Schifffahrtskrise Wie Reeder und Banken Milliarden versenkten

Hapag-Lloyd ist der deutsche Marktführer, international ist die Firma aber relativ klein

(Foto: Bloomberg)
  • Die Krise der Schifffahrt wird teuer für die deutschen Steuerzahler. Allein der Fall der HSH Nordbank könnte 17 Milliarden Euro und mehr kosten, fürchten Ökonomen.
  • Bis zur Finanzkrise berauschten sich deutsche Anleger und Reeder, die Politik und Banken am Boom der Containerschiffe. Dann platzte die Blase.
Von Bastian Brinkmann, Cerstin Gammelin, Patrick Hagen und Angelika Slavik

Martin Hellwig wohnt in Bonn. Er schaut oft auf den schönen Rhein und sieht die Containerschiffe vorüberziehen. Doch Hellwig sieht hier nicht nur die Idylle. Er sieht auch einen Wirtschaftskrimi, der den deutschen Steuerzahler noch Milliarden Euro kosten wird. Es geht in dieser Geschichte um das Geschäft der Reeder und um staatliche Banken. Am Ende geht es wohl um einen der teuersten Skandale der Zeit. Erst diese Woche musste die NordLB einen Verlust in Höhe von fast zwei Milliarden Euro verkünden. Dieses Institut ist die größte Landesbank im Norden der Republik, gehört also den Steuerzahlern.

Containerschiffe sind eine tolle Sache. Sie bringen die neueste Playstation aus Asien und Avocados aus Mexiko nach Deutschland. Manche sagen: Nur dank Containerschiffen gibt es überhaupt die Globalisierung, gibt es internationale Handelsrouten rund um den Globus, von denen gerade das handelsstarke Deutschland so profitiert. Wie wichtig die Containerschiffer sind, merkten einige im vergangenen Herbst. Eine große südkoreanische Reederei ging plötzlich pleite. Schiffe hingen auf dem Meer fest - und damit auch die vielen Dinge, die Menschen in Deutschland bestellt hatten. Ohne Containerschiffe sitzen viele auf dem Trockenen. Aber derzeit sind es vor allem die Reeder selbst, denen es schlecht geht. Mit drastischen Folgen.

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Banken schenken ihren Kunden selten etwas. Bernd Kortüm bekam gleich mehr als eine halbe Milliarde Euro. Ihm wurden Schulden in Höhe von 547 Millionen Euro erlassen, von der HSH Nordbank. Auch das ist ein staatliches Institut. Es hat sich so sehr mit Schiffskrediten verzockt, dass es nun privatisiert werden muss. Angeblich sind Investoren aus China und den USA interessiert, aber noch ist alles offen. Bernd Kortüm und die HSH sind eng verbunden. 2008 betrug seine Kreditlinie bei der Bank zwei Milliarden Euro. Das war der Grund, warum sich die HSH zu diesem beachtlichen Schuldenschnitt entschloss. Eine Pleite hätte das Institut wohl noch weitaus mehr Geld gekostet.

Kortüm führt die Norddeutsche Reederei H. Schuldt. Sie residiert mitten in der Hamburger Innenstadt in einem Konstrukt aus Glas und Stahl, das ungefähr so charmant ist wie ein Autohaus. Schaukästen im Erdgeschoss zeigen Modelle von mächtigen Frachtschiffen. "Northern Glory" steht auf einem. Sehr ruhmreich hat sich Kortüm nicht benommen, sagen seine Kritiker. Ungefähr zur gleichen Zeit, als die HSH dem Reeder Kortüm eine halbe Milliarde Euro erließ, kaufte sich der Privatmann Kortüm eine neue Segelyacht. Kolportierte Kosten laut Makler: knapp neun Millionen Euro. Als er damals gefragt wurde, ob das nicht unanständig sei, argumentierte Kortüm, es handle sich ja um ein 14 Jahre altes Boot, für das er "deutlich weniger als die Hälfte" des genannten Kaufpreises gezahlt habe. Es sei "ein absolutes Schnäppchen" gewesen.

Die Verbindungen zwischen Politik und Schifffahrt waren im Norden stets innig, es schien ein gutes Geschäft für beide Seiten zu sein. Doch seit sich abzeichnet, wie teuer es für die Steuerzahler noch werden könnte, ist der Tonfall ein anderer. Die Hamburger Senatskanzlei nannte das Verhalten bestimmter Kreditnehmer auf einmal "unsensibel und empörend". Die Kanzlerin ließ wissen, sie fände es gut, wenn die Reeder ihre Schiffe wieder öfter unter deutscher Flagge fahren ließen, man sei ihnen schließlich schon genug entgegengekommen. Und beim gesetzten Abendessen in der ehrwürdigen Hamburger Handelskammer mussten die Reeder hinnehmen, dass ihnen Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig eine Moralpredigt hielt, als wären sie eine Horde ungezogener Schuljungen mit Smoking.

Einst bewundert, nun beschimpft - wie konnte es nur so weit kommen? Martin Hellwig, der Mann vom Rhein, beobachtet die Reeder und ihre Banken seit langem. Hellwig arbeitet am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern und beschäftigt sich viel mit Banken. In der Finanzkrise saß er in einem Ausschuss, der den Staat beriet, als dieser Notkredite an deutsche Unternehmen vergab. Auch Hapag-Lloyd beantragte damals Staatshilfe.