Von Markus Balser

Bei Siemens sollen in der angeschlagenen Telefonanlagensparte SEN deutlich mehr Stellen wegfallen als bislang bekannt. Weltweit will der Konzern nach Angaben aus Unternehmenskreisen 7000 von insgesamt gut 17.000 Stellen abbauen.

Neben dem massiven Einschnitt in Deutschland, dem bis zu 3000 Stellen zum Opfer fallen, will der Konzern den Arbeitnehmervertretern bei einer Krisensitzung am Dienstag auch ein massives Sparprogramm für das Auslandsgeschäft präsentieren. Aus Branchenkreisen verlautete, die Pläne beträfen weitere 4000 Stellen.

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Zwar droht nicht allen 4000 Mitarbeitern die Kündigung. Etwa die Hälfte solle ihren Job verlieren, hieß es im Konzern. Weitere 2000 Beschäftigte sollten den Konzern durch Verkäufe und Partnerschaften verlassen. Ein Sprecher von Siemens äußerte sich am Montag nicht zu den Plänen. Der Konzern bestätigte lediglich, die Geschäftsführung der Sparte werde den Arbeitnehmervertretern an diesem Dienstag konkrete Pläne zur zukünftigen Ausrichtung des Unternehmens vorstellen. Anschließend sollten die Pläne auch der Öffentlichkeit vorgestellt werden, sagte der Sprecher weiter. Was als Sparprogramm gedacht ist, dürfte den Konzern allerdings zunächst teuer kommen. Denn der gegenwärtig gültige Tarifvertrag bei SEN schließt betriebsbedingte Kündigungen bis zum 30.September des Jahres 2009 eigentlich aus. Der Konzern muss sich deshalb mit dem Betriebsrat auf eine sozialverträgliche Lösung einigen. Ein Gutachten im Auftrag des Betriebsrats habe errechnet, dass die Kosten eines solchen Abbaus bei 370 Millionen Euro liegen, heißt es aus dem Unternehmen.

Gewerkschaft überrascht

Die IG Metall zeigte sich überrascht von den Plänen, da Siemens im vergangenen Jahr lediglich 600 Stellenstreichungen angekündigt hatte. "Wir können noch nichts sagen und müssen warten, was die Sitzung des Wirtschaftsausschusses bringt", sagte der bayerische IG-Metall-Chef Werner Neugebauer. Aus Betriebsratskreisen verlautete, die Verärgerung sei groß, weil Deutschland vom Stellenabbau am härtesten betroffen sei. Bundesweit sollen 2000 Stellen abgebaut werden. Weitere 1000 Beschäftigte in Deutschland sollen anderweitig untergebracht werden, beispielsweise bei Partnern oder an anderen Stellen im Konzern. Ein Stellenabbau hänge mit dem geplanten Verkauf der Sparte zusammen, erklärte ein IG-Metall-Sprecher. "Das ist dann wohl ein Aufhübschen für den potentiellen Käufer."

Siemens forciert derzeit seine Versuche, die Telefonanlagensparte zu verkaufen. Gelinge dies in den kommenden Monaten nicht, müsste der Konzern die bereits ausgegliederte Sparte von Juli an wieder in die Konzernbilanz integrieren, hieß es am Montag in Unternehmenskreisen. Aus dem Unternehmen verlautete, die Chancen für einen baldigen Verkauf stünden gut. Es gebe bereits weit fortgeschrittene Verhandlungen mit Interessenten. Siemens hat sich eine Verkaufsfrist bis Ende Juni 2008 gesetzt. Zu den Interessenten sollen die Konkurrenten Alcatel-Lucent und Nortel Networks gehören. Favorisiert werde derzeit aber ein Verkauf an den Finanzinvestor Cerberus, hieß es in Konzernkreisen. Die Telefonanlagensparte zählt zum letzten Überbleibsel der Siemens-Kommunikationssparte Com, zu der auch die Handysparte des Konzerns bis zum Verkauf an BenQ gehört hatte. Nach der BenQ-Pleite forderte die IG Metall im Falle eines Verkaufs von SEN ein "Geschäft mit Perspektive". Der taiwanesische Handyhersteller hatte seine deutsche Tochter knapp ein Jahr nach dem Kauf der Siemens-Handysparte in die Insolvenz geschickt. Etwa 3000 Beschäftigte verloren ihren Job.

Weltweit beschäftigt SEN 17500 Mitarbeiter. Die meisten von ihnen arbeiten in Deutschland (6200), den USA (1900), dem Vereinigten Königreich (1500) und Brasilien (1500). Nach einer Trennung von SEN verbliebe aus der früheren Com-Sparte, die als Ausgangspunkt des gewaltigen Korruptionsskandals gilt, nur noch das Segment SHC übrig, der Hersteller der Gigaset-Telefone. Teile der Konzernführung hatten bereits angekündigt, auch dieses Geschäft unter die Lupe zu nehmen.

Der Abbau der Arbeitsplätze in Deutschland wird nach Informationen aus dem Unternehmensumfeld vor allem München treffen, wo 1700 Beschäftigte arbeiten. Ein weiterer großer Standort der Sparte ist Leipzig mit mehreren hundert Mitarbeitern. Größere Niederlassungen gibt es zudem unter anderem in Hamburg und im Ruhrgebiet.

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(SZ vom 26.02.2008/mah)