Siemens Warum sich Siemens mit Osram streitet

Siemens sucht auf der Hauptversammlung den offenen Kampf mit Vorstandschef Olaf Berlien. Der kann sich in seiner Position halten. Gerade noch.

Von Christoph Giesen

Als vierter Redner tritt Christian Bleiweiß ans Pult. Der Mann kümmert sich bei Siemens um die Konzernbeteiligungen. Noch immer hält das Münchner Industrieunternehmen 17,5 Prozent an seiner ehemaligen Lichttochter und ist mit Abstand der größte Aktionär von Osram. Schnell kommt Bleiweiß bei der Hauptversammlung an diesem Dienstag zur Sache. Osram-Chef Olaf Berlien habe mit seinem Strategiewechsel im vergangenen November Börsenwert vernichtet und das Risikoprofil deutlich erhöht. Zudem habe Berlien den Konzern nicht mit der notwendigen Vorsicht und Umsicht gelenkt, moniert Bleiweiß und kritisiert die schlechte Kapitalmarktkommunikation von Osram.

Dann kommt die Kampfansage. Überraschend kündigt Bleiweiß an, dass die frühere Muttergesellschaft gegen die Entlastung von Berlien stimmen werde. Finanzvorstand Klaus Patzak solle hingegen bestätigt werden. Der Eklat ist da, im Saal wird es still. Siemens wagt also die Machtprobe, geht öffentlich auf Konfrontation, und das beim Aktionärstreffen.

Nach dem Siemens-Mann ist Caterina Steeg an der Reihe, sie hat schon viele Hauptversammlungen erlebt und so manchem Vorstand dabei einen Schreck eingejagt, sie gilt als sehr klagefreudig. Doch ein Ankeraktionär, der wie ein skrupelloser Finanzinvestor agiert und versucht den Vorstand aus dem Amt zu jagen - das hat auch sie noch nicht erlebt: "Nach dieser Nachricht muss ich mich erst einmal sammeln." Dann aber legt sie los: "Wer im Vorstand", fragt sie, sei eigentlich für die klägliche Kapitalmarktkommunikation zuständig? Die Antwort: Die Investor-Relations-Abteilung untersteht Finanzmann Patzak. "Aber warum will Siemens ihn dann entlasten?", fragt Steeg. Weil Patzak ein enger Vertrauter von Siemens-Chef Joe Kaeser und ein Berlien-Gegner ist?

Eine Werbeaktion von Osram in den 1920er-Jahren: Die Firma wurde 1919 gegründet und mit der Glühbirne groß und erfolgreich.

(Foto: Osram)

"Ich empfinde das als eine gnadenlose Frechheit"

Die Antworten von Aufsichtsratschef Peter Bauer und den beiden Osram-Vorständen fallen schmallippig aus - nur nicht noch weiter provozieren. Caterina Steeg reicht das nicht. Also steigt sie erneut auf die Bühne. Kaum hat sie begonnen, steht Patzak auf. Ob absichtlich oder weil er bloß zur Toilette muss, ist nicht klar. Caterina Steeg ärgert sich jedenfalls maßlos: "Ich empfinde das als eine gnadenlose Frechheit", schimpft sie.

Um 15.35 Uhr liegt schließlich das Ergebnis der Abstimmung vor. Siemens hat seine Drohung wahr gemacht: Mit 70,7 Prozent wird Olaf Berlien entlastet, mithilfe der übrigen Aktionäre. Das Vertrauen von Siemens hat er nicht mehr, das Verhältnis der beiden Unternehmen ist nun nachhaltig beschädigt. Vorstandskollege Patzak erhält 97,3 Prozent.

Die Aktie stürzte nach dem Strategieschwenk ab und erholte sich nicht mehr

Angefangen hatte die Entfremdung der beiden Münchner Unternehmen vor gut drei Monaten. Gleich viermal rügte Siemens-Chef Kaeser die Entwicklung der Osram-Aktie, nachdem die Leuchten-Firma Mitte November überraschend eine neue Ausrichtung bekannt gegeben hatte. Für eine Milliarde Euro soll eine LED-Fabrik in Malaysia gebaut werden, die Leuchtdioden für den Massenmarkt herstellt. Der Aktienkurs war danach um knapp ein Drittel eingebrochen. "Ich war natürlich nicht glücklich darüber, dass der Osram-Kurs um fast 30 Prozent abgestürzt ist", gab Kaeser später zu Protokoll. Und er fügte hinzu: "Wir müssen uns erst einmal darüber klar werden, welche Intention Osram verfolgt." Offenbar wollte Siemens die Beteiligung abstoßen, der Plan war erst mal zunichte.

Mindestens ein Mitarbeiter von Siemens war jedoch sehr intensiv in den Strategieschwenk eingebunden: Siemens-Vorstand Roland Busch, er ist stellvertretender Vorsitzender des Osram-Aufsichtsrats. Allerdings soll Busch aus kapitalrechtlichen Gründen nie mit Siemens-Vertretern über die Neuausrichtung von Osram gesprochen haben. "Der Siemens-Vorstand war im Vorfeld der Osram-ad-hoc Kommunikation vom 10. November 2015 nicht über deren Inhalte oder Zeitpunkt informiert. Der Strategieschwenk von Osram hat Siemens und den Markt unvermittelt getroffen", teilte das Unternehmen bereits vor Weihnachten mit.

Direkt nach der Hauptversammlung verschickt Osram dann eine eigene Meldung: "Die Umsetzung der Strategie ist im Sinne des Unternehmens, seiner Mitarbeiter und seiner Kunden. Sie ist aus Sicht des Aufsichtsrats alternativlos für eine nachhaltige Zukunft des Unternehmens", lässt sich Aufsichtsratschef Peter Bauer zitieren. Volle Rückdeckung also, und das offenbar auch vom Siemens-Vertreter im Gremium. Auch Bauers zweiter Stellvertreter, IG-Metall-Mann Michael Knuth, meldet sich zu Wort: "Ich sage das ganz bewusst als Gewerkschafter: Ich habe noch nie so eine Einigkeit über eine Entscheidung im Aufsichtsrat erlebt wie jetzt hier bei Osram." Er hoffe nun, "dass sich die Vernunft durchsetzt." Aber ist das überhaupt realistisch? Unstrittig ist derzeit nur: Berlien bleibt erst einmal auf seinem Posten. Siemens hingegen ist mit seiner Strategie, den Vorstandschef aus dem Amt zu putschen, vorerst gescheitert. Siemens könnte nun seine Anteile an Osram verkaufen oder weiterkämpfen. Die Wirtschaftswoche spottet zumindest schon einmal: "Wer solche Eigentümer hat, braucht keine Konkurrenten mehr."

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