Fachkräftemangel Werdet Handwerker!

Damit das Handwerk attraktiver wird, muss die Branche bei der Digitalisierung mitziehen.

(Foto: imago/Westend61)

Viele Jugendliche streben nach Abitur und Studium. An eine Ausbildung im Handwerk denken sie trotz guter Aufstiegschancen nicht. Höchste Zeit, etwas gegen den Akademisierungswahn zu tun.

Essay von Janis Beenen

Das smarte Zuhause braucht einen smarten Handwerker, und deshalb wird die Arbeit des Handwerkers künftig immer häufiger auch so aussehen: Er legt sein Werkzeug beiseite, den Schraubenschlüssel oder Akkuschrauber, tippt das Wlan-Passwort ein und verbindet seinen Laptop mit dem Hausnetz. Denn das Außenthermometer, das er gerade angebracht hat, kommuniziert direkt mit der Heizung. Wird es draußen kalt, wird es drinnen warm. Schöne Zukunftsaussichten also für eine ganze Branche - die in der Gegenwart mit großen Personalsorgen kämpft, weshalb manche Handwerker so überlastet sind, dass sie oft gar nicht mehr ans Telefon gehen. Noch ein Auftrag? Oh nein, bitte nicht!

Denn viele Schüler wollen alles werden, nur nicht Handwerker. Tausende Lehrstellen sind unbesetzt, weil die meisten an die Hochschulen drängen. Bildungsforscher haben das Phänomen vor ein paar Jahren "Akademisierungswahn" genannt. Nur Abi und Studium zählen noch, zu wenige wollen mit ihren Händen arbeiten. Dieser Wahn führt dazu, dass viele junge Menschen studieren, um dann anschließend festzustellen, dass dies doch nichts für sie ist: Mehr als 30 Prozent der Bachelor-Studenten brechen ab. Die Gründe sind in der Regel mangelnde Leistung - und der Wunsch nach einer praktischen Tätigkeit. Der Druck zur akademischen Karriere verhindert Selbstverwirklichung.

Diesen Trend muss Deutschland stoppen, ja: umkehren. Das Land braucht nicht nur Menschen mit akademischen, sondern auch mit praktischen Qualifikationen. Drei gewaltige Umwälzungen sind notwendig, damit wieder mehr junge Leute Handwerker werden. Erstens: Schüler müssen besser über die Möglichkeiten informiert werden, die diese Berufswahl für sie bringt. Zweitens: Die Ausbildung muss aufgewertet werden. Drittens: Das Handwerk muss sich modernisieren.

"Das Wichtigste ist doch der Wille"

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Dass vor allem Gymnasiasten keine Lust auf eine Lehre haben, daran ist auch die Schule schuld. Die Vorstellungen vieler Abiturienten von einer Ausbildung sind verzerrt. Knapp 30 Prozent der Gymnasiasten fühlen sich schlecht über Ausbildungsangebote informiert, zeigt eine Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln. Über das Studium denken nur halb so viele so. Viele Gymnasiasten vermuten, sie hätten nach einer Lehre weniger Einkommen - und wären häufiger von Arbeitslosigkeit bedroht. Doch das ist ein Klischee. Die Arbeitslosenquote von Handwerksmeistern beträgt weniger als drei Prozent, das ist ähnlich gering wie bei Hochschulabsolventen. In etlichen Fällen stehen Handwerksmeister finanziell besser da als Akademiker. Im Durchschnitt verdient ein Meister in seinem Berufsleben beispielsweise etwa 100 000 Euro mehr als ein Uni-Absolvent mit dem Fach Soziale Arbeit und 30 000 mehr als eine Architektin oder Bauingenieurin. Das hat das Ifo-Institut vorgerechnet. Dazu kommen sehr gute Aufstiegschancen: 200 000 Betriebe brauchen in den nächsten Jahren einen neuen Chef, weil der Inhaber zu alt sein wird, um das Geschäft noch zu führen.

Man kann also als Handwerker gesellschaftlich aufsteigen. Viele Eltern aber drängen ihre Kinder zum Studium - damit sie es mal besser haben als man selbst. Vor allem bei Nicht-Akademikern lebt die Hoffnung auf den sozialen Aufstieg, den Jura, Medizin oder ein Lehramtsstudium versprechen, obwohl das auch eine Karriere im Handwerk erfüllen kann.

Damit das Handwerk besser bei Schülern ankommt, müssen auch die Schulen ran. In die Lehrpläne gehört eine systematische Berufsorientierung. Gymnasiasten sollen im Unterricht verstehen, dass Menschen ohne Bachelor und Master ein respektables, glückliches Leben führen können. Schulen sollten zwei Stunden pro Woche Vertreter aus verschiedenen Bereichen der Arbeitswelt ins Klassenzimmer holen. Natürlich dürfen auch Akademiker kommen, aber vor allem sollen örtliche Handwerksmeister vor den Schülerinnen auftreten. Nur so ist es möglich, die soziale Blase vieler Jugendlicher anzupiksen, in der nur das Studium zählt. Zahlreiche Handwerker haben Lust, sich einzubringen. Vertreter der Fachverbände besuchen in manchen Städten schon Elternabende, um für ihr Gewerbe zu lobbyieren. Auch Baden-Württemberg ist schon auf einem guten Weg. Dort gibt es ein Schulfach namens "Wirtschaft/Berufs- und Studienorientierung".