Schwarzbuch Deutsche Bahn Enthüllungen aus einer "alten Welt"

Das Schwarzbuch Bahn veröffentlicht haarsträubende Details aus dem Alltag der Bahnmitarbeiter. Doch der Konzern will davon nichts wissen.

Von Uwe Ritzer

Den Ball flach halten lautet die Devise. Dass Osteuropäer für Hungerlöhne Züge gereinigt und Schnee von Bahnsteigen geräumt haben - alles nur bedauernswerte Einzelfälle im Raum Berlin/Brandenburg, sagt ein Bahn-Sprecher.

Und im Übrigen sei dem verantwortlichen Sub-Subunternehmer doch sofort gekündigt worden. Dass nun auch noch ein Schwarzbuch auf knapp 300 Seiten miserable Arbeitsbedingungen beschreibt, dazu über Mängel und Sicherheitsprobleme im Schienennetz, schlechte Stimmung in der Belegschaft und Übergriffe auf Bedienstete berichtet - alles bekannt und längst aufgearbeitet, stapelt ein anderer Bahn-Sprecher tief.

"Angebliche Enthüllungen"

Die Autoren, die ZDF-Journalisten Christian Esser und Astrid Randerath, beschrieben mit ihren "angeblichen Enthüllungen" eine "alte Welt" und hätten "die vergangenen Monate ausgeblendet". Als ob inzwischen alles besser geworden wäre.

In Wirklichkeit wird der Druck bei der Deutschen Bahn allerorten größer. Vor allem wenn Subunternehmer ins Spiel kommen. Die Privatisierung von Leistungen macht schließlich nur Sinn, wenn dadurch Kosten gespart werden.

"Die Einhaltung von Arbeitsgesetzen und Sicherheitsvorschriften ist Bestandteil der Verträge mit Subunternehmen", versichert DB-Technikvorstand Volker Kefer. Wer sie nicht einhalte, müsse mit sofortiger Vertragskündigung rechnen.

Am Ende "zählt der günstigste Preis"

Bei Mobifair, einem gewerkschaftsnahen Verein für faire Arbeitsbedingungen in der Verkehrswirtschaft, beobachtet man etwas anderes. "Die Bahn kann in ihre Rahmenverträge mit Fremdfirmen an Sozialstandards reinschreiben, was sie will, im Endeffekt zählt bei der Vergabe doch nur der günstigste Preis", kritisiert Mobifair-Vorsitzender Karl-Heinz Zimmermann.

Je größer der Kostendruck werde, desto häufiger komme es zu Lohn- und Sozialdumping. Dieses scheint keineswegs nur in der Vergangenheit vorgekommen zu sein. Der Süddeutschen Zeitung liegen Hinweise vor, denen zufolge vor kurzem selbst in sensiblen Bereichen, wie dem Sicherungsdienst an Gleisbaustellen, kräftig getrickst wurde.

Arbeitszeiten sollen demnach zum Teil massiv überschritten, Ruheschichten nicht eingehalten und die Arbeiter bisweilen weit unter Tarif mit Stundenlöhnen zwischen 1,50 bis 6,50 Euro abgespeist worden sein.

Das deckt sich mit Informationen aus dem "Schwarzbuch Deutsche Bahn." Dieses listet aber auch in anderen Bereichen grobe Mängel auf. So soll das Schienennetz auf etlichen Strecken so marode sein, dass die Züge aus Sicherheitsgründen dort deutlich langsamer fahren müssen. Es gebe jedes Jahr mehrere hundert Rechtsverstöße was Vorschriften für Gleisanlagen angehe, so die Autoren.

"Pinkeln in den Kaffeebecher"

Sie zitieren einen anonymen Mitarbeiter des Eisenbahn-Bundesamtes, demzufolge die Bahn erst dann tätig werde, wenn die Behörde mit Eingreifen drohe. Bahn-Bedienstete behaupten im Schwarzbuch, bei technischen Anlagen und Zügen werde nur das repariert, was kurz davor sei, auseinanderzubrechen. In der Berliner DB-Zentrale weist man solche Vorwürfe weit von sich. Bestes Beispiel, wie ernst die Bahn das Thema Zugsicherheit nehme, seien die aufwendigen Untersuchungs- und Reparaturarbeiten bei ICEs, heißt es dort.

Manche Beschäftigte scheinen den Arbeitsdruck mittlerweile als unmenschlich zu empfinden. Ein Lokführer beklagt im Schwarzbuch das Fehlen von Toiletten. "Sie pinkeln in den Kaffeebecher oder in die Thermoskanne", wird er zitiert. "Denn sonst sind wir schuld an der Verspätung." Überhaupt scheint die Stimmung schlecht zu sein. Was allerdings auch mit rabiaten Fahrgästen zu tun hat. Jeder zweite Bahn-Bedienstete fühlt sich bei seiner Arbeit nicht sicher, 70 Prozent der Befragten gaben an, mindestens einmal Opfer eines Übergriffs geworden zu sein.