Während der Siemens-Vorstand vor allem aus den Schlagzeilen kommen möchte, fordern die Mitarbeiter Aufklärung. Sie fürchten um die Existens des Konzerns.
Es sollte der Tag der Begegnung werden, doch es wurde die Stunde der Enttäuschung. Etwa 600 Siemens-Betriebsräte trafen sich in der vergangenen Woche im Berliner Estrel-Hotel zu ihrer Jahrestagung.
Siemens-Betriebsräte sind enttäuscht vom laxen Vorgehen bei der Aufklärung der Korruptionsaffäre. (© Foto: Patrizia Odyniec)
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Nach Korruptionsaffäre, Handydesaster und Gehälterdiskussion warteten sie mit Spannung auf die Rede von Vorstandschef Klaus Kleinfeld. Doch daraus wurde nichts. Kleinfeld sagte seine Teilnahme kurzfristig wegen anderer Verpflichtungen ab, stattdessen sprach Arbeitsdirektor Jürgen Radomski.
"Es ging ein Raunen durch den Saal", erinnern sich Teilnehmer. Die Betriebsräte hätten auf ein klares Wort des Konzernchefs zum Korruptionsfall und zur aktuellen Lage gehofft, sagt einer. "Die Verunsicherung im Unternehmen ist so groß wie noch nie."
Enttäuschung gepaart mit Misstrauen
Das Treffen in Berlin gibt die Stimmung im Unternehmen wieder. Die Enttäuschung über den Bestechungsskandal und die Verstrickung von Spitzenmanagern mische sich mit Misstrauen über ihre Führung, sagt einer.
Einig sind sich die Betriebsräte darüber, dass es in der Diskussion um Gründe der Affäre längst nicht mehr um den klassischen Konflikt zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern, zwischen Untergebenen und Führungskräften geht. Hier geht es um den ganzen Konzern.
"Es steht viel auf dem Spiel. Wir erleben eine sehr ernste Situation", sagt ein Betriebsrat aus Norddeutschland. "Die meisten Mitarbeiter des Konzerns sind schockiert." Wenn die Staatsanwaltschaft von "Bandenbildung" spreche, gehe das den Beschäftigten besonders nahe. "Das Unternehmen wird in seinen Grundfesten erschüttert."
Noch nie dagewesene Ausmaße
An einen Skandal solchen Ausmaßes kann sich auf der Betriebsrätetagung jedenfalls niemand erinnern. "Und das Schlimme ist: Wir wissen nicht, was noch kommt, wer ist noch alles verstrickt ist."
Die Sorgen um die Folgen sind verständlich, denn selbst an den Kapitalmärkten führt der Skandal, der den Konzern seit mehr als zwei Wochen durchschüttelt, zunehmend zu Unruhe.
Siemens sei bei den Prinzipien guter Unternehmensführung immer vorne mitmarschiert, sagen Börsianer in Frankfurt. Doch inzwischen werde deutlich, dass die Kontrollmechanismen offensichtlich versagt hätten, sagt Henning Gebhardt, Fondsmanager der Deutsche-Bank-Tochter DWS.
Fehlende Signale nach außen
Das interne Kontrollsystem bei Siemens müsse überprüft werden. Wenn die Affäre noch größere Kreise ziehe, drohten Folgen für die Aufträge, glaubt Gebhardt. Noch immer gebe es keine eindeutigen Signale, dass nun das Kontrollsystem des Konzerns, der ein Aushängeschild der deutschen Wirtschaft ist, auf den Kopf gestellt werde, heißt es in Investorenkreisen.
Der Vorstand unter Klaus Kleinfeld verunsichert die Finanzmärkte wie die eigene Belegschaft. Obwohl der jüngste Konflikt schon über zwei Wochen die Medien beschäftigt und die Mitarbeiter praktisch nur aus den Zeitungen erfahren, was bei Siemens los ist, gibt der Konzernchef nach außen noch immer keine unmissverständlichen Signale gegen die Praxis der Korruption.
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