dem Schwörhaus im neuen Verschwörhaus, das wirklich so heißt. Das Experimentierfeld in einem ehemaligen Sparkassengebäude ist Teil einer digitalen Strategie der Stadt Ulm und der Unternehmerinitiative "Ulm Digital". Auf 500 Quadratmetern können die Ulmer handwerkeln, miteinander ins Gespräch kommen und konkret erleben, wie sie die Möglichkeiten einer smarten und vernetzten Stadt im Alltag nutzen können. Zum Beispiel für ihre Tomaten im Schrebergarten.

Doch erst einmal ein Blick ins Schaufenster.

Eine improvisierte Lampe aus Pappbechern hängt dort, darunter steht eine alte Fernsprechanlage, die als Haustelefon dient. Überall liegen Kabel und Zangen, dazwischen verwaisen Kaffeetassen. In der Raummitte parkt ein Fahrrad mit großer Ablage vor dem Lenker - ein Lastenfahrrad, das hier gerade einige Bürger gebaut haben und das sich künftig jeder Ulmer ausleihen kann. "Um nicht immer gleich das Auto nutzen zu müssen, wenn es mal etwas zu transportieren gibt", erklärt Stefan Kaufmann. Er ist hier Hausherr und Hausmeister in einem. Kaufmann, Anfang 30, trägt Drei-Tage-Bart und T-Shirt und arbeitet bei der Stadt Ulm als Projektmanager für das Verschwörhaus. Dass es seine Stelle und diesen Ort gibt, liegt auch an ihm selbst - und daran, dass "die richtigen Leute zur richtigen Zeit aufeinandergetroffen sind".

Blick vom Ulmer Münster, das nicht etwa die Kirche, sondern die Bürger der Stadt Ende des 14. Jahrhunderts erbaut hatten.

(Foto: Mauritius Images)

Kaufmann stammt aus der Nähe von Ulm. Nach dem Abitur, als viele seiner Klassenkameraden von der schwäbischen Provinz nach Berlin zogen, blieb er - und ging zum Studium der Medieninformatik ins nahe gelegene Ulm. "Ich wollte die Region nicht den Konservativen überlassen", sagt Kaufmann, der trotz seines Jobs bei der Stadt eher wie ein Anarcho als wie einer aus dem öffentlichen Dienst wirkt. Gemeinsam mit Kommilitonen experimentierte er in einer Arbeitsgruppe mit offenen Daten und ging der Frage nach, was man mit freigegebenen Nahverkehrsdaten Sinnvolles anstellen kann - zum Beispiel eine App konzipieren, die anzeigt, wann der nächste Bus von der Uni in die Stadt fährt. Oder ein Programm, das über verschiedene Regionen und Verkehrsverbünde hinweg die schnellste und günstigste Verbindung von A nach B herausfindet.

Zu dieser Zeit lernte er den heutigen Oberbürgermeister Gunter Czisch kennen, der sich schon damals für digitale Themen interessiert habe. Nach der Wahl von Czisch nahm die Idee an Fahrt auf. Einige Unternehmer aus der Stadt, die sich zur Initiative "Ulm Digital" zusammengeschlossen hatten, entschieden sich, einen Ort zu schaffen, der weniger akademisch an Dinge herangeht als die Universität, im Zentrum liegt und für alle offen ist. Einen Ort wie das Verschwörhaus. Die Stadt bezuschusst das Projekt mit 70 000 Euro pro Jahr und finanziert die Stelle von Stefan Kaufmann.

Kreissäge trifft auf 3-D-Drucker: Im Haus steht altbewährtes Werkzeug neben Hightech

Seit Juli 2016 können die Bürger im Erdgeschoss und im Keller des alten Sparkassengebäudes an Arbeitsplätzen mit Lötkolben hantieren, die Nähmaschine und die Tischkreissäge nutzen und die Funktionen des 3-D-Druckers und des neuen Lasercutters kennenlernen. Zudem gibt es Kurse für Wikipedia-Einsteiger und offene Abende, an denen die Besucher mit dem Netzwerk LoRaWAN experimentieren können. Oft geht es dabei um Handwerkliches und digitale Themen - aber nicht nur: Einmal wöchentlich können Geflüchtete im Bewerbercafé mit fachkundiger Unterstützung an ihren Bewerbungsunterlagen arbeiten, immer wieder finden auch Vorträge statt, etwa zur Zukunft der Arbeit. "Die Technik ist immer nur die Basis für die gesellschaftlichen Veränderungen, die wir hier vorantreiben wollen", sagt Kaufmann.

Wie die vernetzte Stadt den Alltag der Bürger erleichtern kann, zeigt sich an diesem Mittwoch im Spätsommer vor dem Verschwörhaus. Vier Männer sitzen in der Abendsonne auf Klappstühlen, den Laptop auf dem Schoß, die Club-Mate-Limo griffbereit. Wie sie da konzentriert auf ihre Bildschirme blicken, entsprechen sie dem Stereotyp eines technikverliebten Nerds. Allerdings nur äußerlich. "Wir versuchen, Nerd-Klischees auszublenden und ein besseres Gegenbeispiel zu leben", sagt Kaufmann. Das bedeutet für ihn, "dass wir keine Besserwisserei betreiben, sondern dass es okay ist, zu fragen". Und tatsächlich: Geduldig erklären Kaufmann und die anderen, was sie hier eigentlich machen: Sie beschäftigen sich mit der LoRaWAN-Verbindung, die in fast ganz Ulm verfügbar ist. Das Netzwerk, das mit vollem Namen Long Range Wide Area Network heißt, überträgt zwar nicht so viele Daten wie das Wlan, hat aber eine größere Reichweite.

Verkehr, Sicherheit, Umwelt - wie verändert die Digitalisierung das Leben in den Städten? SZ-Serie · Folge 14

(Foto: )

Um von dem Netz profitieren zu können, braucht man eine programmierbare Platine und einen Sensor, den man daran befestigt. Matthias, einer der Besucher im Verschwörhaus, hat eine solche Konstruktion in seinem Schrebergarten angebracht, um zu prüfen, ob der Boden noch feucht genug für die Tomaten ist. "Ich wohne am Münster und mein Garten liegt am anderen Ende der Stadt", sagt er. "So muss ich nicht jeden Tag hinfahren und nach dem Rechten schauen." Die Platine, die es braucht, um LoRaWAN zu nutzen, kostet eigentlich mindestens 30 Euro; im Verschwörhaus gibt es sie für einen Zehner - weil die Unternehmerinitiative die Freiwilligen im Verschwörhaus finanziell bei der Entwicklung eines günstigeren Modells unterstützt hat. So ist es überhaupt möglich, dass die Technik für die breite Masse zugänglich wird. Ein Informatiklehrer, der an diesem Abend mit von der Partie ist, schmiedet schon Pläne: Zusammen mit seinen Schülern könnte er ein paar Platinen mit Sensor auf dem Schulparkplatz anbringen - und mithilfe der Daten eine App oder Website programmieren, die schon vor der Fahrt zur Schule anzeigt, ob noch einer der begehrten Parkplätze frei ist.

Die Summe der kleinen Dinge des Lebens soll die Bürger zu "mündigen Akteuren" machen

Einzeln betrachtet sind es eher die kleinen Dinge des Lebens, die man im Verschwörhaus angehen kann. Doch in der Summe sollen sie dafür sorgen, dass Bürger "zu mündigen Akteuren" werden, wie Kaufmann sagt - zu Menschen, die Probleme in der Stadt identifizieren und beim Hacken, Basteln und Löten Lösungen finden.

Mit dem Begriff der "Smart City" tut sich Kaufmann schwer. "Das war aus meiner Sicht vor allem ein Buzzword der großen IT-Anbieter", sagt er. Das Verschwörhaus sieht er nicht als Teil einer, wie er sagt, "Anzug-und-Krawatten-Smart-City", sondern als Gegenbewegung, die das Thema von unten herauf angeht und die Bürger und deren Bedürfnisse von Beginn an einbezieht. Eine solche Stadt ist für ihn eher eine "Clever City" als eine smarte. Oder eine "Rebel City", so wie die Digitalstrategin von Barcelona, Francesca Bria, ihre Stadt nennt. Mit dem Verschwörhaus möchte der Projektmanager alle Bürger ansprechen. Er sagt aber selbst, dass es ein harter Kern von etwa 50 Menschen aus der Zivilgesellschaft sei, der sich regelmäßig einbringe. Manchmal kommen neue hinzu, so wie der ältere Herr, der an diesem Abend am Schaufenster klopft und Kaufmann auf breitem Schwäbisch fragt, was hier denn so geboten sei - und dann neugierig den hilfsbereiten Besuchern des Verschwörhauses über die Schulter blickt.

Die Menschen, die an diesem Abend zusammensitzen und programmieren, sehen ähnlich aus wie die in den IT-Abteilungen vieler deutscher Unternehmen: weiß und männlich. Damit sich daran in Zukunft etwas ändert, will Stefan Kaufmann im Verschwörhaus auch Mädchen von klein auf für Technik begeistern. Zu den Workshops, in denen Kinder lernen können, bunt blinkende Teile zu löten oder Schmuck aus dem 3-D-Drucker zu gestalten, kommen schon Zweitklässler. Jung genug, um noch nicht durch stereotype Nerd-Serien wie "Big Bang Theory" verdorben zu sein, sagt Kaufmann. Und jung genug, um hartnäckige Geschlechterstereotype aufzubrechen, hofft er. Bei den Workshops mit Teilnehmern im Grundschulalter seien teilweise mehr Mädchen als Jungen", berichtet Kaufmann.

In Ulm haben sie sich also mal wieder Großes vorgenommen: Diesmal bauen sie kein Münster, sondern wollen mit dem Verschwörhaus dazu beitragen, die Gesellschaft zu verändern. Allein mit LoRaWAN, Sensoren und Schmuck aus dem 3-D-Drucker klappt das nicht. Mit engagierten Bürgern, wie es sie hier schon immer gab, vielleicht schon.