Serie: Smart City Häuser für smarte Menschen

Bis 2035 werden mindestens 25 000 Leute in das ehemalige Hafenviertel der finnischen Hauptstadt ziehen. Die Blocks mit kleinen Wohnungen, viel Glas und Balkonen sollen nicht nur von außen futuristisch sein.

Von Silke Bigalke, Helsinki

Sie hat gehört, dass es jetzt auch Roboter gibt, die aussehen wie kuschelige Robben. Zum Streicheln für einsame Senioren. "Wenn Sie uns so ein Ding ins Haus bringen, erschieße ich es", sagt Marjut Helminen trocken. Gemeinsam mit Leena Vahtera vom Verband "Aktiiviset Seniorit" sitzt sie im Wintergarten auf ihrer Dachterrasse in Helsinki, hoch über den Baustellen, die sie umgeben. Sie haben schon alles Mögliche getestet, auch nutzlose Roboter. Doch einen, der ihnen den schweren Topf mit 20 Litern Wasser auf den Herd setzen könnte, hat noch niemand geschickt. Den könnten sie mal echt gebrauchen, sagen die Frauen.

Marjut Helminen und Leena Vahtera leben in einem besonderen Haus in dem besonderen Stadtteil Kalasatama, das heißt Fischereihafen. Dort baut die Stadt ein Smart-City-Viertel auf. Mindestens 25 000 Menschen sollen bis 2035 ins alte Hafenviertel ziehen, etwa 3000 sind schon da. Marjut Helminen und Leena Vahtera gehören zu den ersten. Das Besondere an Kalasatama ist, dass die Bewohner das smarte Viertel mitgestalten sollen. Genauso wie die Senioren von Anfang an gemeinsam bestimmt haben, wie ihr Haus aussehen soll.

Das Senioren-Haus heißt Kotisatama, Heimathafen, 63 Wohnungen, 85 Bewoh-ner, Durchschnittsalter 70 Jahre. Der Ver-band der Aktiven Senioren hat es geplant, es ist das zweite seiner Art in Helsinki. Vor sechs Jahren haben sie angefangen, sich jeden Monat einmal zu treffen und darüber zu reden, wie sie zusammen leben wollen. Vor vier Jahren begann der Bau, vor zwei sind sie einzogen. Jeder besitzt sein eige-nes Apartment, wichtiger aber sind die 500 Quadratmeter Gemeinschaftsraum. Die Senioren organisieren alles selbst. In wechselnden Arbeitsgruppen kochen, put-zen und kaufen sie für alle ein.

Eine Gruppe ist für das schwarze Brett zuständig. Es hängt als großer Touchscreen neben den Aufzügen. Jeder kann sich auch mit dem Computer einloggen und schauen, wann sich die anderen zum Kartenspielen oder fürs Kino treffen. Mit der Technik haben ihnen Studenten geholfen. Universitäten interessieren sich sowieso sehr für das Haus, die Senioren nehmen immer wieder an Studien teil. Dabei ist es ganz einfach, sagt Leena Vahtera: "Man muss nicht allein sein. Einsamkeit ist ein großes Problem bei alten Leuten." Bald sind sie mittendrin in Helsinkis modernstem Stadtteil, um sie herum wachsen Häuser und ein Einkaufszentrum mit Kino. Die Großbaustellen nehmen sie gelassen hin. Nur der Staub sei für manche ein Problem.

In Kalasatama, dem neuen Stadtteil der finnischen Hauptstadt, wird Vernetzung groß geschrieben. Das moderne Quartier zieht nicht nur viele junge Familien an.

(Foto: Alamy/mauritius images)

An manchen Ecken sieht Kalasatama fast fertig aus, futuristische Blocks mit kleinen Wohnungen, viel Glas und Balkone. In einem der Blocks haben Veera Mustonen und ihr Team für den Vormittag einen klei-nen Konferenzraum gemietet. In Kalasatama soll so viel Platz wie möglich für alle offen stehen, Räume zum Arbeiten, für Treffen oder Sport. Den Platz kann man stundenweise im Internet buchen (siehe Interview). Der Konferenzraum mit dem giftgrünen Boden gehört einer Hausgemeinschaft, die ihn nicht immer nutzt.

Veera Mustonen arbeitet für Forum Virium, eine Agentur der Stadt Helsinki, die sich generell um Digitalisierung kümmert und seit 2013 dafür zuständig ist, Kalasatama smart zu machen. Helsinki baut, weil es besonders schnell wächst: Zu den heute 635 000 Einwohnern werden bis 2050 wohl noch mehr als 120 000 hinzukommen. Kalasatama ist nicht das einzige Neubaugebiet. Doch es ist das einzige, das die Stadt zum Labor für Smart-City-Experimente erklärt hat, die sich Unternehmen, Hochschulen und Einwohner einfallen lassen. Von den 3000 Menschen die schon heute hier leben, haben 800 bereits an Experimenten teilgenommen, Fragebögen ausgefüllt und sich getroffen, um über die Zukunft ihres Viertels zu diskutieren. Dafür organisiert Forum Virium jede Woche Workshops zu bestimmten Fragen.

Einmal ging es zum Beispiel um die Nachbarinsel, die man von Kalasatama über eine Brücke erreicht: Sie heißt Mustikkamaa, Blaubeer-Land, und besteht vor allem aus Bäumen, Steinen und Kiesstrand. Die Frage war, wie man sie durch smarte Beleuchtung auch im Winter und Herbst besser zugänglich machen könnte, mit einem Lichtsystem, das sich an die Besucher anpasst. Seniorin Marjut Helminen wünscht sich, dass sie auch im Winter auf der Insel baden kann. Dafür braucht sie nicht nur Licht, sondern jemanden, der das Eis offen hält, und vielleicht eine Hütte zum Umziehen. War sie im falschen Workshop? "Man weiß nie, wem man bei diesen Treffen begegnet", sagt Veera Mustonen. "Gerade wenn man die falschen Leute trifft, denen man sonst nicht begegnet, kommt oft etwas dabei heraus."

In Kalasatama gibt es auch das Pflichtprogramm für Smart Cities: ein intelligentes Stromnetz mit Stromzähler. Außerdem ein Müllsammelsystem, das über unterirdische Pipelines Müll ansaugt und zur Sammelstelle leitet, ohne Tonnen und Müllabfuhr. Das System weiß, welcher Haushalt was verbraucht und wegwirft. So werden viele Daten gesammelt und mit Erlaubnis der Bewohner für Studien genutzt.

Einer der fleißigsten Studienteilnehmer im Viertel ist Petja Partanen. Er wohnt mit Frau und Kind in einem der oberen Stockwerke in der Junonkatu. Die Straßen sind nach den Schiffen benannt, die früher hier ihren Heimathafen hatten, die Schiffe hatten ihre Namen oft von Himmelskörpern. Die Wohnung von Petja Partanen ist neu und hell, die Aussicht noch unverbaut. Etwa alle zwei Monate bekommt er per E-Mail eine Einladung zu einer neuen Studie. Er macht nicht immer mit, weil das oft zeitaufwendig ist. Etwa das Experiment zu seinem CO₂-Fußabdruck: Da musste er wochenlang zusätzlich zu den Müll- und Stromdaten aufschreiben, was er isst und wie er sich fortbewegt. Er versucht jetzt, das Auto noch öfter stehen zu lassen. In die Innenstadt seien es nur acht Minuten mit dem Fahrrad, sagt er.

Verkehr, Sicherheit, Umwelt - wie verändert die Digitalisierung das Leben in den Städten? SZ-Serie Folge 18 und Schluss. Illustration: Sead Mujic

(Foto: )

Petja Partanen ist Ingenieur und verdient sein Geld mit Fachartikeln. Schon bevor er vor zweieinhalb Jahren eingezogen ist, hat er eine Software für den städtischen Energieversorger getestet, er führt sie auf dem Laptop vor. Dort ist zu lesen, dass seine Familie an diesem Tag bisher zwei Kilowattstunden Strom, 23 Liter heißes und 55 Liter kaltes Wasser verbraucht hat. Außerdem gibt es ein Feld für jedes Gerät in der Wohnung. Er klickt auf das für die rote Espressomaschine, ein Klacken von der Küchenzeile und die Maschine ist aus. "Ziemlich cool", sagt er, trotzdem sei das Programm veraltet. In der Testgruppe hatte er angeregt, dass es auch Alarm schlägt, etwa wenn irgendwo Wasser leckt.

Warum ist er hergezogen? Als sein Sohn auf die Welt kam, wurde die Wohnung im alten Arbeiter- und Hipsterviertel von Hel-sinki, in Kallio, zu klein. Von dort kommen nun viele junge Familien ins benachbarte Kalasatama. Für sie zählt die Anbindung, die Stadt baut eine neue Trambahnlinie. Außerdem gibt es viele Kinder; Kindergarten und Schule sind für Petja Partanen nur 50 Meter die Straße runter. Das Versprechen von Forum Virium ist, dass es den Bewohnern des Viertels eine Stunde Zeit am Tag spart, durch kürzere Wege und besseren Service. 600 Millionen Euro investiert die Stadt in Kalasatama, dazu kommen geschätzte fünf Milliarden Euro privater Investitionen. Deswegen hat Petja Partanen eine Großbaustelle vor dem Fenster, dort wird die nächste Landzunge des Hafens bebaut. Die Presslufthammer und die Warnsignale der Bagger dröhnen über den Balkon ins Wohnzimmer. Er sagt, er schaut den Baufahrzeugen gerne von oben zu, genauso wie sein Dreijähriger. Den Zoo auf der Nachbarinsel kann man von hier zwar auch sehen. Aber da waren sie so oft, dass ihn der Sohn schon langweilig findet.

Eine einfache Sauna ist zur Attraktion für Touristen geworden

Wo jetzt Baustelle ist, war früher Brach-land. "Leeres Land" haben sie es genannt, sagt Maija Bergström von Forum Virium. Sie führt Besuchergruppen durch das Viertel, herum um die wandernden Bauzäune. Das "leere" Land war Platz für Kreative, für Skater, für Kulturveranstaltungen. Dort steht die berühmte Sompasauna, eine grob gezimmerte Sauna am Wasser, für die man selbst Holz mitbringen und anheizen muss. Die Stadt hat die früher ein paar Mal abgerissen, weil es keine Genehmigung gab. Heute ist sie eine Touristenattraktion.

Maija Bergström zeigt über die Baustelle hinweg in Richtung Bucht, dort sieht man die Innenstadt, den weißen Dom, die Eisbrecher am Hafen von Katajanokka. Gab es keine Proteste, weil das Kreativenviertel eher teuren Wohnblocks weichen muss? Es sei ja von Anfang klar gewesen, sagt Maija Bergström, dass sich das Viertel verändern würde. Außerdem bleibe genug Raum für Kultur, etwa das alte Kraftwerk Suvilahti. Dort findet jeden Sommer das Flow-Festival statt. Die Besichtigung endet an der Zukunfts-Schule, wo die Kinder weniger an festen Schreibtischen lernen und sich freier bewegen sollen. Noch ist es still auf dem Schulhof, Ferienzeit. Maija Bergström will hier eines der Pilotprojekte zeigen, die jedes Jahr in einer Art Wettbewerb für Kalasatama ausgewählt werden: Eine Wand aus Pflanzentöpfen, an der das Regenwasser vom Dach in einen großen bepflanzten Kasten läuft. Wiesenblumen locken Bienen und andere Insekten in die sonst eher betonlastige Umgebung, damit die nicht zu steril wird für die Kinder.

Die Senioren im Kotisatama-Haus nebenan haben sich auch Blumenkästen auf ihre Dachterrasse gesetzt. Marjut Helminen führt auch das Kaminzimmer vor, den Fitnessraum, die Sauna, die Bücherei, den Hobbyraum, den Waschraum. In der Profi-Küche ist die frühere Radiojournalistin selbst als Köchin eingeteilt. Wer mitessen will, zahlt 4,50 Euro fürs Drei-Gänge-Menü. Im Speiseaal gibt es einen Beamer für Filmvorführungen. Die Gruppe, die für die Möbel zuständig war, habe 80 verschiedene Stühle getestet, erzählt sie amüsiert. Und was ist nun smart an ihrem selbstdesignten Haus? Smart, findet Marjut Helminen, habe nicht nur mit IT zu tun. Smart sei, wenn man die Menschen einbezieht.