Siemens-Affäre Das süße Leben des Herrn Schelsky

Der Unternehmensberater soll mit den Millionenzahlungen von Siemens einen aufwendigen Lebensstil geführt haben - ohne entsprechende Gegenleistung. Sein Anwalt bestreitet alle Vorwürfe gegen ihn.

Von Klaus Ott und Uwe Ritzer

Huntsville ist ein kleiner, beschaulicher Fremdenverkehrsort in der kanadischen Provinz Ontario, dem "Land der 250 000 Seen und Flüsse", wie Tourismusmanager gerne werben. In dem Städtchen unweit des Algonquin-Nationalparks besitzt auch ein Deutscher ein Häuschen, ohne das er vielleicht nicht im Gefängnis säße.

Herrschten bei Siemens ähnliche Zustände wie bei VW?

(Foto: Foto: AP)

Denn der Haftbefehl, dessentwegen Wilhelm Schelsky in der Nürnberger Justizvollzugsanstalt einsitzt, gründet sich mit Blick auf die kanadische Immobilie ganz wesentlich auf Fluchtgefahr. "Ein vorgeschobener Grund", glaubt sein Nürnberger Anwalt Jürgen Lubojanski. "Mein Mandant ist Kettenraucher, was will er da im raucherfeindlichen Kanada?"

Gegengewerkschaft zur IG Metall

Der Unternehmensberater Wilhelm Schelsky wurde Mitte Februar verhaftet. Der Bundesvorsitzende der arbeitgeberfreundlichen Arbeitsgemeinschaft Unabhängiger Betriebsangehöriger (AUB) soll über ein Konglomerat von Firmen über Jahre hinweg Beraterhonorare von Siemens in zweistelliger Millionenhöhe kassiert haben.

Das Geld floss nach Erkenntnissen von Staatsanwaltschaft und Steuerfahndung ohne adäquate Gegenleistung und diente laut Verdacht der Ermittler womöglich vor allem einem Ziel: Die AUB sollte zu einer Art Gegengewerkschaft zur IG Metall ausgebaut und auf managementfreundlichem Kurs gehalten werden. Die Arbeitnehmerorganisation ist vor allem in Siemens-Betriebsräten vertreten und wirbt mit dem Slogan: "Betriebsnah, ideologiefrei, zukunftsorientiert".

Schelsky arbeite "konstruktiv und offen an der Aufklärung aller Vorwürfe gegen ihn mit", die sich sicherlich bald aufklären ließen, sagt sein Anwalt. Viele Stunden habe Schelsky im Gefängnis mit den Ermittlern zusammengesessen.

Aufwendiger Lebensstil

"Was die Fakten angeht, ist das meiste unstrittig", so Lubojanski. Nur was die Schlüsse daraus angeht, ist man uneins. Dem 58-Jährigen mit Hauptwohnsitz im oberfränkischen Hausen werden unter anderem Beihilfe zur Untreue und Steuerhinterziehung vorgeworfen.

Ob dank der Siemens-Millionen oder auch aufgrund anderer lukrativer Aufträge - Schelsky häufte in den vergangenen Jahren über seine Firmen allerhand Reichtümer an und pflegte einen aufwendigen Lebensstil. Dem Sohn des 1984 verstorbenen, renommierten Soziologen Helmut Schelsky gehörten neben einem ansehnlichen Fuhrpark nach Erkenntnissen der Ermittler auch repräsentative Immobilien hierzulande.

Beispielsweise erwarb er 2004 im Ostseebad Lubmin für 251 000 Euro eine Villa und sanierte diese anschließend für 400.000 Euro. Eine Yacht und ein Segelboot gehörten dazu, und auf Golftour ging Sportfan Schelsky mit Star-Golftrainer Craig Miller.

Schelsky kaufte auch Antiquitäten, Gemälde und teure Wohnungseinrichtungen. Als besonderes Hobby finanzierte der Unternehmensberater allerhand Sportvereine. So zum Beispiel Deutschlands erfolgreichste Profi-Handball-Damenmannschaft vom 1. FC Nürnberg, die Handballabteilung des VfB Forchheim in Oberfranken, Curlingspieler aus Oberstdorf und Volleyballer aus Dresden.

"Das geht niemanden etwas an"

Sie warben auf Trikots, Werbebanden und im Internet für die AUB. Wie dies funktionierte, lässt eine Aussage des Forchheimer Oberbürgermeisters und VfB-Vereinsvorsitzenden Franz Stumpf erahnen: "Er sagte auf Nachfrage zu mir, woher sein Geld komme und wie er alles finanziere, ginge niemanden etwas an."

Als kaufmännischer Lehrling hatte Schelsky nach einem Jura-Studium in den siebziger Jahren im Münchner Siemens-Stammhaus begonnen. Später wurde er Vertriebskaufmann und landete 1978 in Erlangen, wo er drei Jahre später in den Betriebsrat gewählt wurde. 1984 wurde er schließlich Betriebsratsvorsitzender am Siemens-Standort in Erlangen-Mitte.

Dann verabschiedete er sich aus dem Konzern, dem er geschäftlich allerdings eng verbunden blieb. Und zwar über seine Firmen wie den "Erlanger Sicherheitsservice", die "Gesellschaft zur Qualifizierung von Führungsaufgaben", die "Schelsky Unternehmensberatung GmbH" oder die "Schema Unternehmens Infrastrukturplanung GmbH".

In der 1985 als Verein eingetragenen und ein Jahr später als Berufsverband anerkannten AUB übernahm Schelsky vor mehr als 20 Jahren den Bundesvorsitz. In der Folgezeit wurde der hauptamtliche Stab des AUB kräftig ausgebaut, vor allem gemessen daran, dass der Mitgliedsbeitrag mit aktuell acht Euro monatlich gemessen am Mindestsatz der IG Metall (ein Prozent vom Bruttolohn) auffallend niedrig blieb.

Geschickter Steuersparer

Bei jedem vierten Mitarbeiter der Schelsky-Unternehmensberatung hegen Strafermittler und Steuerfahnder den Verdacht, dass es sich in erster Linie um AUB-Mitarbeiter handelt.

Auch für Mitgliederwerbung, Betriebsrats-Wahlkämpfe und andere Aufwendungen sollen über Schelsky Siemens-Millionen in die AUB geflossen sein. In seinen eigenen Unternehmen erwies sich Wilhelm Schelsky nach Ansicht der Ermittler als geschickter Steuersparer.

Es besteht der Verdacht, dass er den Unterhalt für seine geschiedene Ehefrau dergestalt bestritten hat, dass er diese angestellt und die Kosten als Betriebsausgaben steuerlich geltend gemacht hat. Ähnlich soll er mit den Unterhaltszahlungen für seine Tochter verfahren haben, die als Angestellte geführt wurde, obwohl sie in der fraglichen Zeit an der Ostsee eine Ausbildung absolviert haben soll.

In der Öffentlichkeit ritt Wilhelm Schelsky gerne Attacken gegen die etablierten Gewerkschaften, die er als Bremser kritisierte. Das gefiel der CDU Helmut Kohls, die ihn 1986 zu ihrem Bundesparteitag nach Mainz einlud. Dort rief Schelsky den CDU-Delegierten einen für einen Arbeitnehmervertreter ungewöhnlichen Appell zu: "Stärken Sie bitte den Unternehmen den Rücken."