Auch die jüngste Euphorie für die Weisheit der Vielen fand ihre Kritiker. Ein Schlüsseltext war der Essay "Digitaler Maoismus", den der Computerwissenschaftler Jaron Lanier vor zwei Jahren veröffentlichte. Ähnlich wie Surowiecki zog auch Lanier ein leicht verständliches Erklärungsmodell aus den Massenmedien zu Rate - das Internetlexikon Wikipedia. Für Lanier ist dieser Versuch eines gemeinsam erarbeiteten Weltwissens nichts anderes als das Musterbeispiel für stumpfen Kollektivismus.

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Lanier differenziert: "Im Schnelldurchlauf würde ich die Grenze zwischen effektivem Kollektivdenken und Schwachsinn wie folgt definieren", schrieb er. "Das Kollektiv kann immer dann Klugheit beweisen, wenn es nicht die eigenen Fragestellungen definiert; wenn die Wertigkeit einer Frage mit einem schlichten Endergebnis, wie einem Zahlenwert festgelegt werden kann; und wenn das Informationssystem, welches das Kollektiv mit Fakten versorgt, einem System der Qualitätskontrolle unterliegt, das sich in einem hohen Maße auf Individuen stützt."

Für Surowiecki liegt der Fehler weniger im System an sich, als in ganz präzisen Störfaktoren. Wenn ein Kollektiv zu homogen, zu zentralisiert, zu uneinig, zu reflexhaft oder zu emotional agiert, kann es zu Katastrophen kommen. Nur unabhängige, starke Meinungen können im Internet oder dem Finanzmarkt zu einem bestmöglichen Ergebnis führen.

Der Gegenbeweis scheint nun erst einmal erbracht. Auch das konnte man an einem schlichten Beispiel im Fernsehen beobachten. Als Barack Obama sich am 7. November in Chicago zum ersten Mal nach seiner Wahl zum Präsidenten der Presse stellte, übertrug CNN die Pressekonferenz weltweit mit den üblichen Börsentickern an den Bildrändern. Rechts unten konnte man dabei die Tagesentwicklung des Dow Jones sehen, der an diesem Tag 255 Punkte gewonnen hatte. Als Obama nun die Bühne betrat, sprang der Dow um fast zwanzig Punkte nach oben. Als der designierte Präsident von Steuererhöhungen sprach, dauerte es nur Sekunden, bis der Börsenindex zweistellige Punktzahlen verlor. Am Schluss der Konferenz hatte er gut einhundert Punkte verloren.

Neue Sehnsucht

Vier Wochen später das umgekehrte Beispiel. Während einer Rede von Obama zur Wirtschaft, in der er massive Konjunkturpakete ankündigte, sprang der Dow Jones um 300 Punkte nach oben. Ist ein Markt, der so direkt und hysterisch reagiert nicht das perfekte Beispiel für die unberechenbare Dummheit des Kollektivs? Und ist die Wirtschaftskrise nicht der Beleg dafür, dass die vermeintliche Weisheit der Vielen auf dem freien Markt nur zum Reichtum für die Wenigen führt?

Die neue Sehnsucht nach den starken Einzelnen, die Verehrung für vermeintlich Weise wie Exkanzler Helmut Schmidt, den Papst oder den Investor Warren Buffett ist sicher ein schwerer Rückschlag für die Theorie von der Weisheit der Vielen. Um die Debatte um Vernunft und Unvernunft des Kollektivs wird man jedoch auch in Zukunft nicht herumkommen. Das Internet sorgt in atemberaubender Geschwindigkeit für neue Formen sozialer Interaktion. Der freie Markt ist zwar in der Krise, doch ohne kollektives Handeln kann er nicht existieren. Und auch die Politik muss sich mit der Weisheit der Vielen im demokratischen Prozess auseinandersetzen. Denn eines hat die Geschichte bewiesen - jede Flucht unter die Fittiche starker Individuen hat zu weit größeren Katastrophen geführt, als das Chaos der Freiheit.

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  1. Das Ende der Weisheit der Vielen
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(SZ vom 29.12.2008/mel)