Siemens in der Krise Bedroht durch Machtspiele eitler Manager

Der Aufseher und sein Ausführer: Gerhard Cromme (links) und Peter Löscher auf der Hauptversammlung.

(Foto: Getty Images for Siemens)

Bei Siemens geht es um mehr als um den Job von Vorstandschef Löscher: Einem der wichtigsten deutschen Unternehmen droht dauerhafter Schaden. Verantwortlich für die vielen Fehlentscheidungen ist das verhängnisvolle Gespann aus Löscher und Aufsichtsratschef Cromme. Für den nötigen Neuanfang bei Siemens müssen beide gehen.

Ein Kommentar von Karl-Heinz Büschemann

Ein Unternehmen zieht eine Gewinnprognose für 2014 zurück. Na und? Kann doch mal passieren, dass eine schlechte Weltkonjunktur die Planungen eines Vorstands über den Haufen wirft. So was kommt vor. Doch was sich am Freitag bei Siemens ereignete, hat eine andere Dimension: Der Aktienkurs des Technologiekonzerns brach gleich um mehr als sieben Prozent ein, nachdem der Vorstand ein Renditeziel kassiert hatte. In wenigen Minuten waren fünf Milliarden Euro Börsenwert vernichtet. Das ist nicht mehr normal. Jetzt geht es um den Job des Vorstandschefs Peter Löscher.

Aber in Wahrheit geht es um mehr. Eines der Aushängeschilder der deutschen Wirtschaft droht, Schaden zu nehmen, weil es eine lange Reihe von Fehlentscheidungen gab. Doch für die ist nicht allein der Vorstandschef Löscher verantwortlich, sondern auch der Aufsichtsratsvorsitzende Gerhard Cromme. Die beiden bilden ein verhängnisvolles Gespann, seit Cromme vor sechs Jahren überraschend Löscher als ersten konzernfremden Vorstandsvorsitzenden zu Siemens holte. Cromme hatte damals völlig überstürzt einen Mann eingestellt, der in Amerika tätig war und von dem er nie gehört hatte. Löscher hatte keine Erfahrung in der Führung einer großen Börsengesellschaft.

Löscher und Cromme haben es nie geschafft, den 370.000 Mitarbeitern und den Investoren eine überzeugende Strategie für den Konzern zu präsentieren. Der an amerikanische Geschäftsprinzipien gewöhnte Löscher hat mit Duldung des Aufsichtsrats lieber Konzernteile verkauft, statt sie auszubauen. Erst gerade hat er die so ertragreiche Konzerntochter Osram an die Börse gegeben. Osram hat seine internationalen Konkurrenten nie gefürchtet. Aber dem Konzernchef hatten sie offenbar Angst eingejagt.

Klagen über zunehmende Kälte

Stattdessen hat Löscher die Mitarbeiter und Investoren mit immer neuen Rendite- oder Umsatzzielen genervt. Die Belegschaft vermisste Ziele und den langem Atem für den Aufbau neuer Geschäfte. Die Mitarbeiter beklagten stattdessen zunehmende Kälte. Aber auch die Börsianer wurden enttäuscht, weil Löscher seine Renditeversprechungen immer wieder kassierte.

Bei Siemens geht es nicht nur um die Zukunft des Vorstandschefs. In diesem Konzern stimmt auch das Zusammenspiel von Vorstand und Aufsichtsrat nicht. In der Führungsmannschaft herrschen Machtkämpfe, die der Aufsichtsrat nicht in den Griff bekommt, weil das Ansehen des Chefkontrolleurs Cromme zuletzt dramatisch gelitten hat. Der 70-Jährige musste erst im März den Aufsichtsratsvorsitz von Thyssen-Krupp abgeben, weil er eine Mitverantwortung an der bedrohlichen Schieflage des Essener Stahlkonzerns trägt.

Bei Siemens muss es einen Neuanfang geben. Das Unternehmen ist zu wichtig, um es noch länger den Machtspielen eitler Manager auszusetzen. Aber es wird kaum beim Austausch des Vorstandschefs bleiben. Auch der Vorsitzende des Aufsichtsrates ist nicht mehr zu halten.