Deutschland und das Schickedanz-Syndrom: Den Wohlhabenden fehlt das Gefühl für die eigenen finanziellen Verhältnisse - das erschwert die Debatte über Steuergerechtigkeit.
Dass das Selbstbild eines Menschen von dem abweicht, was seine Mitmenschen über ihn denken, kommt ziemlich häufig vor. Manche Zeitgenossen halten sich für großartig, auch wenn sie es nicht sind; andere halten sich für minderwertig und würden sich am liebsten verkriechen, obwohl sie viele Fähigkeiten haben.
Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz befürchtet den sozialen Abstieg. (© Foto: dpa)
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Madeleine Schickedanz ist aus dieser Perspektive ein recht normaler Fall: Ihre Selbstwahrnehmung als von Armut bedrohter Rentnerin passt überhaupt nicht zu dem Bild, das die Welt von ihr hat. Wenn die Quelle-Erbin klagt, dass sie von 600 Euro im Monat leben muss, macht sie sich zum Objekt für Hohn und Zorn.
Ihre Klage kann man als Realitätsverlust einer reichen Jammertante geißeln; man kann vielleicht sogar Mitleid entwickeln, denn Menschen, deren Selbst- und Fremdbild so weit auseinander liegen, gehen selten zufrieden durchs Leben. Man könnte das Thema abhaken und erst dann wieder aufgreifen, wenn die Unternehmerin tatsächlich einen Hartz-IV-Antrag bei einem Sozialamt stellt. Also nie.
Doch vielleicht ist der Fall in einem zentralen Aspekt typisch für die Gesellschaft der Bundesrepublik. Denn den Wohlhabenden dieses Landes ist in den letzten Jahrzehnten vielfach das Gefühl für die eigenen finanziellen Verhältnisse abhanden gekommen. Die Bundesrepublik ist ein reiches Land, in dem sich kaum jemand reich fühlt.
Auch jene, die heute gut verdienen, leiden häufig unter einer milderen Ausprägung des Schickedanz-Syndroms. Jeder hält sich irgendwie für arm und kann das wortreich belegen: Ich zahle riesige Summen meines Umsatzes an den Staat, klagt der erfolgreiche Selbständige - und verschweigt, dass auch der Rest noch ein enormer Betrag ist. Ich überweise dem Staat viele tausend Euro Erbschaftssteuer, stöhnt ein anderer - und übersieht, dass der Forderung des Staates auch ein Erbe vorausging. Ich leide unter den immensen Sozialabgaben, jammert der leitende Angestellte - und denkt nicht daran, dass seine Ehefrau und seine Kinder kostenlos krankenversichert sind. Reich also, das zeigen diese Klagen, reich sind immer nur die anderen.
Zwar ist es dem Land in den letzten Jahren gelungen, ein passables Sensorium für wirkliche Armut zu entwickeln. Im öffentlichen Bewusstsein ist - vor allem dank der Debatten über die Armutsberichte - inzwischen angekommen, dass Kinder viel zu häufig in finanziell miserablen Verhältnissen leben; auch dass Altersarmut heute selten ist, hat sich herumgesprochen. Doch eine entsprechende Wahrnehmung des Reichtums fehlt in der Republik.
Dieser Mangel hat mehrere Ursachen. Eine ist die beliebte neoliberale These, die den Wohlhabenden in den letzten Jahren suggerierte, der Staat bereichere sich zu Unrecht an ihren Einkommen. Wenn fast alle Parteien "Entlastungen" für die Besserverdiener versprechen, liegt es nahe, dass sich diese "belastet" fühlen.
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Ich finde den Artikel sehr gelungen, er trifft den Nagel auf den Kopf!
Der Staat braucht Geld um seine Aufgaben zu erfüllen, und trotz stetig wachsendem Reichtum will man uns weis machen der Sozialstaat sei in seier jetzigen form nicht finanzierbar, und die stetig sinkende gesamtabgaben Last wird als zu hoch propagiert.
Funktionieren tut dies nur weil man die Lasten auf die mittleren Einkommen konzentriert, und somit die Erde für neo-liberale Ideen fruchtbar hält.
Vermutlich beziehen sie sich auf Zahlen bei dem das Aufkommen aus dem spizensteuer Satz gegen gerechnet wird gegen das gesamte einkommensteuer Aufkommen.
Schönheitsfehler an der Sache ist das Einkommensteuer nur ein Teil der Einnahmen sind, es gibt z.B. noch Steuern auf Vermögenserträge (inzwischen endlich überhaupt besteuert) oder Mehrwehrtsteuer oder... .
Viel wichtiger ist das ein entscheidener Anteil der Staatsafgaben über die Sozialabgaben finanziert wird, von denen (dank beitragsbemessungs Grenze) die höheren Einkommen abgekoppelt sind.
Ziemliche Räuberpilstole ihre Zahlen! XD
Man kann auch alles irgenwie verdrehen! Investments aus Nächstenliebe wären nun wirklich eas ganz Neues.
Und wissen sie was es wäre obendrein auch schlecht wenn es sowas gäbe! Der Investor und das Unternehmen sollte immer den Gewinn zum Ziel haben (wenn auch nicht den kurzfristigen). Die Gemeinaufgaben obligen dem Staat, der hierfür aussreichend mit Geld versorgt werden muss, und eben insbesondere auch duch eine angemessene Beteilgung der Unternehmen am Steueraufkommen!
Frau Madeleine Schickedanz erntet jetzt Hohn, Spott, Häme und Beschimpfungen dafür, dass sie sehr viel Geld verloren hat und sich offenbar große Sorgen um ihre Zukunft macht. Meines Wissens hat sie es mit Ihrem Geld viele Jahre lang ermöglicht, dass Zehntausende von Menschen eine zu ordentlichen Tariflöhnen bezahlte Arbeit hatten. Wenn sie ihre Firmenanteile in besseren Zeiten als heute verkauft hätte, hätte sie sorgenlos bis an ihr Lebensende in Luxus leben können. Der Dank dafür, dass sie dies nicht getan hat, sind nicht Respekt oder Mitgefühl für ihre bedauernswerte Lage, sondern Hohn, Spott, Häme und Beschimpfungen von Leuten, die diese noble Frau gar nicht kennen.
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