Samstags-Essay Falscher Stolz

Fünf Jahre nach Fukushima: In der deutschen Energiepolitik haben Regierung wie Manager viele Fehler gemacht.

Von Karl-Heinz Büschemann

Es tut dem Menschen wohl, wenn er weiß, das Richtige zu tun. Gewissheit ist ein angenehmes Ruhekissen. Nichts macht zufriedener als die süße Sicherheit, den falschen Weg gemieden zu haben. Gerade deshalb müssen diejenigen, die sich auf dem rechten Wege wähnen, gelegentlich die Frage stellen, ob das behagliche Wohlbefinden berechtigt ist. Das Gefühl, Recht zu haben, kann trügerisch sein.

In Deutschland tobt eine bedrückende Diskussion über Richtig und Falsch über Dumm und Klug, über Weitsicht und Verantwortungslosigkeit. Richtig: Es geht um die Energieversorgung des Landes, um den Klimaschutz, um die beste Art der Stromerzeugung in Europas größtem Industrieland. Es gibt Tausende von Argumenten auf beiden Seiten, viele Fragen, aber keine klaren Antworten.

An Rhein und Ruhr taumeln die Energiekonzerne Eon und RWE mit zusammen 120 000 Beschäftigten dem Koma entgegen. In diesem Jahr sollen beide Konzerne aufgespalten werden. Sie werden aufgeteilt in zum Elend verurteilte alte Stromerzeugung und zukunftsträchtige Geschäfte mit regenerativer Energie. In wenigen Wochen, am 11. März, jährt sich zum fünften Mal der Tag der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima. Das Desaster führte zu der Blitzentscheidung der Bundesregierung, Kernkraftwerke in Deutschland bis 2022 abzuschalten. Die Krise der Konzerne und die Entscheidung der Bundesregierung hängen zusammen. Fünf Jahre nach Fukushima steckt die Energiepolitik genauso in der Krise wie RWE und Eon.

Stimmt: Die Manager der Stromkonzerne haben nicht erkannt, dass die Welt der Energie sich anders entwickelt als sie glaubten. Jetzt haben sie den Salat. Deutschland setzt auf regenerativen Strom aus Sonne, Wind und Wasser und die Aktienkurse von Dax-Traditionskonzernen wie Eon oder RWE brechen ein.

Selbst schuld. Manager, die nicht verstehen, dass neue Technologien ihre Geschäfte bedrohen, müssen sich Versagen vorhalten lassen. Das ist ein Unglück für Mitarbeiter und Aktionäre. Für eine Volkswirtschaft ist der Untergang eines Dax-Konzerns ein Schlag, aber nicht das Ende.

Es geht um mehr: Hier muss von kollektivem Versagen gesprochen werden. Nicht nur die Manager haben die Augen vor der Zukunft verschlossen. Die Energiezukunft der größten Industrienation Europas steht auf wackeligem Fundament, weil sich auch die Politiker ihrer Verantwortung entziehen. Das Verhältnis von Politik und Energiewirtschaft ist seit der Basta-Entscheidung von Angela Merkel vergiftet. Beide Seiten haben sich ineinander verhakt, man begegnet einander mit Argwohn und bekämpft sich mit Lust und Wonne. Fünf Jahre haben sich beide Seiten in ihrem Grabenkrieg gegenseitig der Unfähigkeit bezichtigt.

3 Thesen

Politiker und Manager haben in der Energiewende gleichermaßen versagt

Technologien, die heute als Segen gelten, können morgen ein Fluch sein

Energiepolitik ist eine Gemeinschaftsaufgabe, die mehr Offenheit für Neues braucht

Jetzt sind die Konzerne ermattet, die Manager resignieren, und die Politiker in Berlin geben sich wie Sieger, obwohl sie selbst ermattet wirken. Nur, Ideen für eine tragende Energiepolitik kamen bei dem zermürbenden Ringen nicht heraus. Die Ausstiegs-Kanzlerin Merkel hat genauso wenig Grund zum Stolz wie die überheblichen Manager an Rhein und Ruhr.

Der Kampf um den beschleunigten Ausstieg aus der Atomenergie legt offen, dass auch die Politiker das tun, was man gemeinhin den Managern als Fehler unterstellt: Sie denken kurzfristig. Sie sind an Wahlen orientiert. Na und? Was ist schlimm daran, wenn sich Politiker nach dem richten, was die Wähler wollen?

Energiepolitik ist schwierig und wenig wählerwirksam. Sie ist mehr als die populäre Proklamation von sauberem Strom für alle Zeiten, und sie verlangt jahrzehntelange Planungshorizonte. Die wichtigste Aufgabe von Energiepolitikern ist nicht die Bereitstellung von Kraftwerken oder Hochspannungsleitungen. Die entscheidende Grundlage von Energiepolitik ist die Gewissheit, dass es die eine Patentlösung für die Versorgung einer modernen Volkswirtschaft mit Elektrizität nicht gibt. Notwendige Bedingung ist auch Demut vor der großen Aufgabe und die Bereitschaft, sich neuen technologischen Strömungen zu stellen. Davon ist Deutschland weit entfernt.

In diesem Land ist Energiepolitik scheinbar einfach. Sie steht exemplarisch im Parteiprogramm der Bundes-Grünen: "Die Zukunft der Energieversorgung ist solar und dezentral", steht da, als wäre kein Zweifel erlaubt. Sonne, Wind, Biomasse, Erdwärme, Wasserkraft, Meeresenergie seien "weltweit im Überfluss vorhanden."

Das liest sich so, als hätten die Deutschen den allein selig machenden Weg schon gefunden, im Gegensatz zu den armen anderen Ländern, die diese banale Weisheit noch immer nicht kapieren wollen und auf Kohle setzen oder weiter auf die Atomkraft. Aber so sicher sollten sich die Deutschen wegen der vermeintlichen Überlegenheit ihrer Gedanken nicht sein.

Die Geschichte der Energieversorgung ist eine Geschichte der Irrtümer

Gerade die Energieversorgung zeigt, dass es den Königsweg in das Land des Überflusses ohne Nebenwirkungen nicht gibt. Die Historie der Energieversorgung ist eine Geschichte der Irrtümer. Was in einem Jahrzehnt als Segen galt, war schon im übernächsten zum Fluch geworden.

Es ist nur fünf Jahrzehnte her, dass die Atomenergie weltweit als der sichere Weg ins Paradies galt. Kapitalisten in der westlichen Welt und Kommunisten im Osten waren gleichermaßen begeistert vom Segen des Atomstroms. Damals hatte die Bundesrepublik einen Atomminister namens Franz Josef Strauss und die SPD war eine glühende Kämpferin für den Atomstrom. Der Sozialdemokrat Willy Brandt erwog vor über 50 Jahren als Regierender Bürgermeister von Westberlin den Bau eines Kernkraftwerks mitten in der eingemauerten Halbstadt. Angesehene Wissenschaftler wie der Physiker und Nobelpreisträger Werner Heisenberg machten sich für die friedliche Nutzung der Atomenergie stark. Der damalige US-Präsident Dwigth D. Eisenhower startete ein Programm, das "Atom for Peace Program" hieß und die Disney-Filmstudios lieferten eine Leinwandstory über die schöne neue atomare Zukunft. Die Fürsprecher waren nicht von der Industrie gekaufte Büttel oder Dummköpfe. Sie waren von der Sache überzeugt. Es gehört zur Ironie dieses atomaren Traums, dass es Manager der Energiekonzerne waren, die damals warnten. Heinrich Schäffer, Vorstand des RWE, war in den fünfziger Jahren der Meinung, diese Technologie sei nicht finanzierbar. Das Urteil erwies sich als richtig. Anders als heute waren damals die Politiker und nicht die Energiewirtschaft trunken von der neuen, vermeintlich sauberen Energie. Die Stromkonzerne ließen sich auch deshalb das Abenteuer Atomenergie großzügig vom Staat finanzieren. Das ist heute schon vergessen.

Illustration: Lisa Bucher

Die Erdölwirtschaft sorgte vor allem in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts für den beispiellosen Aufschwung Amerikas zur führenden Industrienation mit ihrem ungebrochenen Fortschrittsglauben. Dann kam auch hier die Ernüchterung. Der Barrel-Preis stieg seit den siebziger Jahren, das Ende des Ölzeitalters drohte. Wieder war es ein Irrtum. Die angedrohte Knappheit blieb aus. Öl ist heute so günstig wie seit mehr als einem Jahrzehnt nicht mehr, und bald wird auch diese Sicht wieder falsch sein.

Nicht einmal der globale Vertrauensverlust der Kernenergie führt zum Ende des Atomstroms. Noch immer werden in der Welt neue Atommeiler geplant. Das ist das Paradoxon einer globalen Klimapolitik, die vor allem auf die Begrenzung der Kohlendioxid-Emissionen setzt und der Kohle-, Öl- und Gaswirtschaft den Kampf ansagt. Diese Strategie bringt durch die Hintertür ein Ergebnis, das zwar dem Klima dient, aber möglicherweise nicht den Menschen: Die teure und riskante Atomenergie wird zur Alternative im Kampf gegen die globale Erwärmung. Die horrenden Kosten und Folgerisiken sind der Grund, warum energiehungrige Länder wie China nicht noch viel mehr Atommeiler bauen. Sie lassen sich aus chinesischer Sicht offenbar nicht vermeiden, will das Land nicht im Smog ersticken. Das sollte die nachdenklich machen, die der Meinung sind, acht Milliarden Menschen auf der Welt seien schon bald allein mit regenerativer Energie zu versorgen.

Die Entwicklung neuer Energieträger ist für die Menschheit eine Schlüsselfrage

Wann wird es möglich sein, mit Solarstrom so viele Stahlwerke zu betreiben, dass ein Entwicklungsland seine Brücken bauen kann? Ist der regenerative Strom aus Wasserkraft wirklich nachhaltig? Eine Antwort gibt der neue megaloman anmutende Drei-Schluchten-Staudamm in China, der 13 Städte verschlang, mehr als anderthalb Millionen Menschen ihren Wohnort nahm und bei dem noch lange nicht klar ist, welchen Preis die Umwelt für dieses Projekt zu zahlen hat. Vor zehn Jahren predigte der US-Soziologe und Ökonom Jeremy Rifkin den Beginn des Wasserstoffzeitalters. Davon ist heute nicht mehr die Rede. Aber ist die Wasserstofftechnologie für alle Zeiten tot, nur weil sie im Moment keine starken Fürsprecher findet?

Die Entwicklung neuer Energieträger ist eine Schlüsselfrage für die Menschheit, aber sie ist nicht einfach planbar und nicht mal eben abzuleiten aus den vorhandenen Technologien. Die Suche nach der Energie von morgen ist nichts anderes ist als ein gewaltiges Trial- und Error-Verfahren, eine Folge von Versuchen und Irrtümern und keineswegs eine Frage der Vernunft, die am Ende dazu führen wird, dass das Beste durchgesetzt werden kann. Damit muss man sich erst einmal abfinden. Für Gesellschaften wie die der heutigen Industrieländer, die Zukunft für planbar halten, ist das ein schwer erträglicher Gedanke.

Deshalb kommt es darauf an, dass sich Regierungen wie Manager darauf besinnen, dass die Energieversorgung einer Industrienation eine Gemeinschaftsaufgabe ist. Sie ist nicht allein Sache von Politikern und sie darf nicht nur in den Händen von Managern liegen. Sie ist gemeinsame Sache, weil Politiker und Manager in der Vergangenheit hinreichend bewiesen haben, dass sie allein dem Thema nicht gewachsen waren. Der Staat hat in der deutschen Energiepolitik ebenso versagt wie der Markt. Energiepolitik braucht ein Klima der kollektiven Nachdenklichkeit und Ehrfurcht vor der Aufgabe. Nur so sind neue Wege denkbar. Die alten Pfade haben zu nichts geführt, schon gar nicht der jüngste Grabenkrieg der Energiewende.