Schuldenposse zwischen Mittenwalde und Berlin Ein Witz, der sich nicht auszahlt

Im Jahr 1562 lieh ein Städtchen in Brandenburg dem damals schon klammen Berlin vierhundert Gulden. 450 Jahre später fährt der Bürgermeister von Mittenwalde nach Berlin und will das Geld zurück - mit Zinseszinsen. Erst hielt er das für eine tolle Idee. Jetzt nicht mehr.

Von Steffen Uhlmann

"Alles Pipifax und kalter Kaffee - ich kann die Geschichte mit den Gulden nicht mehr hören", stöhnt Uwe Pfeiffer. "Die Showtime ist doch längst vorbei." Jedenfalls für Pfeiffer, den CDU-Bürgermeister des brandenburgischen Städtchens Mittenwalde, nicht aber für im Sommerloch sitzende Redakteure. "Die rufen noch immer aus allen Ecken der Welt bei mir an", sagt er. "Sogar aus Amerika."

Immer die gleichen Fragen, immer die gleichen Antworten. Pfeiffer ist darüber mürbe geworden. Die "Show", die seine Stadt aus dem märkischen Nirwana bringen sollte, ist dem Mittenwalder PR-Talent ganz einfach aus dem Ruder gelaufen.

Dabei hat der pfiffige Bürgermeister die Sache im Mai selbst mit angezettelt. "Wir könnten die reichste Stadt der Welt werden, wenn Berlin seine Schulden endlich bei uns begleicht", deklarierte er damals in jedes Mikrofon. Pfeiffer verwies auf den uralten Schuldschein, der bis heute in seiner Amtsstube hängt. Danach hat sich am 28. Mai 1562 die klamme Doppelstadt Berlin-Cölln zu einem Zinssatz von sechs Prozent 400 Gulden von Mittenwalde geborgt, um so Steuerforderungen des verschwenderischen Kurfürsten Joachim II. zu begleichen. "Eine Rückzahlung gab es nie", weiß: "Sonst wäre der Schuldschein nicht noch in unserem Besitz."

Fast auf den Tag genau 450 Jahre später wurde Pfeiffer tatsächlich bei Berlins Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos) vorstellig, um die Sache mit den Uraltschulden im Jubiläumsjahr publikumswirksam vorzutragen. Seitdem ist die Schuldengeschichte in der Welt.

Pfeiffer hatte seine "Showtime" - nach diversen Berechnungen würden die bis heute aufgelaufenen Forderungen unter Berücksichtigung von Zinseszins in die Trillionen Euro gehen. Ein schwindelerregender Betrag, der selbst die horrenden Schulden der Euro-Krisenländer übertrifft.

"Mittenwalde ist im Gegensatz zu Berlin weitgehend schuldenfrei"

Und schon brach ein medialer Tsunami über Pfeiffers Rathaus und seine am Motzener See gelegene 9000-Seelen-Kommune herein. "Berlin wird natürlich keinen Euro zahlen, was anderes haben wir auch nicht erwartet", sagt der Bürgermeister resigniert. Und führt trotzig aus: "Wir sind darauf auch nicht angewiesen. Mittenwalde ist im Gegensatz zu Berlin weitgehend schuldenfrei."

Einen Gulden hat Berlin dann doch rausgerückt - allerdings nur leihweise für sechs Wochen. Das Goldstück stammt aus dem Jahre 1539, ist ein Unikat und würde auf dem Sammlermarkt heute bis zu 100.000 Euro bringen. Pfeiffer hat die Münze aus 18-karätigem Gold in Mittenwaldes Heimatmuseum ausstellen und für die sechs Wochen hoch versichern lassen. Inzwischen ist der Gold-Gulden unbeschadet wieder zurück im Münzkabinett des Berliner Bode-Museums. Und Pfeiffer ist froh darüber: Hatten doch erst im März dreiste Diebe über Nacht eine 135 Tonnen schwere alte Dampflok der Baureihe 52 vom Gelände des ortsansässigen Eisenbahnvereins geklaut.