Von K.-H. Büschemann u. U. Ritzer

Seit Juli 2008 versucht Schaeffler, den Konkurrenten Continental zu übernehmen. Beide Seiten kommen sich nicht näher - die Feindschaft ist einfach zu groß.

Sich mit Hans Fischl zu verabreden, ist mühsam. Der 56-jährige Betriebsratsvorsitzende des Autozulieferers VDO in Regensburg hat viel zu tun, er muss gerade eine Sparwelle abwettern, die 640 Arbeitsplätze kosten soll. Etwa zehn Prozent der Belegschaft. Der stämmige Arbeitnehmervertreter mit dem blonden Bart rennt von einer Besprechung in die andere. Selbst im Gespräch mit Besuchern eilt er zum Telefon, um Anweisungen für die Konferenzen zu geben, an denen er nicht teilnehmen kann.

Schaeffler, ddp

Schaeffler hat sich bei Conti verspekuliert - und will jetzt dennoch auf 90 Prozent der Conti-Anteile erhöhen. (© Foto: ddp)

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Es ist ja nicht nur die Autokrise, die bei dem Autoelektronikhersteller am östlichen Stadtrand von Regensburg alles durcheinanderbringt. Das Unternehmen, das zu den angesehensten Lieferanten für die Autohersteller zählt, kommt seit Jahren nicht aus den Turbulenzen heraus. Erst im Dezember 2007 war VDO von Siemens an die Continental AG verkauft worden. Und nur ein paar Wochen später sollte es schon wieder einen neuen Eigentümer geben, die Schaeffler KG aus Herzogenaurach. Fischl tut so, als gebe es die gar nicht. Bisher habe sich noch niemand von Schaeffler hier in Regensburg blicken lassen, sagt Fischl. Man spürt, dass ihn diese mangelnde Aufmerksamkeit schmerzt. VDO, das sei doch das Beste, was es an Autoelektronik auf dem Markt gibt, sagt er. Aber was die neue Herrin mit Conti und VDO vorhat, weiß Fischl nicht. "Für mich ist Schaeffler noch eine Black Box." Was sie über Schaeffler wissen, lesen die Mitarbeiter in der Zeitung. Seit genau einem Jahr.

Grabenkampf zwischen David und Goliath

Am 14. Juli des vergangenen Jahres wurde bekannt, dass das fränkische Kugellagerunternehmen Schaeffler die Continental AG übernehmen will. Eine kaum glaubliche Nachricht. Schaeffler ist wesentlich kleiner als der niedersächsische Reifen- und Bremsenhersteller. Genau 11,3 Milliarden Euro haben die Franken für den Fang ausgegeben, der schnell die Nation bewegte. Ein hoher Preis. Seitdem sind die Belegschaften in Aufruhr, Ministerpräsidenten schalten sich ein, selbst die Bundesregierung mischt in der Übernahmeschlacht mit, die sich zu einem zähen Grabenkampf zweier Konzerne entwickelt hat. Conti und Schaeffler haben sich rettungslos ineinander verbissen. Die Schlacht der Franken und Niedersachsen lähmt zwei Konzerne mit zusammen 200 000 Mitarbeitern. Die gesamte Autoindustrie ist alarmiert. Kein Auto dieser Welt fährt ohne Teile von Schaeffler oder Conti.

Die Unternehmerin Maria-Elisabeth Schaeffler, 67, die über Jahre von den Medien für ihre Tüchtigkeit gerühmt wurde, blieb auf halber Strecke stecken, zum ersten Mal in ihrem Leben als Unternehmerin. Die Finanzkrise hatte ihren kühnen Plan vereitelt. Genau als die Geschäfte des Kugellagerherstellers einbrachen, musste sie die Aktien von Continental zu Kursen übernehmen, wie sie vor der Krise bezahlt wurden. Inzwischen waren die Papiere aber um mehr als drei Viertel gefallen. Die stets gepflegt auftretende Dame aus Herzogenaurach gab nicht auf. Bei einer Demonstration vor dem Werkstor, unterstrich sie die Forderung ihrer Mitarbeiter auf Hilfen vom Staat - mit ein paar Tränen der Rührung.

Continental war selbst ein Problemfall. Die Hannoveraner hatten erst kurz zuvor für viel zu teure elf Milliarden Euro den Autoelektronik-Hersteller VDO gekauft, der früher für seine Autotachos bekannt war - eine schwere Hypothek. Mitten in der Finanzkrise summierten sich die Schulden von Schaeffler und Conti damit auf zusammen 20 Milliarden Euro. Allein bei Conti ist die Lage so schwierig, dass die Juni-Gehälter nur mit Verspätung gezahlt werden konnten.

Kaum noch handlungsfähig

Wegen des zermürbenden Kampfes um die Vorherrschaft im neuen Großunternehmen sind die Firmen kaum noch handlungsfähig. Die Streithähne sind sogar zum Fall für Staatshilfe geworden. Auf beiden Seiten geht kaum noch etwas weiter. Die Schaeffler-Führung, die nur aus wenigen Personen rund um die Eigentümerin Maria-Elisabeth Schaeffler besteht, ist damit beschäftigt, ihre beunruhigten Banken zu beschwichtigen. Bei Continental wartet das Management auf Signale vom neuen Eigentümer über die künftige Strategie. Vergeblich, heißt es in Hannover.

"Wir haben keine Perspektive", klagt ein leitender Angestellter aus der Conti-Konzernzentrale in Hannover. "Wir wissen nicht, wohin die neuen Eigentümer mit der Firma wollen." Es gebe in der Mannschaft "eine gewisse Lähmung". Die Conti-Mannschaft fühlt sich auch missachtet. Das Unternehmen galt unter dem aggressiven Konzernchef Hubertus von Grünberg und seinem ebenso hartnäckigen Nachfolger Manfred Wennemer mehr als ein Jahrzehnt lang als Wunderunternehmen. Vom einfachen Reifenhersteller hatten sich die Hannoveraner durch Zukäufe zu einem der führenden Autozulieferer, der stark auf Elektronik setzte und damit den Trend in der Autoindustrie traf, verwandelt. Und jetzt sollen sie von dem unbekannten Familienunternehmen aus Herzogenaurach geschluckt werden, das nur Kugel- und Wälzlager macht? Undenkbar.

Continental-Chef Manfred Wennemer schoss gleich nach Bekanntwerden des Übernahmeplans aus allen Rohren gegen Schaeffler. Die Franken seien "rabiater als manche Hedgefonds", wetterte er, als gehöre das Unternehmen ihm. "Man setzt uns einfach die Pistole an den Kopf." Der forsche Chef musste inzwischen gehen. Doch die Aversion gegen die Süddeutschen blieb in Hannover. Im April drehten die Norddeutschen den Spieß plötzlich um. Jetzt wollten sie Schaeffler übernehmen und dafür einen Teil der Schulden der Franken schultern. Bei diesem Modell wäre für die Angreifer am Ende eine Beteiligung von 40 Prozent an Continental übrig geblieben, sozusagen als Trostpflaster.

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