Schmiergeld-Affäre Ecclestone kriegt es Schwarz auf Weiß

Die Schmiergeld-Vorwürfe kann er nun detailliert nachlesen, die Staatsanwaltschaft hat sie ihm zugeschickt, für ihn persönlich ins Englische übersetzt. Gegen Formel-1-Chef Bernie Ecclestone könnte es zum Prozess kommen, was ein Novum im Weltsport wäre. Jetzt ist Ecclestone am Zug.

Von Klaus Ott

Bernie Ecclestone, 82, kümmert sich gelassen um die Geschäfte der Formel 1, auch als der Rennzirkus kürzlich auf dem Nürburgring in der Eifel gastierte. Es gab nichts, was den Chef der Motorsport-Serie aus der Ruhe oder gar in Bedrängnis gebracht hätte. Beim nächsten Besuch in Deutschland dürfte das anders sein, und das weiß der Brite wohl auch. Er hat nun endlich Gelegenheit, die dicke Anklageschrift wegen Bestechung in einem besonders schweren Fall zu lesen, die seit zwei Monaten beim Münchner Landgericht liegt. Das Gericht hat die vielen Seiten erst ins Englische übersetzen lassen, was lange dauerte, bevor Ecclestone dieser Tage die Anklage zugestellt bekam. Der Formel-1-Boss soll schließlich verstehen, was ihm angelastet wird. Und was zu einem Prozess gegen ihn in München führen könnte.

Das wäre kein angenehmer Auftritt für den Impresario, wie er auch genannt wird. Ecclestone soll Mitte vergangenen Jahrzehnts den damaligen Bankvorstand Gerhard Gribkowsky aus der BayernLB kräftig geschmiert haben. Mit 44 Millionen Dollar, die nachweislich geflossen sind. Bayerns Landesbank war nach der Pleite ihres Kreditkunden und Formel-1-Betreibers Leo Kirch Hauptaktionär der Vermarktungsgesellschaft für die Rennserie geworden. Gribkowsky nutzte diesen Einfluss, um dem Briten das Leben schwerzumachen. Der soll um seine Macht gefürchtet und den Banker bestochen haben, damit dieser den Ausstieg der BayernLB aus dem Rennsport ganz in seinem, Ecclestones, Sinne arrangiere. Auf Kosten der weiß-blauen Staatsbank.

"Görhard", wie ihn Bernie nannte, ist wegen Bestechlichkeit und anderer Delikte längst verurteilt worden, zu achteinhalb Jahren Haft. Ist nun auch Bernie dran? Abwarten! Der Brite behauptet, er habe die 44 Millionen Dollar nur auf den Weg gebracht, weil er von Gribkowsky erpresst worden sei. "Görhard" habe dunkle Andeutungen über mögliche Steuervergehen gemacht. Da sei nichts dran gewesen, aber es hätte ihn, Ecclestone, trotzdem ein Milliardenvermögen kosten können. Also habe er dem Deutschen Geld gegeben.

Nach der Staatsanwaltschaft ist nun der Formel-1-Chef am Zug. Seine Verteidiger Norbert Scharf und Sven Thomas haben eine "umfassende Stellungnahme" für das Gericht angekündigt. Sie werden versuchen, Gribkowskys Geständnis, er sei von Ecclestone bestochen worden, zu erschüttern. Sie werden vermutlich erklären, der Ex-Banker habe damit in seinem eigenen Prozess einen Strafrabatt erreichen wollen. Sie werden alles tun, was juristisch in ihrer Macht steht, um ein Gerichtsverfahren gegen ihren Mandanten abzuwenden. Der Chef eines der größten und profitabelsten globalen Sportereignisse wegen Bestechung auf der Anklagebank, das wäre ein Novum im Weltsport.

Ob es dazu kommt, entscheidet die fünfte Strafkammer des Münchner Landgerichts unter Vorsitz von Peter Noll. Der ist als akribischer Richter bekannt, der alles genau wissen will und nicht für billige Deals zu haben ist. Das spricht für einen Prozess. Der betagte, aber immer noch sehr aktive Rennboss könnte versuchen, den angeblichen Schaden der BayernLB, den die Bank mit 400 Millionen Dollar beziffert, auszugleichen und sich so in seinem Alter eine mögliche Gefängnisstrafe zu ersparen. Aber selbst das ginge kaum ohne Gerichtsverfahren ab. Und das wiederum könnte, falls die Indizien und Beweise für ein Schmiergeld-Urteil nicht reichen, auch mit einem Freispruch enden.

So oder so, Ecclestone bleibt erst einmal Renn-Chef, trotz der Anklage. Er hat die Formel 1 über Jahrzehnte hinweg zu dem gemacht, was sie heute ist. Er hat die Macht, und derzeit wagt niemand, ihn zu stürzen.