Energiekonzern Wie RWE ums Überleben kämpft

Der Mast einer Hochspannungsleitung vor dem RWE Braunkohlekraftwerk Niederaußem.

(Foto: dpa)
  • Die Gewinne des Energiekonzerns RWE sind eingebrochen, deswegen will der Konzern sich radikal umbauen.
  • RWE-Chef Peter Terium will die Zahl der Teilgesellschaften und den Bürokratieaufwand reduzieren.
  • Der Aufsichtsrat berät an diesem Montag auf einer Sondersitzung über das Umbauprogramm.
Von Markus Balser, Berlin/Essen

Wie man das Beste aus Umbrüchen macht? In Kerpen-Manheim gehen sie ihre eigenen Wege. Viele Manheimer mussten ihr Dorf zuletzt verlassen, weil der RWE-Braunkohle-Tagebau Hambach näherkommt. In spätestens sieben Jahren werden riesige Bagger ihre Häuser bei Köln verschlucken - vorausgesetzt, die Kohle wird dann wirklich noch gebraucht. Trotzdem stehen viele Häuser schon jetzt leer, denn die ersten Bewohner wurden bereits in den Ersatzort Manheim-Neu umgesiedelt. Nun sind erst einmal 70 Flüchtlinge in das halb verlassene Dorf eingezogen. Den "Ort auf der Reise" nennen die Manheimer ihre Heimat und ahnen, dass er viel gemein hat mit dem Konzern, den sie hier fürchten: Noch nicht weg und noch nicht angekommen.

Am Essener Opernplatz, in der gläsernen Zentrale von RWE, weiß Vorstandschef Peter Terium, welchen Aufbruch er noch vor sich hat. Deutschlands einst mächtige Energieriesen taumeln in diesen Monaten durch die Energiewende. Schon seit dem beschleunigten Atomausstieg kämpfen die Versorger wie Eon, Vattenfall und EnBW gegen den Bedeutungsverlust. Bei keinem aber ist die Lage so ernst, wie bei dem 1898 gegründeten Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerk. "Die wirtschaftliche Situation in der konventionellen Stromerzeugung ist dramatisch", räumt Terium ein.

Verschluckt vom Tagebau

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Noch vor gerade einmal fünf Jahren galt RWE als Musterbeispiel für den deutschen Weg, Strom in Geld zu verwandeln - vor allem dank der Gewinne aus der Braunkohle und den Atomkraftwerken. Jahrzehnte folgte das Energiegeschäft simplen Gesetzen: Große Kraftwerke warfen große Gewinne ab. Konkurrenz mussten die Versorger nicht fürchten, Kontakt zu den Kunden gab es meist nur beim Zählerablesen. Wenn sich die Rahmenbedingungen zu verschlechtern drohten, genügte eine Protestnote ans Kanzleramt.

Doch seit der Katastrophe im Atomkraftwerk von Fukushima bauen die Konzerne im Monatstakt ab. Der Börsenkurs von RWE brach um 60 Prozent ein, der Gewinn hat sich halbiert. Das Unternehmen muss neben dem Atomausstieg auf mittlere Sicht nun auch noch den Abschied aus der klimaschädlichen Braunkohle organisieren. Und die gigantischen Tagebaue sorgen immerhin noch für knapp 40 Prozent des RWE-Stroms.

Aufsichtsrat soll über Umbaupläne entscheiden

Die alte Welt der Energiekonzerne stirbt derzeit so schnell, wie die neue entsteht. Denn immer mehr Bürger wenden sich in diesen Tagen von den Energieversorgern ab und erzeugen ihren Strom selbst. Mehr als 1,5 Millionen Photovoltaikanlagen haben die Deutschen inzwischen auf ihre Dächer geschraubt. Mit Folgen: Die Anlagen haben im vergangenen Monat erstmals so viel Strom erzeugt wie hiesige Atomkraftwerke. Die zwei Energiequellen erreichten im sonnenreichen Juli jeweils eine Produktionsmenge von 5,18 Terawattstunden. Das geht aus neuen Daten des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme hervor.

Auf den rasanten Wandel im Energiesystem will nach dem Energiekonzern Eon nun auch RWE mit einem radikalen Umbau reagieren. Eon hatte schon vor einigen Monaten angekündigt, sich künftig ganz auf Ökostrom, Energienetze und den Vertrieb zu konzentrieren. Die konventionelle Erzeugung bei den Düsseldorfern wird in die neue Firma Uniper abgetrennt.

19,46 Milliarden Euro hat der zweitgrößte deutsche Energiekonzern RWE in den vergangenen viereinhalb Jahren an Börsenwert verloren. Im Januar 2011, kurz vor der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima, lag der Kurs der RWE-Aktien noch bei mehr als 55 Euro. Am Freitag notierte er bei knappen 19 Euro. Der starke Kursverlust macht deutlich, dass auch die Anleger an der Zukunft des Energieversorgers zweifeln. Zu wenig hatten die Konzerne in den vergangenen Jahren in neue Geschäftsfelder investiert, zu sehr auf ihr altes Geschäftsmodell gebaut. Nach Eon plant nun auch RWE einen radikalen Umbau.

An diesem Montag will Terium dem 20-köpfigen Aufsichtsrat seinen Plan präsentieren. Insidern zufolge will er das komplexe Gebilde aus mehr als 100 eigenständigen Gesellschaften vereinfachen. Dutzende Töchter werden dem internen Projekt "Parent" zufolge zusammengelegt, darunter auch die einflussreichen Sparten Generation und Power. Bislang existieren die 100 Teilgesellschaften und Gremien nebeneinander, oft mit Führungsstäben, eigenen Vorständen und allein zehn Aufsichtsräten in Deutschland. Alle tagen, beschließen, protokollieren - ein gewaltiger Bürokratieaufwand für ein Not leidendes Unternehmen.

Der Konzern schrumpft, der Vorstand wächst

Seit Monaten bereitet Terium die weitreichenden Einschnitte vor. In sogenannten Domino-Sessions, kreativen Runden mehrerer Mitarbeiter, ließ der Niederländer über Hierarchien hinweg besprechen, wie sich das Unternehmen in den nächsten Jahren verändern muss. Terium will mehr Tempo. Aber auch mehr Macht. Die Zentrale soll an Einfluss gewinnen und Bereiche wie Vertrieb und Netze künftig direkt führen. RWE, so Teriums Marschroute, soll schneller auf Veränderungen der Branche reagieren können, vor allem bei den erneuerbaren Energien.

Weniger Vorstände bedeutet das allerdings offenbar nicht. Während der Konzern schrumpft, könnte die Führungsetage wachsen. Der bislang vierköpfige Vorstand solle erweitert, die neuen Posten aber erst später vergeben werden, heißt es. "Das wäre eine Revolution für RWE - und die ist lange überfällig", sagen kritische Beobachter wie Marc Tüngler von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Der Konzern wollte sich am Freitag nicht zu den Plänen äußern.

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Die Einschnitte werden hart - Proteste stehen an

Doch kann es gelingen im Rekordtempo das Geschäftsmodell eines Traditionskonzerns auszutauschen? Mit den Essenern ringt schließlich ein Konzern ums Überleben, der die deutsche Industriegeschichte lange so geprägt hat wie Daimler oder Volkswagen. In guten Zeiten waren bei RWE mehr als 150 000 Menschen beschäftigt - heute sind es gerade noch 60 000. Insidern schwant: Einfach werden die Einschnitte nicht, mit Protest ist zu rechnen in einem Konzern, der ein Stück Ruhrgebiet ist. Städte wie Oberhausen, Bochum, Bottrop, Essen, Dortmund, Duisburg und Gelsenkirchen sind direkt an RWE beteiligt. Sie erhalten Jahr für Jahr mehrere Hundert Millionen Euro Dividende und bestehen auf Einfluss durch jene Gesellschaften, die RWE auflösen will.

Terium will hart bleiben. Entstehen soll ein Konzern, der sein Geld künftig zum immer größeren Teil mit Energie-Dienstleistungen, grünem Strom und dem vernetzten Zuhause verdient. Das Projekt hat bereits begonnen. "Strom selbst erzeugen und speichern", wirbt der Konzern gerade für eine 5000 Euro teure Dach-Solaranlage - geliefert wird natürlich frei Haus und mit Montage. Dass man damit das eigene Geschäft noch stärker unter Druck setzt, scheint den Konzernstrategen klar zu sein. Die Werbung beginnt jedenfalls mit einer verräterischen Frage: "Verrückt?"

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