Schweden Das gläserne Land

Wollen Sie wissen, was Ihre Nachbarn und Kollegen verdienen? In Schweden geht das - und jeder kennt das Vermögen von Popstars, Tennislegenden und Managern.

Von Gunnar Herrmann

Karl-Bertil Jonsson steht jedes Jahr an Weihnachten von dem klassischen Robin-Hood-Problem. Der junge Postangestellte will an seinem Arbeitsplatz die Pakete der Reichen stehlen und sie den Armen geben. Doch woher weiß er, wer reich ist? Da Karl-Bertil in Schweden arbeitet, ist die Lösung dieses Problems für ihn ganz simpel. Er schlägt die besonders betuchten Mitmenschen seiner Gemeinde einfach im Besteuerungs-Kalender nach. Das telefonbuchartige Verzeichnis erscheint jährlich und es listet wohlhabende Bürger auf, mit genauer Angabe ihres zuletzt versteuerten Jahreseinkommens. Die Zahlen stammen vom Finanzamt, denn ein Steuergeheimnis kennen die Schweden nicht.

Die Geschichte von Karl-Bertil ist ein Trickfilm, der jeden Heiligen Abend vom schwedischen Fernsehen ausgestrahlt wird. Die Erzählung vom Postangestellten, der Pakete umverteilt, ist ein modernes Märchen und gehört für viele Schweden zu Weihnachten wie Pfefferkuchen und Christbaum. Den Besteuerungskalender aber gibt es wirklich. Er erscheint seit über 100 Jahren. Die Ranglisten mit den Einkommen von Wirtschaftsbossen, Stars und Politikern liefern den Zeitungen alljährlich Stoff für Schlagzeilen. Heutzutage ist der gedruckte Kalender freilich etwas aus der Mode. Im Kommunikationszeitalter gibt es bessere Methoden, um in den öffentlich zugänglichen Daten des Finanzamts zu recherchieren. Journalisten, Kaufleute oder neugierige Bürger können die Behörde einfach anrufen. Zum Beispiel, um zu fragen, wie viel Geld der Nachbarn, der potentielle Kunde oder der Arbeitskollege zuletzt versteuert hat.

Über Löhne schweigen Arbeitnehmer trotzdem

Das klingt für Bundesbürger ungewöhnlich. Aber trotz dieser Offenheit im Amt geht es an schwedischen Arbeitsplätzen in puncto Geld nicht viel anders zu als an deutschen. "Es ist jedenfalls nicht so, dass Gehälter hier Dauerthema in der Kaffeepause wären", sagt zum Beispiel Martin May. Der Deutsche arbeitet als Unternehmenssprecher für den Energiekonzern Vattenfall in Stockholm. May sagt, dass schwedische Arbeitnehmer sich meist über ihren Lohn ausschweigen. Er jedenfalls wisse nicht, was seine Kollegen verdienen und er sei auch nie auf seinen eigenen Lohn angesprochen worden. Wenn May mit neuen Mitarbeitern über ihr Gehalt verhandelt, bleibt das Ergebnis - ebenso wie in Deutschland - geheim; zumindest bis zum nächsten Steuerbescheid.

Einige Unterschiede gibt es aber doch. Aufgefallen ist May zum Beispiel die hohe Moral der Schweden gegenüber dem Fiskus. Das bei Deutschen so beliebte Steuersparen gilt im Norden als unfein. "Ich war überrascht, als ich in meinem Sprachkurs gelernt habe, dass das Wort Steuerplanung für Schweden einen sehr negativen Klang hat", sagt May. "In Deutschland ist es ja völlig normal, seine

Einnahmen und Ausgaben so zu planen, dass man möglichst wenig ans Finanzamt zahlen muss." Die kritische Einstellung der Schweden in diesem Punkt ist sicher auch eine Folge einfacherer Gesetze, die Durchschnittsverdienern wenig Schlupflöcher bieten. Der normale Angestellte schickt in Schweden seine Steuererklärung schon mal per SMS ins Finanzamt, so kurz ist sie.