Von Johannes Pennekamp

Die weltgrößte Branchenmesse Venus verzeichnet großen Andrang - angeblich auch wegen der Finanzkrise.

Julia formt ihre rot geschminkte Lippen zu einem Lächeln. Mit der rechten Hand massiert sie ein Silikonkissen, mit der linken verteilt sie Werbung für eine Berliner Privatklinik, spezialisiert auf plastische Chirurgie. "Dort habe ich meine Brüste von BH-Größe A auf C vergrößern lassen", sagt die 23-Jährige und deutet auf ihr tief ausgeschnittenes Dekolleté.

Tatjana Gsell

Tatjana Gsell wirbt für die Erotikmesse Venus (© Foto: dpa)

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Der Eingriff kostete mehrere tausend Euro. "Das würde ich jederzeit wieder machen, auch in Zeiten der Finanzkrise", sagt die Blondine.

Gute Stimmung

Sie arbeitet auf der Erotikmesse Venus, der nach eigenen Angaben weltweit größten und wichtigsten Veranstaltung dieser Art. Vier Tage präsentieren 380 Aussteller unter dem Berliner Funkturm ihre Produktpalette: Vibratoren, Fetisch-Werkzeug, Hardcore-Filme.

Die Stimmung unter den Ausstellern ist prächtig. Denn gerade jetzt, wo Banken und Industrie vor den Folgen der Finanzkrise zittern, hofft die Erotikbranche auf besonders florierende Umsätze. "In der Vergangenheit haben Krisen unser Geschäft beflügelt. Erotik ist ein krisenfestes Produkt", sagt die Sprecherin von Deutschlands größtem Sexartikel-Hersteller, Beate Uhse.

Wer wegen der finanziellen Unsicherheiten auf größere Anschaffungen wie zum Beispiel ein neues Auto verzichte, würde sich stattdessen ein Erotikprodukt gönnen.

"Dann kann man sich zumindest privat ein paar nette Stunden machen", so die Sprecherin des Flensburger Traditionsunternehmens. Auch die Sprecherin von Beate Uhses größtem Konkurrenten, Orion, sieht die Krise als Chance.

"Bei positiven Wirtschaftsprognosen machen wir uns erheblich größere Sorgen als jetzt", sagt sie. Wenn es mit der Wirtschaft nicht gut stehe, sei es interessanter Weise so, dass sich die Menschen vermehrt den "kleinen Luxus für zu Hause" leisteten. Besonders Unterwäsche und "Toys" stünden hoch im Kurs, meint sie.

Großes Marktpotential

Dem Andrang auf der Erotikmesse nach zu urteilen, kann die Branche den Folgen der Finanzkrise tatsächlich gelassen entgegenblicken.

Obwohl die Tageskarte 25 Euro kostet, bilden sich Menschenschlangen vor dem Einlass. Muskelbepackte Goldkettchenträger reihen sich genauso ein wie Rentner und unscheinbare Pärchen. Regina, 25, und Daniel, 28, sind extra aus Würzburg angereist, um sich erotische Anregungen zu holen. Von Krise keine Spur: "Deswegen machen wir keine Einschnitte", sagt Daniel. Guter Sex gehöre einfach dazu wie Essen und Trinken, betont er.

Die Sexindustrie könnte eine Umsatzsteigerung durch die Krise gut gebrauchen. Das Internet macht besonders den Unternehmen zu schaffen, die sich auf das Filmsegment spezialisiert haben. "Da gibt es keine Gewinnmargen mehr", sagt die Beate Uhse-Sprecherin.

Die Branche versucht deshalb neue Kundenschichten zu erschließen und ihr Schmuddelimage loszuwerden. "Es muss um Lifestyle und Ästhetik gehen", sagt Juliane Veloso. Sie wirbt auf der Messe für den jungen Bremer Sexartikelhersteller Wolwin. Das Unternehmen will mit klassisch designten Luxus-Vibratoren und Stimulationsketten im gehobenen Preisniveau "selbstbewusste und erfolgreiche Frauen" ansprechen. "Da gibt es noch ein riesiges Marktpotential", sagt Veloso.

In Berlin sind solche Lifestyle-Konzepte noch eine Randerscheinung. "Die Messe ist Porno pur", sagt Veloso. Die größte Menschentraube bilden sich vor einem Stand, an dem drei japanische Pornodarstellerinnen Autogramme schreiben. Bierbäuche schmiegen sich für Erinnerungsfotos an die zierlichen Frauen. Auf einem TV-Schirm sind die Damen bei ihrer Arbeit zu sehen. Voller Körpereinsatz.

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(SZ vom 18.10.2008/hgn)