Schienenverkehr:Abenteuer am Schalter

Schienenverkehr: Andreas Schorsch.

Andreas Schorsch.

(Foto: oh)

Wer hinter einem Schalter sitzt, trifft viele Menschen. Wer hinter einem Schalter der Bahn sitzt, erlebt zahlreiche skurrile Geschichten. Andreas Schorsch erzählt aus dem Alltag eines Bahn-Mitarbeiters im Düsseldorfer Hauptbahnhof.

Von Thomas Öchsner

Von dem Schriftsteller Kurt Tucholsky ist ein Aphorismus überliefert, der noch heute seinen Reiz hat: "Das deutsche Schicksal: vor einem Schalter zu stehen. Das deutsche Ideal: hinter einem Schalter zu sitzen", schrieb der Autor der Weltbühne vor 85 Jahren. Andreas Schorsch, 55, sitzt seit mehr als 20 Jahren hinter dem Schalter. Er ist Service-Mitarbeiter bei der Deutschen Bahn und, wie er es nennt, "Mädchen für alles" bei der DB-Information im Düsseldorfer Hauptbahnhof. Schorsch sagt: "Die meisten Kunden sind angenehm verrückt." Jetzt hat er ein Buch über seine skurrilsten Begegnungen mit Fahrgästen veröffentlicht. Der Titel: "Wofür sitzen Sie eigentlich hier?"

Der Düsseldorfer Hauptbahnhof ist ein Verkehrsdrehkreuz. 250 000 Menschen kommen hier Tag für Tag durch. Viele wollen aber nicht einfach nur wissen, wann der nächste Zug von A nach B fährt oder wie sie am schnellsten C erreichen. Oft treten sie vor Schorsch mit ungewöhnlichen Anliegen: Mal wollen vier ältere Damen bei Unwetter unbedingt den Sänger Heino besuchen. Mal soll ein Sohn eine Waschmaschine im Zug für seine Mutter transportieren. Mal tritt ein Kunde vor ihn und sagt: "Muss nach Passau. Habe vier Reifen auf eBay verkauft. Dem Käufer ist der Versand zu teuer, also dachte ich mir, bring sie mal eben persönlich vorbei." Schorsch muss dann erklären, dass "mal eben" leider doch 13 Stunden hin und zurück sind und vier Autoreifen als Handgepäck im ICE schon gar nicht gehen.

Andere Kunden fühlen sich nur sicher, wenn sie eine Bescheinigung mit Stempel haben. Einmal legt ein Mann einen Reiseplan vor für eine Fahrt von Düsseldorf über Berlin, Warschau, Moskau und mit der transsibirischen Eisenbahn quer durch Sibirien und die Mongolei nach Peking. Fahrzeit: 129 Stunden und 29 Minuten, Ankunft Peking: 31.12., 14.04 Uhr. Zwei Monate vor der geplanten Abfahrt bittet der Kunde Schorsch um eine schriftliche Bestätigung, dass der Zug tatsächlich in Peking an Silvester pünktlich ankommen wird, und sagt: "Sie bescheinigen mir das jetzt, sonst stelle ich einen Antrag auf Schadenersatz!". Der Mann musste ohne Formular von dannen ziehen.

Bei solchen Spezialkunden holt Schorsch manchmal auch eine Bescheinigung aus seiner Schublade, die er selbst am PC gestaltet hat - wie bei dem Studenten, der entgegen den Vorschriften mit seinem Studententicket samstags im ICE fahren wollte. Auf dem Papier findet sich ein Stempel mit dem lateinischem Sinnspruch: "sapere aude", also "Wage es, weise zu sein" oder, wie es der Philosoph Immanuel Kant übersetzt hat, "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen."

Schorsch setzt jedoch nicht immer auf Ironie bei Kunden, die Unmögliches von ihm wollen. "Das kann man nicht mit jedem machen", sagt er. "Ich will nicht über sie, sondern mit ihnen lachen und möchte, dass die Leute wiederkommen." Außerdem will der DB-Mitarbeiter natürlich auch keinen Ärger mit seinen Chefs, die in seinem Buch jeweils als "Der kleine Prinz" auftauchen.

Meist hört Schorsch geduldig zu. Er sucht Verbindungen raus, die sonst keiner benutzt, weil zum Beispiel ein Kunde partout nicht durch eine bestimmte Stadt fahren will. Er erklärt, dass er kein Staatsdiener ist, auch wenn ihn manche immer noch so anreden, als ob es noch die Bundesbahn gäbe ("Hey, Sie da, Beamter!"). Oder gibt Menschen, die ihm ihre traurige Lebensgeschichte erzählen, irgendwann diplomatisch zu verstehen, dass sie mal auf die Schlange hinter ihnen schauen sollten.

10 000 Mal hat sich das Buch bereits verkauft. Und Schorsch sitzt schon am nächsten. Der Titel: "Da kann ich ja gleich zu Fuß gehen."

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: