Schuldenstreit Vergesst die Mythen

Die EU muss ohne Illusionen vertieft werden.

(Foto: dpa)
  • Der Austritt eines Euro-Mitglieds wäre für den Rest der Währungsunion hochriskant.
  • Langfristig hat die EU nur eine Zukunft, wenn sie sich auf eine gemeinsame Finanzpolitik und einen gemeinsamen Finanzminister verständigt.
  • Die Griechenland-Krise hat nationale Stereotype wiederbelebt, die eine gemeinsame Politik erschweren.
Von Nikolaus Piper

Wenn man Theo Waigel fragt, ob denn die Einführung des Euro der Preis für die Wiedervereinigung Deutschlands gewesen sei, holt er Luft und antwortet mit nicht gespieltem Zorn: "So ein Quatsch!" Die Historiker und Journalisten sollten lieber ihn fragen, ehe sie so etwas schrieben, sagt er. "Ich bin nämlich dabei gewesen." Natürlich hat der ehemalige Bundesfinanzminister, einer der Väter des Euro, recht: Die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion ist kein Kind der Jahre 1989 und 1990, sie stand, seit der luxemburgische Pierre Werner 1970 zum ersten Mal einen entsprechenden Plan vorlegte. Richtig ist aber auch, dass der Verzicht auf die D-Mark diesseits und jenseits der Grenzen als Beleg dafür gewertet wurde, dass die Deutschen ein europäisches Deutschland wollen - und kein deutsches Europa .

Umso bitterer, dass sich diese Wahrnehmung im Zuge der Griechenland-Krise radikal geändert hat. Plötzlich steht Deutschland da als das Land, das sich Europa unterwerfen möchte. Das "System Schäuble" gilt als Ausdruck deutscher Diktatur, der "hässliche Deutsche" ist zurück. Höchste Zeit innezuhalten. Was hat es mit dem "System Schäuble" auf sich?

SZ-Debatte zu Griechenland
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Es gibt gute Gründe für das "System Schäuble"

Viele Kritiker, darunter namhafte Ökonomen, werfen Deutschland seinen Ordnungsfimmel vor. Angela Merkel und Wolfgang Schäuble pochten auf Verträge und Regeln, ohne Rücksicht auf Verluste. Das Problem ist: Eine Währungsunion ohne feste Regeln kann nicht funktionieren, die Notenbank muss glaubwürdig sein. Nur unter der Voraussetzung kann sie den Geldwert stabil halten.

Ja, es waren die Deutschen, die besonders auf die Stabilität der Währung drangen, der Vertrag von Maastricht ("Das Grundgesetz der Währungsunion", sagt Theo Waigel) trägt eine deutsche Handschrift. Das hat Wurzeln in der Geschichte.

Schon im Heiligen Römischen Reich war Deutschland, anders als Frankreich oder England, meist föderal verfasst, Föderalismus aber funktioniert nur mit festen Regeln. So mag sich teilweise die Liebe der Deutschen zu gesetzten Ordnungen erklären. Man sollte aber auch nicht übertreiben: Die Unabhängigkeit der Notenbank, eines der Grundelemente deutscher Ordnungspolitik, wurde den Deutschen zweimal, 1924 und 1948, von ehemaligen Kriegsgegnern oktroyiert, beim zweiten Mal entdeckten sie dann, dass das Oktroi in Wirklichkeit ein wunderbares Geschenk war.

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Der Goldstandard zeigt die Risiken einer gemeinsamen Währung

Am besten lassen sich die Chancen und Risiken einer Währung, die souveräne Nationen zusammenbindet, an einem historischen Beispiel zeigen: dem Goldstandard. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts banden fast alle Industriestaaten (Deutschland 1871) ihre Währungen zu einem festen Kurs an Gold. Das System hatte, im Gegensatz zur Europäischen Währungsunion, keine gemeinsame Notenbank. Jedes Land entschied souverän über seine Geldpolitik. Aber diese Souveränität war trotzdem relativ. Gold sorgte indirekt für eiserne Disziplin. Sobald ein Land größere Defizite im Außenhandel einfuhr oder das Vertrauen der Finanzmärkte verlor, musste es mit dem Abfluss von Gold rechnen. Dem konnte das Land nur durch höhere Zinsen und/oder Sparmaßnahmen entgegentreten, durch Austerität eben, mit hohen Opfern, die besonders die Arbeiter und ihre Familien bringen mussten.

Die Zeit des Goldes war begleitet von häufigen und schweren Finanzkrisen - das allein schon ist eine ernste Warnung für die Euro-Zone. Bestes Beispiel ist der "Gründerkrach" von 1873, ein Börsencrash, der eine lang anhaltende Rezession mit Massenarbeitslosigkeit folgte. Ursache des Krachs war - ähnlich wie in Griechenland vor 2008 - ein ungebremster Kapitalzufluss. Im Falle Deutschlands waren es die Reparationen in Höhe von fünf Milliarden Goldmark, die Frankreich nach dem preußisch-französischen Krieg von 1870/71 an das neu gegründete Deutsche Reich zahlen musste. Die Reparationen blähten die Geldmenge auf und erzeugten eine Illusion von Wohlstand. Am Ende stand der Kollaps.

Die Währungsunion hat kein Sicherheitsventil

Die Wirtschaftshistoriker Harold James (Princeton) und Michael Bordo (Rutgers) untersuchten in einem gemeinsamen Papier Schlussfolgerungen aus dem Goldstandard für den Euro. Sie sehen nicht sehr gut aus: Bei festen Wechselkursen und freiem Kapitalverkehr, wie vor 1914 üblich, ist es schwer, Bankenkrisen abzuwenden. Und die harte Disziplin, die das System verlangt, ist mit der Demokratie nur schwer zu vereinbaren. Die Wiedereinführung des Goldstandards nach dem Ersten Weltkrieg scheiterte letztlich, weil die Regierung in London die notwendigen Opfer ihrem Volk nicht zumuten wollte. Sie folgte damit dem dringenden Rat des Ökonomen John Maynard Keynes. Die Weimarer Republik musste auf Druck der Alliierten bis zum bitteren Ende am Goldstandard festhalten. Das bittere Ende hieß dann Adolf Hitler.

Nun hat die Währungsunion gegenüber dem Goldstandard einen großen Vorteil: Sie besitzt in der Europäischen Zentralbank (EZB) eine zentrale Institution, die die Geldpolitik steuern kann. EZB-Präsident Mario Draghi tut dies, mit bemerkenswertem Erfolg. Bis jetzt ist aus der Griechenland-Krise keine Euro-Krise geworden. Die Währungsunion hat aber auch einen Nachteil: Sie hat kein Sicherheitsventil. Den Goldstandard konnte ein Land, das die nötige Disziplin nicht aufbringen konnte oder wollte, relativ einfach verlassen, auch auf Zeit. Argentinien tat dies 1890 nach einer schweren Finanzkrise. Die Goldbindung der anderen Länder hat dies nicht betroffen. Bei der Währungsunion ist das anders. Der Austritt eines Mitglieds wäre für den Rest der Union ein hochriskanter Akt. Deshalb sind Rettungspakete für Griechenland nötig, deshalb hat Schäubles Vorschlag eines Grexit auf Zeit so viel Aufruhr erzeugt. Nicht mehr anonyme Marktkräfte sorgen für Disziplin, es ist der Finanzminister des wirtschaftlich stärksten Landes.