Abschied vom Tier Der Bauer, der nicht mehr töten mag

Wenn eine Kuh sterben soll, nimmt sich Lorenz Weinmayr für sie Zeit.

(Foto: Illustration: Yinfinity)

Gibt eine Kuh keine Milch mehr, wird sie geschlachtet. Vielen Landwirten fällt das schwer. Ein Bauer aus Bayern hat einen Weg gefunden, sich und seine Tiere auf das Ende vorzubereiten.

Von Nakissa Salavati

Als Lorenz Weinmayr es nicht mehr über das Herz bringt, Tiere zu töten, geht er zu seinem Hausarzt. "Was ist denn mit mir los?", fragt er ihn. "Ach", sagt der Arzt. "Da sind Sie nicht allein. Andere Metzger haben das Problem schon viel früher."

Weinmayr ist jetzt 50 Jahre alt. Mit 15 Jahren hat er eine Metzgerlehre gemacht, "mein Traumberuf". Später den Meister. Er hat viel geschlachtet, auch seine eigenen Rinder. Er hat ihnen den Bolzen in die Stirn gejagt, sie bewusstlos zusammenbrechen sehen. Hat ihnen einen langen Stich in die Brust gesetzt. Dann strömt das Blut aus dem Tier, etwa 40 Liter ergießen sich auf die weißen Fliesen des Schlachthauses und laufen in den Abfluss. Das Rind stirbt, auch das hat Weinmayr viele Male gesehen. Dann hat er die oft Hunderte Kilo schweren Tiere an den Füßen aufgehängt an die Decke gewuchtet, die Organe entnommen, den Körper in zwei Hälften gehackt. Dafür braucht man Kraft. Die hat Weinmayr, das sieht man ihm an. Er ist groß, sein Bauch gewaltig, die Hände breit.

Doch was er körperlich kann, will er nicht mehr tun. Es hat sich vor etwa zwei Jahren etwas geändert, so sehr, dass er beim Schlachten Unbehagen empfand. Der Arzt hatte keine Medizin. Da Weinmayr auch Landwirt ist, muss er nicht mehr töten. 21 Bio-Milchkühe sichern sein Einkommen und das seiner Frau. Trotzdem wird er mit dem Tod konfrontiert.

Tiere töten: ein 360°-Schwerpunkt Das Schnitzel war einmal ein Kälbchen. So viel ist uns meist bewusst. Aber wie ist es eigentlich gestorben? Damit beschäftigen sich viele Menschen nicht, obwohl sie das Produkt Tier sehr schätzen: Ein Deutscher isst im Schnitt 60 Kilogramm Fleisch im Jahr - die Industrie verdient hierzulande Milliarden Euro. Die Süddeutsche Zeitung hat sich dem Thema "Tiere töten" aus verschiedenen Blickwinkeln genähert: vom unüberschaubaren System der Produktion über moralische Bauern bis hin zur Frage, warum so viele Menschen kein Problem mit dem Verzehr eines Tieres - wohl aber mit seinem Tod haben.

Weinmayr ist nicht der einzige Landwirt, der mit dem Tod der Tiere hadert. Kathrin Manusch arbeitet für den Natur-Verband Naturland und berät Bauern. Ihre Erfahrung habe gezeigt, dass die Beziehung zwischen Mensch und Tier auf vielen, vor allem kleineren Höfen, sehr intensiv sei. "Den meisten Landwirten fällt es schwer, sich von ihren Tieren zu trennen", sagt sie. Wenn das Ende kommt, müssen sie Abschied nehmen. Viele machen dies unbewusst, andere sprechen mit ihren Tieren, erklären ihnen den Tod. Wie Lorenz Weinmayr. Auch als er noch geschlachtet hat, nahm er sich für die Kuh Zeit, bedankte sich und sagte: "Das muss jetzt sein."

Weinmayr merkt sofort, ob die Stimmung im Stall stimmt - oder nicht

Der Hof der Weinmayrs liegt abgelegen im oberbayerischen Fischbachau, einem Dörfchen nahe den Alpen, südlich von München. Die Wiesen, der Himmel, die Berge, sie sehen hier aus wie auf einer Postkarte, die nachkoloriert wurde. Das Bauernhaus ist 300 Jahre alt, kleine Sprossenfenster sitzen unter dem hölzernen Balkon. Auch im Haus erinnert vieles an vergangene Zeiten: Bauernschränke, Kachelofen, gute Stube. Eine Türe verbindet das Wohnhaus direkt mit dem Stall. Dort stehen die aufgereihten Milchkühe, verbreiten einen warmen, staubigen Geruch aus Heu, Mist und Tier. "Das sind meine Angestellten", sagt Weinmayr, "ich bin der Chef."

Lorenz Weinmayr ist Bio-Milchbauer mit gerade mal 21 Tieren - und Metzger. Nur schlachten, das geht nicht mehr.

(Foto: Nakissa Salavati)

Aber man könnte fast meinen, es seien seine Kinder. Er schimpft sie, wenn sie ausschlagen; er liebkost sie, wenn sie brav sind. Im Vorbeigehen streicht er ihnen über den Kopf. Er erzählt ihnen, dass die Sonne scheint und sie wieder auf die Weide dürfen. Er merkt sofort, wenn ein Tier nervös ist, es ihm nicht gut geht. Oder eben, wenn die Stimmung im Stall passt.

Freilich: Ein so enges Verhältnis kann sich vor allem auf Höfen mit vergleichsweise wenigen Tieren entwickeln. Mit seinen 21 Milchkühen liegt Weinmayr stark unter dem deutschem Durchschnitt. Mehr als 70 Prozent der Milchviehhalter haben dem Bauernverband zufolge mindestens 50 Tiere. In Brandenburg hat ein Halter im Durchschnitt zuletzt sogar täglich 219 Kühe gemolken. Jede einzelne Kuh da noch mit einem Klaps, freundlichen Worten und Namen zu bedenken, ist schwierig, wenn die Arbeit zügig laufen soll. Es mag Ausnahmen geben, aber in einem großen Milchbetrieb lebt eine Kuh nicht nur, sie stirbt auch anders. Zeit, so wie sie sich Weinmayr nimmt, ist da kaum. Aber es ist eben nicht nur die Zeit, es ist auch der Respekt dem Tier gegenüber.

Dahlie zum Beispiel wäre wohl längst nicht mehr am Leben - würde sie nicht in Weinmayrs Stall stehen. Vor zehn Jahren brachte ein Bauer die Kuh vorbei und wollte sie schlachten lassen, weil sie ausschlug und keilte. Sie erwartete ein Kälbchen. Weinmayr weigerte sich, kaufte sie ihm ab und sagte: "Du willst doch eine trächtige Kuh nicht schlachten, das macht man nicht." Seitdem ist Dahlie die große, die dominante Kuh im Stall, fast jedes Jahr hat sie ein Kalb bekommen und Milch gegeben. Aber sie ist für Weinmayr auch zum Problem geworden. Wenn er an ihr vorbeigeht, ermahnt er sie: "Jetzt reiß' dich mal z'am!"

Streicheln und schlachten

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Zusammenreißen, das heißt: endlich wieder trächtig werden. Bekommt Dahlie kein Kälbchen, liefert sie bald keine Milch mehr. Dann kostet sie, anstatt Ertrag zu bringen, und Weinmayr wird sie schlachten lassen. "Viele Bauern hätten schon längst gesagt: 'Weg mit der'. Aber es ruiniert mich nicht sofort, wenn ich ihr ein bisschen Zeit gebe. Also habe ich ihr noch eine Chance gegeben" - und sie erneut besamen lassen.

Die Kühe verdienen sich ihren Abschied

Und was ist, wenn es nicht klappt, wenn sich Dahlie nicht zusammenreißt? Der Bauer verschränkt die Arme vor die Brust. "Dann muss ich mich von ihr verabschieden", sagt er. In diesem Moment passt seine Stimme nicht mehr zum Rest des Körpers. Sie bricht nicht, aber ganz fest ist sie auch nicht. Wenn Dahlie sterben soll, wird er sich schon einen Tag vor der Schlachtung Zeit für sie nehmen. Er wird sich zu ihr stellen, ihren Kopf kraulen und sich bedanken. "Du warst eine super Kuh", wird er dann sagen, "du hast uns jahrelang Milch gegeben. Aber jetzt muss es sein. Die Menschen brauchen etwas zu essen."

Weinmayr hat ein persönliches Verhältnis zu seinen Kühen, aber sie sind auch sein Kapital. Nutztiere eben. Sein Respekt sitzt tief. Gerade weil sie lange Jahre Lebensmittel wie Milch und später Fleisch zur Verfügung stellen, schätzt er sie. Die Kühe verdienen sich ihren Abschied. Und sie merken, dass er sich in dem Moment besonders mit ihnen beschäftigt, davon ist Weinmayr überzeugt.

Ob die Tiere den Abschied brauchen, sei dahingestellt. Weinmayr jedenfalls hilft er. Der ehemalige Metzger gibt es offen zu. Es sei überhaupt nicht leicht, eine solche super Kuh wie Dahlie zu verlieren. Es wird ihm schwerfallen, sie auf den Schlachthof-Anhänger zu führen. Es wird ihm einen Stich versetzen, wenn er durch den Stall geht, der einen oder anderen einen Klaps gibt - und Dahlie nicht mehr. Wenn er sich das vorstellt, sagt er, als beruhige es ihn selbst: "Sie hatte ein tolles Leben, ihr ging es gut." Und der Tod, der gehöre eben dazu.