Sankt Martin "Die Stärke eines Volkes misst sich am Wohl der Schwachen"

Sankt Martin als europäische Leitfigur kann helfen, Stärke neu zu definieren.

(Foto: Alessandra Schellnegger; (M))

Die Tugend des Teilens - eine vergessene europäische Leitkultur. Sie kann für mehr Wohlstand sorgen, für mehr Sicherheit und für mehr gesellschaftlichen Frieden.

Essay von Heribert Prantl

Wenn man nach einer europäischen Leitfigur sucht, stößt man auf einen, den die Kinder in diesen Tagen mit Laternenumzügen, mit Rabimmel und Rabammel feiern. Und wenn man nach einer europäischen Leitkultur sucht, dann stößt man auf eine Tugend, die der so Gefeierte verkörpert: Sankt Martin ist der Heilige des Teilens; er ist einer, den Katholiken, Orthodoxe, Protestanten und Anglikaner gleichermaßen verehren, er ist eine Gestalt aus den Urtagen Europas. Martin Luther, der Reformator, ist nach diesem Sankt Martin benannt, weil er am Vorabend des Martinstags, also am 10. November geboren wurde, und dann, wie damals üblich, den Namen des Heiligen des nächsten Tages, seines Tauftages erhielt.

Die Legende, die sich mit Sankt Martin verbindet, geht so: Bevor er, es war im vierten nachchristlichen Jahrhundert, Bischof von Tours wurde, war er römischer Soldat in der kaiserlichen Reiterei. An einem Wintertag begegnete ihm ein frierender Bettler. Weil Martin außer seinen Waffen, seinem Militärmantel und seinem christlichen Glauben nichts bei sich trug, teilte er den Mantel mit dem Schwert und gab die eine Hälfte dem Armen. In der Nacht, so die Legende, sei ihm dann im Traum Christus erschienen - bekleidet mit dem halben Mantel, den Martin dem Bettler geschenkt hatte. Es ist dies eine Illustration zum Matthäus-Evangelium über das Weltgericht, in dem es heißt: "Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet (. . .) Was ihr einem von meinen geringsten Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan."

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Martins Mantel, lateinisch cappa, gehörte dann seit der Merowingerzeit zum Kronschatz der fränkischen Könige und reiste mit ihrem Hof von Pfalz zu Pfalz. Der Name Kapelle leitet sich von der Räumlichkeit, in der diese Cappa aufbewahrt wurde; und die Geistlichen, die die Cappa begleiteten, waren die Kapellane. Vielleicht wäre es gut, wenn die EU-Kommissare heute nicht Kommissare, sondern Kapellane heißen würden - um damit deutlich zu machen, was eigentlich essenziell zu Europa gehört oder gehören sollte: Die Kultur des Teilens, also soziale Gerechtigkeit.

Fast so schön wie im zitierten Matthäus-Evangelium vom Weltgericht ist die Kultur des Teilens an einer anderen Stelle formuliert. Dort heißt es: "Die Stärke eines Volkes misst sich am Wohl der Schwachen". Das klingt wie ein Leitspruch zu den Verhandlungen zur Jamaika-Koalition, den der Paritätische Wohlfahrtsverband in Greenpeace-Manier an die Fassade der Parlamentarischen Gesellschaft gehängt haben könnte. Der provozierende Spruch stammt aber aus der Präambel der Schweizerischen Verfassung.

Das Wohl der Schwachen

Bemerkenswert ist der Satz, weil die Stärke eines Volkes, die Stärke eines Staates regelmäßig an ganz anderen Faktoren bemessen wird: Die einen messen sie am Bruttosozialprodukt und am Exportüberschuss, die anderen reden dann vom starken Staat, wenn sie mehr Polizei, mehr Strafrecht und mehr Gefängnis fordern. Kaum jemand redet von der "Stärke eines Volkes", wenn es darum geht, einen Mindestlohn von 12 Euro pro Stunde durchzusetzen. Kaum jemand sagt starker Staat oder starkes Volk, wenn er die Verknüpfung von Sozial- und Bildungspolitik meint oder eine humane Flüchtlingspolitik. Und noch niemand hat an die Stärke der mitteleuropäischen Völker appelliert, um so dafür zu werben, den armutsgeplagten Griechen die Schulden zu erlassen. Sankt Martin als europäische Leitfigur kann helfen, Stärke neu zu definieren.

Die Stärke des Volkes misst sich am Wohl der Schwachen: Das ist ein starker Satz, auch wenn die Bezeichnung "Schwache" infiziert ist von den Ausschließlichkeitskriterien der Leistungsgesellschaft. Ein starker Staat ist ein Staat, der für die Angleichung der Lebensverhältnisse sorgt, sich ums Wohl der Schwachen und Behinderten kümmert und dabei lernt, dass sie nicht so schwach sind, wie man oft meint und dann ihre Stärken, die Stärken des Imperfekten, zu schätzen lernt.