Von Markus Balser und Klaus Ott

Der ehemalige Siemens-Direktor Reinhard Siekaczek erzählt, wie sich Führungskräfte "elegant vom Acker machen wollten" und wie das System der gelben Zettel funktionierte.

Der Angeklagte ist bestens vorbereitet. Reinhard Siekaczek, 57, hat sich zahlreiche Notizen gemacht, um dem Gericht seine Sicht der Dinge schildern zu können. Es geht um viele Details, ein paar hunderttausend Euro hier, ein paar Millionen Mark dort, um schwarze Kassen in der Schweiz oder Monaco, um Schmiergeldzahlungen in Nigeria oder Russland. Da kann man leicht den Überblick verlieren und schreibt sich besser auf, was zu sagen ist.

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Der ehemalige Siemens-Direktor packte vor Gericht über das System der gelben Zettel aus. (© Foto: dpa)

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Nahezu sein ganzes Berufsleben hat der Münchner Industriekaufmann bei Siemens zugebracht. Mit 16 Jahren begann der gebürtige Erdinger eine Lehre in dem Technologiekonzern, er arbeitete sich nach oben und brachte es in der Telefonsparte ICN schließlich zum Direktor. Das sei freilich nur ein "Titel ohne Mittel" gewesen, ein Zeichen der Anerkennung. Mit mehr Macht oder mehr Geld sei das nicht verbunden gewesen, sagt Siekaczek am Montag vor der fünften Strafkammer des Landgerichts München I.

Der weltgewandte Bayer, der für seinen Arbeitgeber in viele Länder reiste, ist der erste Angeklagte in der Korruptionsaffäre bei Siemens und zugleich eine Schlüsselfigur. Er hat schwarze Kassen verwaltet, die für weltweite Schmiergeldzahlungen genutzt wurden.

Die gelben Zettel

Ohne seine Mithilfe, ohne die 38 Aktenordner voller Material, die er übergeben hat, wäre es der Staatsanwaltschaft wohl kaum möglich gewesen, die Schmiergeldsysteme bei Siemens so weit aufzudecken, wie das inzwischen geschehen ist. Offen ist freilich noch, wie weit diese Systeme nach oben reichten. Diese Frage interessiert auch die Justiz, wie der Vorsitzende Richter Peter Noll schon bald zu erkennen gibt. Anlass dazu geben Noll die sogenannten Gelben Zettel, die Siekaczek mitgebracht hat, um sich Notizen machen zu können.

Diese Zettel mit ihrem Klebestreifen auf der Rückseite, auch Post-its genannt, sind wichtige Beweismittel in der Affäre. Aber deshalb hat Siekaczek die Papierchen nicht mitgebracht, wie er dem Richter sagt, als der ihn etwas spöttisch danach fragt. Bei Siemens waren für alle Rechnungen, die zur Zahlung freigeben wurden, zwei Unterschriften notwendig. Natürlich auch bei jenen Mitteln, die über Scheinverträge anschließend in schwarze Kassen flossen.

Viele Führungskräfte unterschrieben aber nicht direkt auf den betreffenden Dokumenten, sondern auf gelben Zetteln, die auf diese Rechnungen geklebt wurden, um sie bei Bedarf schnell entfernen zu können. Etwa bei "überfallartigen Aktionen" der Behörden, wie Siekaczek erzählt. Manche Herren bei Siemens hätten geglaubt, sich auf diese Weise "elegant vom Acker machen zu können".

Er habe aber diese Post-its nie entfernt, sagt der Angeklagte. Er habe seine Kollegen, die mit ihm die schwarzen Kassen betreut hätten, nicht im Regen stehen lassen wollen. "Über das Im-Regen-stehen-lassen werden wir uns noch viel unterhalten müssen in diesem Prozess", sagt Noll. Das Gericht will wissen, wer am Ende verantwortlich ist für den wohl größten Korruptionsfall in der Bundesrepublik.

Dem ehemaligen Zentralvorstand müsse, von einer Ausnahme abgesehen, die Schmiergeldpraxis bekannt gewesen sein, glaubt Siekaczek. Einem Zentralvorstand hat er selbst mal davon erzählt, was der auch zugegeben hat. Andere beteuern bis heute, von dem System der schwarzen Kassen und Korruptionsdelikte nichts gewusst zu haben, allen voran der langjährige Konzernchef und spätere Aufsichtsratsvorsitzende Heinrich von Pierer.

Gegen ihn und seinen Nachfolger als Konzernchef, Klaus Kleinfeld, hat die Staatsanwaltschaft ein Ordnungswidrigkeiten-Verfahren eingeleitet, weil sie ihre Aufsichtspflicht im Unternehmen verletzt haben soll. Das kann bis zu eine Million Euro Geldbuße kosten, ist aber keine Straftat. Eine solche soll aber Siekaczek begangen haben. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, Konzernvermögen gefährdet zu haben. Über das Geld in den schwarzen Kassen habe nur noch er zusammen mit wenigen Kollegen bestimmen können, aber nicht mehr das Unternehmen.

Wie er zu der Aufgabe gekommen sei, Mittel in Millionenhöhe aus der offiziellen Buchhaltung auszuschleusen, will das Gericht von Siekaczek wissen. Der antwortet, diese Themen seien bei Siemens von Senior Managern betreut worden, die dem Konzern über Jahrzehnte angehört und ein "hohes Maß an Vertrauen" genossen hätten. "Ich war halt lang genug da", sagt der Angeklagte.

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(SZ vom 27.05.2008/tob)