Wichtiger aber ist, dass die Verständigung über Reichtum und seine Erscheinungsformen generell nicht einfach ist: Von Armut hat jeder Bürger eine Vorstellung, weil in Familien, in Romanen und Geschichtsbüchern davon erzählt wird. Wer arm ist, kann im besten Fall auf Mitleid hoffen und wird eher bereit sein, von seiner Lage zu reden. Wer reich ist, erwartet kein Mitgefühl, sondern Neid. Auch deshalb ist Reichtum so diskret; Frau Schickedanz äußerte sich recht ungern über ihre finanziellen Verhältnisse, solange sie noch exzellent waren.

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Weil über Reichtum selten und stets ungern gesprochen wird, fehlt auch ein politischer Konsens, den es bei der Armut längst gibt: Wo, bitteschön, beginnt der wirkliche, große Wohlstand? Manche Ökonomen nennen ein Monatseinkommen von gut 3000 Euro netto für einen Alleinstehenden; bei einem Paar mit zwei Kindern liege die "Reichtumsschwelle" bei knapp 7000 Euro netto.

Doch man kann sicher sein, dass die meisten der Betroffenen ihren Wohlstand nur zum Teil wahrnehmen - viele könnten jederzeit plausibel erklären, dass ihnen der Staat zu viel abverlangt und ihren Wohlstand bedroht.

Diese Wahrnehmungsschwäche hat problematische politische Folgen. Sie macht eine Verständigung über die Lasten, die eine Gesellschaft verteilen muss, beinahe unmöglich. Wenn sich fast jeder von Armut bedroht fühlt, sinkt die Bereitschaft, dem Staat etwas abzugeben. Deshalb entwickeln sich Steuerdebatten zum Kampfplatz von Interessengruppen, die das Schicksal ihrer Klientel beklagen. Ein Konsens über den Sinn von Steuern und die Notwendigkeit einer Lastenverteilung ist kaum noch möglich.

Vielleicht täte gelegentlich ein kleiner Blick zurück ganz gut: Das Bruttosozialprodukt der Bundesrepublik hat sich in den letzten dreißig Jahren ungefähr verdoppelt; die Wohlhabenden haben überproportional davon profitiert. Sicher ist es nicht einfach, diesen Gewinn im Gedächtnis zu behalten - doch wer sich daran erinnert, ist weniger anfällig für die Angst vor dem Absturz.

Die politische Kultur in Deutschland würde es jedenfalls bereichern, wenn sich nicht ständig Menschen armrechnen, denen es wirtschaftlich gut geht. Denn echte Armut unterscheidet sich deutlich von den Abstiegssorgen der Frau Schickedanz.

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  1. Reich sind nur die anderen
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(SZ vom 21.07.2009/tob)