Schuldenkrise in Griechenland Offene Rechnungen nagen an deutschen Unternehmen

Es rumort in den deutsch-griechischen Wirtschaftsbeziehungen - Millionenforderungen treffen auf NS-Vorwürfe. Hetzkampagnen in den Medien schüren die Wut der Griechen zusätzlich. Das bekommen deutsche Unternehmen nun zu spüren.

Von Christiane Schlötzer

Die Liste ist lang, und sie enthält die Namen der größten deutschen Firmen, von B wie "Bayer AG" bis zu T wie "Thyssen-Krupp Marine Systems". All die Firmen vereint: Sie warten zum Teil seit Jahren darauf, dass der griechische Staat ihre offenen Rechnungen bezahlt. Es geht um Millionenforderungen.

Ein junger Grieche mit einem Portrait Angela Merkels während einer Demonstration in Athen.

(Foto: dpa)

Als Wirtschaftsminister Philipp Rösler vor nun genau fünf Monaten in Athen seinen Kollegen Michalis Chrysochoidis besuchte, hatte er die Aufstellung dabei, und die griechische Seite gelobte Besserung. Seitdem ist wenig passiert. So beklagte sich Rösler erst vor wenigen Tagen darüber, dass die "überwiegende Anzahl der wiederholt vorgetragenen Altfälle nach wie vor nicht gelöst" sei. Für die von Griechenland so dringend gewünschten Investitionen deutscher Firmen sei dies ganz schlecht.

Chrysochoidis wollte die Schelte nicht auf sich sitzen lassen und warf Rösler daraufhin "Heuchelei" vor - weil es dem deutschen Minister gar nicht um Hilfe für Griechenland gehe, sondern nur um die alten Rechnungen. Bei dem öffentlichen Disput außer Acht blieb bislang, dass deutsche Unternehmen in Griechenland seit einer Weile noch andere Sorgen plagen. Diese wurden dem Wirtschaftsministerium in Athen nach Informationen der Süddeutschen Zeitung zwar ebenfalls vorgetragen, aber das Problem wird von beiden Seiten bislang lieber beschwiegen.

Aus guten Gründen: Unternehmen wie Saturn, Lidl, Praktiker und Obi spüren schon seit 2010 die Folgen einer überwiegend äußerst negativen griechischen Medien-Berichterstattung über Deutschland, der wiederum eine nicht viel weniger grobschlächtige Griechenland-Betrachtung in deutschen Boulevard-Medien vorausging. Das führte offenbar zu griechischen Verbraucher-Boykotten.

Das Forschungsinstitut VPRC hat jüngst 800 Griechen befragt, von denen gut drei Viertel meinten, Deutschland sei ihrem Land feindlich gesonnen. Die harten Sparforderungen der Troika aus Europäischer Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds werden in griechischen Medien häufig als "deutsche Diktate" gewertet; Anspielungen auf die NS-Zeit sind weit verbreitet.

Deutsche Firmen profitierten von Korruption

Negativ schlägt aber auch zu Buche, dass mehrere Unternehmen in Korruptionsskandale verwickelt waren. So hat der Siemens-Konzern jahrelang von laxen staatlichen Kontrollen profitiert - bei der Auftragsvergabe, bei der Erstellung überhöhter Rechnungen - und hat dafür im Gegenzug auch Wahlkampfhilfen für jene Parteien geleistet, die den Staat ins Schuldendesaster getrieben haben.

Siemens will nun - als erstes deutsches Unternehmen - mit der Regierung in Athen einen großen Deal vereinbaren: 80 Millionen Euro aus offenen Rechnungen will der Konzern dem Staat erlassen. Dafür soll er neue Aufträge in ähnlicher Höhe erhalten - und die Athener U-Bahn könnte auf schon fertigen Strecken endlich die Signalanlagen von Siemens einbauen, ohne die kein Zug rollen darf.

Auch im Bereich Rüstung - Griechenland war hier immer ein guter Kunde - sind noch Rechnungen offen. Gleiches gilt für Firmen, die staatliche Krankenhäuser beliefert haben. Forderungen wurden hier zum Teil nur mit mehrjähriger Verspätung beglichen. Allerdings sind in diesem Sektor auch Beträge strittig, denn in Griechenland wurden Medizinprodukte von international tätigen Firmen häufig zu stark überhöhten Preisen verkauft. Gründe dafür waren Preisabsprachen, Korruption und wiederum mangelnde staatliche Kontrolle.

Nicht nur deutsche, auch griechische Firmen haben in der Vergangenheit durch die schlechte Zahlungsmoral ihres Staates gelitten. Anders sind die Verhältnisse im Privatsektor: Private Importeure können es sich kaum leisten, Rechnungen jahrelang offen zu lassen - andernfalls werden sie nicht mehr beliefert.