Siemens Konzern in Nöten

Vier Siemens-Gasturbinen sind trotz strenger Sanktionen der Europäischen Union auf der von Russland annektierten Krim gelandet. Das bringt Siemens in Erklärungsnot.

Von Christoph Giesen, Julian Hans, Moskau/Peking

Vier Siemens-Gasturbinen sind trotz strenger Sanktionen der Europäischen Union auf der von Russland annektierten Krim gelandet. Das ist inzwischen unstrittig und bringt Siemens in erhebliche Erklärungsnot. Unklar war bislang jedoch, wer die Turbinen auf der Krim installieren und künftig warten wird. Der Münchner Konzern hatte vergangene Woche in einem Statement angekündigt. "Siemens wird keine Lieferungen oder Leistungen für die Installation und die Inbetriebnahme bereitstellen und keine Garantien übernehmen." Wirklich?

Die Nachrichtenagentur Reuters, die als erstes die illegale Landung der Turbinen im Hafen von Sewastopol gemeldet hatte, berichtet nun unter Berufung auf mehrere Quellen in der Verwaltung, dass die Turbinen unter anderem von einem Unternehmen namens ZAO Interautomatika verbaut werden sollen.

Träfe das tatsächlich zu, stünde Siemens plötzlich im Zentrum des Skandals. Denn: ZAO Interautomatika hat nicht nur die Lizenz, im Auftrag von Siemens Turbinen in Russland zu warten, nein, der Münchner Konzern ist laut russischem Handelsregister selbst der größte Anteilseigener der Firma. 45,7 Prozent gehören Siemens. 17 Prozent wiederum hält der russische Staatskonzern Technopromexport, just jenes Unternehmen also, an das Siemens die Turbinen ursprünglich verkauft hatte, und das jetzt zwei Kraftwerke auf der Krim baut.

Offiziell waren die vier Turbinen mit einer Leistung von je 165 Megawatt für ein neues Kraftwerk in Taman, im Gebiet Krasnodar bestimmt. Nur wenige Seemeilen trennen dort das russische Festland von der Halbinsel, die völkerrechtlich nach wie vor zur Ukraine gehört.

Im Sommer 2015 kamen erste Vorwürfe auf, dass die Anlagen in Wahrheit für die Krim bestimmt seien. Aus der Konzernzentrale in München kam jedoch mehrfach die Beteuerung, Siemens halte sich streng an alle Exportbeschränkungen.

Im September 2016 dann zog sich Technopromexport vom Bau des Kraftwerks in Taman zurück und bot die Turbinen zum Verkauf an - angeblich war das Unternehmen in finanziellen Schwierigkeiten. Inzwischen gibt das Unternehmen selbst zu, die Turbinen auf die Krim geschafft zu haben.

Die Münchner haben ihre internen Untersuchungen zu dem Fall nun ausgeweitet

"Untersuchungen der internen Siemens Task Force sind auf alle Einheiten und relevanten Partner in Russland ausgeweitet worden", teilte am Sonntag ein Siemens-Sprecher zu den neuen Vorwürfen mit. So solle gewährleistet werden, dass weder Ausrüstung verschifft noch Dienstleistungen erbracht werden, die gegen die Exportkontrollvorschriften verstoßen. "Nachdem Siemens Kenntnis von einer möglichen Beteiligung von Interautomatika an Energie-Projekten auf der Krim erlangt hatte, hat Siemens in Gesprächen mit dem Management darauf bestanden, solche Aktivitäten sofort einzustellen", sagte der Sprecher. Ist ein mit Siemens eng verbundenes Unternehmen also auf der Krim aktiv? ZAO Interautomatika war am Sonntag für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. "Interautomatika hat Siemens bestätigt, dass bisher keinerlei Inbetriebsetzungsaktivitäten auf der Krim begonnen worden sind", sagte der Siemens-Sprecher.