Shareholder-Value-Lehre Die blödeste Idee der Welt

Bosse in der Defensive: Selbst Jack Welch, der wichtigste Vertreter der Shareholder-Value-Lehre, verabschiedet sich von seinen alten Prinzipien.

Von Karl-Heinz Büschemann

Es ist, als sei der Papst aus der Kirche ausgetreten: Jack Welch, der frühere Chef des US-Elektrokonzerns General Electric (GE), war der bekannteste Prediger einer Heilslehre, der in den vergangenen zwei Jahrzehnten Konzernlenker in aller Welt gefolgt sind: dem Prinzip des Shareholder-Value.

So wie Welch hatten die meisten Konzernchefs in Amerika und Europa alles getan, um den Wert ihrer Unternehmen zu steigern. Rauf mit dem Aktienkurs - das war ihr Motto.

Doch jetzt verkündete Welch in einem Interview mit der Financial Times: "Genau genommen ist Shareholder Value die blödeste Idee der Welt."

Es klingt, als sei der Mann, der mal als der härteste Manager galt, mit 73 Jahren weise geworden. Und als stimme er ein in den Chor jener, die die Ursachen der Finanzkrise im Renditewahn der vergangenen Jahre suchten, im unbedingten Glauben an die Regeln der Wall Street.

Die Jagd nach möglichst hohen Aktienkursen

Seit dem Ausbruch der Finanzkrise im vergangenen Jahr waren die Kritik an jenem Prinzip gewachsen, das die Aktionäre über alles stellt. Die Jagd nach möglichst hohen Aktienkursen - verbunden mit Managergehältern, die an eben diese Kurse gekoppelt sind - hat für viele geradewegs ins Desaster hineingeführt.

Es ist schwer zu klären, wer den Begriff Shareholder Value erfunden hat. Angeblich hat ihn Jack Welch schon verwendet, als er 1981 mit 45 Jahren den Chefposten bei GE übernommen hatte und im New Yorker Pierre Hotel eine Rede über Management hielt.

Für andere geht die Handlungsmaxime auf den amerikanischen Ökonomen Alfred Rappaport zurück, der 1986 mit dem Buch "Creating Shareholder Value" das Denken und Handeln ganzer Manager-Generationen prägte. Auch in Deutschland. Und besonders kraftvoll, so stellte sich schnell heraus, ließen sich die Aktienkurs nach oben treiben, wenn massiv Personal entlassen wird.

Doch nach mehr als zwei Jahrzehnten, in denen eine ganze Manager-Generation sich am Aktienkurs orientierte, macht sich Ernüchterung breit. Die Börsen sind in Amerika dorthin gestürzt, wo sie vor zwölf Jahren waren. Die Welt steckt mitten in einer Rezession, rund um den Globus ist der Wohlstand gefährdet. Das sind gute Gründe, die wichtigsten Gebote für Manager in Zweifel zu ziehen.

Anja Tuschke, Professorin für strategische Unternehmensführung in München, glaubt dennoch, dass die Idee vom Shareholder-Value an sich in Ordnung sei; problematisch sei nur die Umsetzung.

Eine Strategie muss langfristig angelegt sein

Durch die Betonung des Aktienkurses sei das Denken der Manager kurzfristiger geworden. Sie hätten in Dreimonatsphasen geplant. "Das war nicht gut und von den Begründern des Shareholder-Value-Gedankens nicht gewollt". Eine Strategie müsse langfristig angelegt sein. "Wer darin investiert, wird im Laufe der Zeit einen entsprechende hohen Aktienkurs erreichen."

Für solches Vorgehen war Jack Welch zu ungeduldig. Der zum Vorbild ganzer Manager-Generationen mutierte GE-Chef, der für seine Egozentrik und seine Härte gefürchtet war, ordnete bei GE dem Aktienkurs alles unter.

Jedes Jahr warf er zehn Prozent der Belegschaft heraus - egal, wie gut es dem Unternehmen ging. "Neutronen Jack" wurde er genannt, in Anlehnung an jene gefürchtete Bombe, die Menschen tötet, aber Gebäude stehen lässt. Der wenig schmeichelhafte Titel soll ihn getroffen haben. Der Erfolg schien aber ihm recht zu geben.

Lesen Sie auf der zweiten Seite, wie sich der Kulturkampf um den Shareholder-Value auf Deutschland auswirkte.