Schockbilder auf Zigarettenpackungen Schlimme Fotos für blöde Bürger

Die Schockbilder kommen: Sie sollen Bürger vom Rauchen abhalten, hofft die EU.

Die Gesetzgeber halten ihre Bürger für ein paar hundert Millionen Idioten. Deshalb müssen auf Zigarettenpackungen bald Schockbilder abgedruckt werden. Doch zu einer freien Gesellschaft gehören auch Spinner, Nichtstuer, Trinker - und Raucher.

Ein Kommentar von Angelika Slavik

So eine Raucherlunge ist kein schöner Anblick. Von 2016 an werden Europas Bürger das wissen, ob sie wollen oder nicht. Dann müssen Fotos von Raucherlungen, Tumoren und kaputten Zähnen verpflichtend auf allen Zigarettenpackungen aufgedruckt sein, die in Europa verkauft werden.

So hat es das EU-Parlament am Mittwoch beschlossen. Die Schockbilder sollen vom Rauchen abhalten. Viele Menschen werden das gut finden, schließlich ist Rauchen in vielerlei Hinsicht eine schlechte Sache. Da sollten doch alle Mittel recht sein, um es zu bekämpfen. Oder nicht?

Nein, sollten sie nicht.

Seit Jahren haben europäische und nationale Institutionen die Zigarettenindustrie auf dem Kieker. Was mit dem legitimen Wunsch begann, die Nichtraucher vor fremdem Qualm zu schützen, steigerte sich zu Werbeeinschränkungen und Werbeverboten; nun verlieren die Hersteller die Hoheit über das Design ihrer eigenen Produkte.

So wird die Freiheit des Individuums missachtet

Die Befürworter solcher Maßnahmen argumentieren gerne damit, dass mit einer geringeren Raucherquote doch allen geholfen wäre: Den Menschen, die ihr Geld nicht mehr für Produkte ausgeben, die unzweifelhaft sehr schlecht für ihre Gesundheit sind. Und der Allgemeinheit: Das Gesundheitssystem werde entlastet, wenn es sich um weniger Menschen mit Raucherlungen, Herzerkrankungen und Gammelzähnen kümmern müsse. Die Wirtschaft profitiere, wenn sich die Bürger fit und fröhlich der Steigerung des Bruttoinlandsprodukts widmen könnten, statt sich hustend und röchelnd zur Arbeit zu schleppen oder auch nicht.

Das Problem dabei ist: Diese Denkweise missachtet völlig, dass zur Freiheit des Einzelnen eben auch gehört, Entscheidungen treffen zu dürfen, die nicht vernünftig sind. Die der Allgemeinheit nicht gefallen. Die die Volkswirtschaft nicht voranbringen. Das regt in Deutschland kaum jemanden auf, weil sich dieses Land traditionell für Leistung und Effizienz begeistert. Die Vorstellung, dass Staat oder EU ihre Bürger zu einer Lebensweise erziehen wollen, die zu den Wertvorstellungen der Mehrheit passt, erntet deshalb oft nur Achselzucken: Ist doch gut für alle, passt.

Vielleicht wird die Dimension des Problems deutlicher, wenn man sich klar macht, dass dieses Auf-den-rechten-Weg-Geschubse ja keineswegs nur das Rauchen betrifft. In deutschen Großstädten darf man in der U-Bahn kein Bier mehr trinken. In den USA sollten zwischenzeitlich zuckerhaltige Limonaden nur noch in kleinen Einheiten verkauft werden dürfen. Und große Teile der westlichen Welt lassen sich lieber Milliarden-Einnahmen entgehen, als den Markt für Cannabis einfach in regulierte Bahnen zu lenken. Dabei muss man doch davon ausgehen, dass erwachsene Bürger mit all diesen Dingen umgehen können sollten: Alkohol, Tabak, Zucker, Joints.

Die Regulierung trifft aber immer häufiger nicht nur den Konsum, sondern auch die Art und Weise, wie und wo für Produkte geworben werden darf. So musste nicht nur die Tabakindustrie aus dem Werbeblock im Fernsehen und von den Anzeigenseiten der Zeitungen verschwinden.

Zu einer Gesellschaft gehören auch Spinner, Trinker und Raucher

Auch die Lebensmittelindustrie musste massive Einschränkungen hinnehmen und darf nun etwa nicht mehr mit der vermeintlich gesundheitsfördernden Wirkung ihrer Joghurts werben. Und die Wunderversprechen der Kosmetikindustrie hat Brüssel ebenfalls im Visier. All das lässt eigentlich nur den Schluss zu: Die Gesetzgeber halten ihre Bürger für ein paar hundert Millionen Idioten.

Das ist ärgerlich, aus zwei Gründen. Zum einen, weil es einer Gesellschaft die Vielfalt raubt, wenn man die Werte der Mehrheit, so nobel sie auch immer sein mögen, auch allen anderen aufdrängt. Eine Gesellschaft muss nicht nur ertragen, sie sollte sogar wertschätzen, dass zu ihr auch Spinner, Trinker, Raucher, Ineffiziente und Nichtstuer gehören. Manchmal bringen diese Leute zustande, was der braven Mehrheit nicht gelingt: das kann Kunst sein oder Innovation. Oft bringen diese Leute auch einfach gar nichts zustande, dass muss auch in Ordnung sein - und kann, wenn man denn unbedingt einen Nutzen benennen will, doch wenigstens der eigenen Abgrenzung dienen.

Zum anderen überlagert der Ärger über die Verbote, dass es einen kleinen Bereich gibt, bei dem strenge Regulierung tatsächlich angebracht und notwendig ist: Dann, wenn es um Kinder geht. Wer erwachsen ist, muss mit Versuchungen und Suchtmitteln aller Art umgehen und mit den Konsequenzen leben können. Für Kinder gilt das nicht. Sie und ihre Bereiche besser vor der Industrie zu schützen, würde den Beschützerinstinkten des Staates ein sinnvolles Ziel geben.