S-Bahn-Chaos in Berlin Bahn verklagt Hersteller Bombardier

Erst brachen Räder der Züge, später bremsten die Bremsen nicht richtig: Die Bahn will den Hersteller Bombardier verklagen - wegen einer Pannenserie bei der Berliner S-Bahn, die 2009 für monatelanges Chaos gesorgt hatte. Doch für die Bahn dürfte es schwierig werden, einen Vorsatz des Lieferanten nachzuweisen.

Von Michael Bauchmüller, Berlin

Keine zwei Monate war Rüdiger Grube im Amt, da machte der neue Bahnchef reinen Tisch bei der S-Bahn Berlin. Nach einer katastrophalen Serie von Pannen im Nahverkehr der Hauptstadt setzte er den kompletten Vorstand der Bahntochter ab. Aber schon damals, im Juli 2009, fand Grube das auch ein bisschen ungerecht. "Wir müssen uns hier eigentlich an die Hersteller wenden", beklagte er. "Aber wenn so etwas passiert, legt sich die Industrie in die Furche, und die Bahn steht auf der Bühne."

Doch nun, fast vier Jahre später, will die Deutsche Bahn offenbar auch die Industrie auf die Bühne zerren. Eine Schadenersatzklage sei vorbereitet, hieß es am Sonntag in Kreisen der Industrie. 300 Millionen Euro will die Bahn so beim S-Bahn-Hersteller Bombardier eintreiben. Das besagen Informationen aus Kreisen der Deutschen Bahn.

Es sind die Nachwehen einer spektakulären Pannenserie. Erst brachen Räder der Berliner S-Bahn, und Auflagen des Eisenbahnbundesamtes zwangen die Züge immer häufiger in die Wartungshallen. Der Fahrplan geriet über Monate hinweg aus den Fugen. Später bremsten Bremsen nicht richtig, und Flugschnee machte den Antrieben zu schaffen. Gespräche zwischen Bahn und Bombardier über eine Mithaftung scheiterten.

Bombardier weist die Klage als "unbegründet" zurück

Nun soll die Klage neue Bewegung bringen. Es wäre nicht die erste Auseinandersetzung zwischen Auftraggeber und Hersteller, die vor Gericht landet. Vor drei Wochen war bekannt geworden, dass die Bahn mit zwei weiteren Klagen bei Bombardier einen Schadenersatz von 160 Millionen Euro durchsetzen möchte, wegen Mängeln bei 200 Regionalzügen mit Neigetechnik. Bombardier ist neben Siemens der wichtigste Zuglieferant für die Bahn: Fahrzeuge des kanadischen Konzerns, der in Deutschland 9000 Mitarbeiter beschäftigt, werden hierzulande vor allem im Nah- und Regionalverkehr eingesetzt.

Allerdings weist Bombardier die neue Klage der Bahn mit Empörung zurück. Die Vorwürfe seien "unbegründet und rufschädigend", sagte ein Firmensprecher am Sonntag. Dahinter steht womöglich die Vermutung, dass die Bahn bei den Berliner Problemen nur schwer einen Vorsatz wird nachweisen können.

Zumal schon damals die Bahn zumindest als mitschuldig an der Misere galt: Bevor an den Radscheiben von S-Bahn-Zügen Risse festgestellt wurden, hatte die Bahn an Werkstätten gespart. Dahinter stand "Projekt X": "Optimierung S-Bahnen". Um konkurrenzfähig zu bleiben, sollten Prozesse bei der S-Bahn optimiert werden, hieß es in internen Unterlagen aus dem Sommer 2005. "Zu den zentralen Maßnahmen gehört die Verlängerung der Wartungsintervalle." Auch dies dürfte bei einer Verhandlung zur Sprache kommen; wenn es denn überhaupt so weit kommt. Hinter den Kulissen deutet sich Gesprächsbereitschaft an - jenseits des Gerichtssaals.