Silicon Valley Wie im Jahr 2000 - nur viel schlimmer

  • Investoren stecken Milliarden in junge Unternehmen aus dem Silicon Valley.
  • Niemand weiß, ob diese Preise nicht überschätzt sind.
  • Wird sich die Geschichte wiederholen und der Markt für junge Internetfirmen kollabieren wie im Jahr 2000?
Von Claus Hulverscheidt und Jürgen Schmieder, New York

Es gibt eine Fernsehsendung in den USA, in der Menschen in ein Becken voller Haie geworfen werden. Natürlich sind es keine echten Haie, vielmehr müssen in der Show "Shark Tank" Jungunternehmer Geldgebern eine Geschäftsidee schmackhaft machen. Die "Finanzhaie" befragen die Kandidaten wie bei einem Tribunal und machen sich mitunter über deren Ahnungslosigkeit lustig. Dann schachern sie um Anteile an den Firmen, und der Zuschauer fragt sich: 200 000 Dollar für einen 15-Prozent-Anteil an einem Betrieb, der personalisierte Wolldeckchen verkauft? Ist das nicht ein bisschen viel?

Die Sendung beschreibt die Realität besser, als viele ahnen. Knapp 16 Milliarden Dollar für eine App, mit der man Fotos und Kurznachrichten verschicken kann - ist das nicht ein bisschen viel? Scheinbar nicht, denn so viel ist die Firma Snapchat nach jüngster Taxierung wert. Der Zimmer-Vermieter Airbnb bringt es auf 24 Milliarden Dollar und ist damit teurer als die Marriott-Gruppe mit mehr als 4000 Hotels. Und der Fahrdienstvermittler Uber peilt gar die 50-Milliarden-Dollar-Marke an.

Ein unfassbarer Rummel um Unternehmen, deren Zukunft vage ist

Nach einer Studie der Vereinigung National Venture Capital Association haben Finanzinvestoren allein 2014 fast 50 Milliarden Dollar in Unternehmensgründungen gesteckt, 19,2 Milliarden Dollar mehr als im Vorjahr. Immer mehr Beobachtern wird angesichts der gigantischen Summen schwindlig, und viele fragen sich: Entsteht da gerade die nächste riesige Spekulationsblase, die bald mit lautem Knall platzen wird? Wiederholt sich die Geschichte und der Markt für junge Internetfirmen kollabiert wie einst im März des Jahres 2000? Und lernen die Menschen eigentlich nichts aus ihren Fehlern?

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Einer der Hauptakteure bei Shark Tank ist Mark Cuban, der dadurch bekannt wurde, dass er seine Firma Broadcast.com elf Monate vor dem Platzen jener Dotcom-Blase an Yahoo verkaufte. Yahoo gehört heute nicht mehr zu den Großen der Technologiebranche, Cuban aber ist seither Milliardär. Das heutige Treiben der Finanzinvestoren betrachtet der 56-Jährige mit Unbehagen: "Es ist alles wieder so wie im Jahr 2000 - nur viel schlimmer", schrieb er jüngst in seinem Blog. Wieder werde ein unfassbarer Rummel um Unternehmen veranstaltet, die zumeist Verluste anhäuften und deren Zukunftschancen nur vage seien.

Totale Intransparenz

Vor allem eine Sache ist es, die die Dinge aus Cubans Sicht schlimmer macht als vor 15 Jahren. Damals waren fast alle jungen Internetunternehmen an der Börse notiert, es gab somit für Miteigentümer eine Plattform, um Anteilsscheine - wenn auch im Zweifel mit Verlust - wieder loszuwerden. Heute schieben viele Firmen, darunter auch große wie Uber, den Börsengang hinaus. Sie sammeln ihr Kapital lieber bei sogenannten Investorenrunden ein und werkeln im Verborgenen. Platzt die Blase, werden viele dieser Investoren niemanden finden, der ihnen ihre Beteiligung abkauft.

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Das Ergebnis ist totale Intransparenz, wie Ben Lerer, Chef der Beteiligungsgesellschaft Lerer Hippeau Ventures, klagt. "Es ist wirklich schwer zu sagen, ob Uber nun 25, 35 oder 45 Milliarden Dollar wert ist, solange eine Bewertung durch die Märkte fehlt", sagte er dem Fernsehsender CNBC. "Tatsache ist, dass an der US-Westküste gerade sehr viel Geld ausgegeben wird." Für seinen Kollegen Geoff Yang von Redpoint Ventures ist die Sache deshalb klar: "Die Bäume wachsen nicht in den Himmel. Deshalb gehe ich davon aus, dass es über kurz oder lang eine Preiskorrektur geben wird." Es gibt allerdings auch Unterschiede zum Dotcom-Wahn der späten 1990er-Jahre. Während damals die Investoren, darunter Hunderttausende ahnungslose Kleinanleger, ihr Geld auf viele Firmen verteilten, suchen Investoren heute nach Unicorns, nach Einhörnern, die so genannt werden, weil sie so selten sind: junge Firmen, die mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet werden. Sich an solch einem Unternehmen zu beteiligen, ist das Ziel der meisten Geldgeber. Zu beobachten war das im vergangenen Jahr, als sich Facebook für zwei Milliarden Dollar den Virtual-Reality-Brillen-Hersteller Oculus einverleibte. Seither buhlt Oculus im Wettkampf mit Sony, Microsoft und HTC um die Aufmerksamkeit des Publikums, und nicht wenige rätselten, ob Facebook da tatsächlich ein Einhorn eingefangen hat - oder vielleicht doch nur ein gewöhnliches Pferd.

Die Suche nach den Fabelwesen

Die Suche nach den wenigen Fabelwesen führt dazu, dass die großen Namen wie Uber, Airbnb oder der Fitnessbändchen-Hersteller Fibit mit Geld geradezu überschüttet werden. Zwar sind sich, anders als 1999, alle Beteiligten bewusst, dass hier womöglich gerade die nächste große Blase entsteht. Die Party verpassen will deshalb aber lange noch keiner. Große Namen, so hofft man, schützen auch vor großen Reinfällen. Aber das haben die Aktionäre von AOL und Netscape auch gedacht.

Alle Augen sind heute auf Uber gerichtet, jenen Fahrvermittler, der kein einziges Auto selbst besitzt und doch so viel wert ist wie der Logistikkonzern Federal Express mit all seinen Flugzeugen. Viele Finanzexperten geben sich selbst als Uber-Kunden zu erkennen und erklären öffentlich, wie froh sie sind, etwa der tristen gelben Taxi-Welt New Yorks mit ihrer schwer erträglichen Mischung aus Unfreundlichkeit und Ahnungslosigkeit entkommen zu sein. Andere sehen in Uber gar den Initiator einer Weltrevolution: "Wir reden hier über Milliarden Dollar, die sich weg von einer Auto-basierten Wirtschaft hin zu einem System verschieben werden, das den Menschen Dinge auf Abruf zur Verfügung stellt", sagt etwa Walter Isaacson, der Präsident des Aspen-Institutes. "Es hat in den vergangenen sechs Jahren kein Konzept gegeben, das das Potenzial hat, unser tägliches Wirtschaftsleben so nachhaltig zu verändern wie Uber. Ich finde es wirklich gewaltig."

Umgekehrt ist aber auch klar: Sollte sich unter den Investoren irgendwann der Eindruck durchsetzen, dass es bis zur Weltrevolution noch eine Weile hin sein könnte, wird es kräftig rappeln im Karton. "Wenn Uber einen Schnupfen bekommt, wird sich der Rest der Einhörner eine Lungenentzündung einfangen", sagte Kevin Kinsella, der Gründer der Beteiligungsgesellschaft Avalon Ventures, der Finanzzeitung Barron's.

Dass der Crash kommt, ist damit nicht gesagt. Einerseits hat der Nasdaq Composite, der Börsenindex für Technologiefirmen, seine Höchstwerte aus den Zeiten des Dotcom-Booms längst überschritten. Andererseits ist die Branche auch erwachsener geworden. "Wir sehen, was Uber und Lyft im Bereich Transport angestellt haben, Airbnb bei Vermietungen und Fitbit in der Wellnessbranche. Das sind alles sehr reale Geschäftsmodelle", sagt der Investor Roger McNamee. Auch Steven Kaplan, Professor für Firmengründungen an der Universität Chicago, glaubt, dass die heutigen Risiken mit denen von 2000 nicht vergleichbar sind - "zumindest noch nicht", wie er vorsichtshalber hinterherschickt. "Ich würde das, was gerade passiert, eher mit 1998 vergleichen als mit 2000."

Marc Cuban jedenfalls, der Dotcom-Milliardär von 1999, entschloss sich seinerzeit, das Glück nicht ein zweites Mal herauszufordern und die Finger von allzu riskanten Investments zu lassen. Stattdessen erfüllte er sich einen Kleine-Jungs-Traum und kaufte das Basketball-Team der Dallas Mavericks. 2011 holte die Mannschaft um ihren deutschen Star Dirk Nowitzki erstmals den Titel, und als die Fans bei der Meisterfeier stehend applaudierten und "Thank you, Mark!" skandierten, konnte Cuban seine Tränen nicht mehr zurückhalten. Nicht einmal der Fang eines Einhorns kann solche Gefühle aufwiegen.