Ein Kommentar von Markus Balser

Deutsche Konzerne wie Siemens brauchen dringend neue Impulse - ansonsten wächst die Gefahr, dass aufgrund fehlender internationaler Kompetenz auf dem Weltmarkt die Grenzen bald erreicht werden.

Der Ort hätte kaum symbolträchtiger sein können. Siemens-Chef Peter Löscher war von München nach London gereist, um den Tabubruch vorzubereiten. In der britischen Hauptstadt, für viele das Synonym einer Multikulti-Metropole, sprach Löscher ein Jahr nach seinem Amtsantritt erstmals aus, was ihn an seinem eigenen Unternehmen am meisten stört: Zu deutsch, zu männlich, zu farblos. Das Siemens-Management habe ein gewaltiges Problem, befand Löscher und verordnete dem Konzern ein neues Programm zur Vielfältigkeit. In den nächsten fünf Jahren soll Siemens ein neues Gesicht bekommen: internationaler, weiblicher, bunter.

Bild vergrößern

Peter Löscher - der Siemens-Chef (© Foto: AFP)

Anzeige

Ein halbes Jahr nach Beginn des gewaltigen Konzernumbaus tastet sich der neue Siemens-Chef damit nun auch an die inneren Werte des Unternehmens heran. Doch im Kern geht die Management-Schelte weit über die Grenzen des Konzerns hinaus. Zwar ist die deutsche Wirtschaft wettbewerbsfähiger geworden, zwar können sich heimische Konzerne weiter als Exportweltmeister feiern lassen. Zwar gilt Deutschland als einer der größten Profiteure des internationalen Handels. Doch im Alltag vieler deutscher Chefetagen ist die Globalisierung noch immer nicht angekommen.

Gerade mal ein Viertel der 200 Dax-Vorstände hat einen ausländischen Pass. Die Zahl müsste viel größer sein, vor allem, wenn man Österreicher und Schweizer abzieht, die aus dem gleichen Kulturkreis stammen. In den unteren Hierarchieebenen sind die Konzerne noch deutlicher von heimischen Managern dominiert. Die Verlockung, kulturellen Problemen bei Beförderungen aus dem Weg zu gehen, ist groß. Dabei wächst die Gefahr, ohne internationale Kompetenz auf dem Weltmarkt an Grenzen zu stoßen. Denn die deutsche Wirtschaft verliert in dem Maß international an Bedeutung, wie sich neue Unternehmen und andere Länder nach vorne schieben.

90 Prozent deutsche Manager

Zwar hat auch Siemens in den vergangenen Jahren Ausländer in Spitzenpositionen gehievt. Doch meist ging es nur um symbolkräftige Spitzenjobs. Gerade mal 17 Prozent seines Umsatzes erzielt der Konzern noch im Heimatland. Geführt aber wird Siemens zu 90 Prozent von deutschen Managern. Dass sich überkommene Traditionen überwinden lassen, machte zuletzt der Schweizer Weltmarktführer für Lebensmittel, Nestlé, vor. Nach und nach berief er Ausländer in den Vorstand. Heute sitzt im zehnköpfigen Gremium nur noch ein Schweizer.

Während sich in Deutschland andere Eliten in Wissenschaft oder Politik längst geöffnet haben, wirken deutsche Chefetagen trotz aller Diversity-Programme wie das Abbild einer vergangenen Zeit. Es gibt türkischstämmige Abgeordnete und schwule Landeschefs. Die Zahl weiblicher Professorinnen steigt Jahr für Jahr. Doch auch wenn das Thema in Firmen öffentlichkeitswirksam vorangetrieben wird - wer als Ausländer, Frau oder Angehöriger einer Minderheit in Deutschland Karriere machen will, sollte sich nicht auf die Vielfaltsverheißungen der Konzerne verlassen.

Während sich amerikanische Unternehmen längst Manager und Know-how aus Indien, China oder dem arabischen Raum in die Chefetagen geholt haben, beobachten deutsche Zentralen auch die Zukunftsmärkte schon zu lange aus der Ferne. Die wenigen Ausländer in den Vorständen der dreißig größten deutschen Firmen kommen meist aus vertrauten, westlichen Kulturkreisen. Dabei ist auffällig, wie stark gerade ausländische Manager den nötigen Wandel in Deutschlands Zentralen vorangetrieben haben. Paradebeispiel ist Josef Ackermann. Der Schweizer trimmte die Deutsche Bank gegen heftigen Widerstand in der deutschen Gesellschaft auf eine internationale Strategie und höhere Gewinne.

Wie stark das Thema in Deutschland noch an Grenzen stößt, zeigte ausgerechnet die Regierungskommission für gute Unternehmensführung. Sie konnte sich nicht zu einer Empfehlung für mehr Vielfalt in deutschen Konzernspitzen durchringen. Allerdings hätte die Empfehlung das Gremium auch in Erklärungsnot gebracht: Die Kommission besteht aus 13 Mitgliedern - alle deutsch und männlich.

Leser empfehlen 

(SZ vom 26.06.2008/mel)