Russlands Gaslieferungen an Europa Rohr zum Westen

Mächtig dick und Tausende Kilometer lang: Pipelines von Gazprom verbinden Ost und West. Zwei Mal schon stoppte die Firma Lieferungen in die Ukraine.

(Foto: dpa)

In der Ukraine-Krise droht und beschwichtigt Gazprom zugleich. Doch wer am Ende das Sagen hat, ist klar. Das weltweit größte Rohstoffunternehmen ist ein Machtinstrument des Kreml.

Von Markus Balser, Berlin

Bloß nicht mit dem Feuer spielen - schon gar nicht, wenn es ums Gas geht: Es sollte geheim bleiben, dass Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) in Berlin am vergangenen Donnerstag jenen Mann zum Krisengipfel bat, dessen Konzern Europa mit Energie beliefert. Von Gazprom-Chef Alexej Miller ließ sich Gabriel im Reichstag versichern, dass das Gas des kremlnahen Milliardenkonzerns in den nächsten Wochen weiterfließen wird. Für Berlin scheint das angesichts des heftigen Streits mit Moskau um die Krim offenbar keine Selbstverständlichkeit mehr zu sein.

Miller war für Feierliches nach Berlin gekommen: 40 Jahre Gaslieferungen gen Westen sollten gewürdigt werden. Zusammen mit Eon-Chef Johannes Teyssen wollte er die "Partnerschaft mit Deutschland" zelebrieren. Schließlich läuft ohne seine blaue Flamme wenig in Europa. Etwa 30 Prozent des Gases in der EU stammen aus Russland, in Deutschland sind es sogar 40 Prozent. Doch nach freundlichen Worten war kaum jemandem bei Millers Besuch zumute.

Gazprom und die Konzernherren werden dem Westen zunehmend unheimlich, seit Miller drohte, den Gashahn in der Krise notfalls zuzudrehen. Inzwischen herrscht offener Streit zwischen Europa und dem mächtigen Energiekonzern. Wegen des russischen Vorgehens auf der Krim drohten Miller und anderen Chefs russischer Energieunternehmen sogar Einreiseverbote und Kontensperrungen. Die Europäische Union hatte vor einigen Tagen eine schwarze Liste mit 120 Russen zusammengestellt, die für Sanktionen infrage kämen. Auf der habe zunächst auch Miller gestanden, verlautet aus Konzernkreisen. Sein Name sei jedoch wieder von der Liste verschwunden, um zu deeskalieren.

Die Machtdemonstrationen auf beiden Seiten wecken düstere Erinnerungen. Gazprom hatte der Ukraine schon 2006 und 2009 den Gashahn zugedreht. Vor fünf Jahren waren deshalb in Südosteuropa mitten im Winter Hunderttausende Haushalte von der Stromversorgung abgeschnitten. "Wenn der Kreml uns sagt, wir sollen es anhalten, dann halten wir das Gas an", sagt ein Gazprom-Insider auch heute. Dagegen erklärt ein Gazprom-Sprecher: "Wir können es uns nicht leisten, unsere vertraglich garantierten Leistungen nicht zu liefern."

Wie stark Russlands Präsident Wladimir Putin seine Politik auf den Rohstoffreichtum aufbaut, ist im Süden Moskaus zu besichtigen. Dort ragt die neue Gazprom-Zentrale wie eine Rakete in den Himmel. Die architektonische Botschaft des Energiekonzerns: Das Unternehmen überragt alles. Rohstoffe gelten als die wichtigste Währung des Kreml. Russland, der größte Rohstoffexporteur der Welt, verfügte darüber im Überfluss. "Unser Ziel ist es, Gazprom zur Nummer eins im globalen Energiemarkt zu machen", kündigte Konzernchef Miller noch vor einem Jahr in Moskau an.

Putins stärkste Waffe beschert ihm gleichzeitig sein größtes Dilemma

Doch die Pläne des Konzerns stoßen in Europa auf wachsende Skepsis. Gazprom gilt in der Krim-Krise als das wichtigste Machtinstrument des Kreml: An der Unternehmensspitze sitzen drei Topmanager, die Putin beim Konzernumbau 2001 dort platzierte: sein alter Gefolgsmann Miller als Firmenchef, Finanzvorstand Andrej Kruglow und Exportchef Alexander Medwedew. Der Staat hält gut 50 Prozent der Anteile. Kein anderer Konzern hat eine vergleichbare geostrategische Bedeutung für Putin. Doch die stärkste Waffe des Präsidenten beschert ihm gleichzeitig sein großes Dilemma. Ein neuer Gasstreit würde vor allem Moskau selbst treffen. Russlands Wirtschaft ist abhängig von der Rohstoffindustrie. Fast 70 Prozent der Exporterlöse stammen aus Öl- und Gasverkäufen, über die Hälfte der Staatseinnahmen kommen von den Verkäufen der Rohstoffe. Gazprom ist der wichtigste Devisenbringer, Europa dessen wichtigster Markt.

Daher fürchten gerade die Gazprom-Manager selbst eine Eskalation. Fast unbemerkt steht der Konzern in diesen Tagen vor der weiteren Expansion in Europa. Er will große Teile der deutschen Erdgas-Infrastruktur übernehmen. In einem bereits im vergangenen Jahr besiegelten milliardenschweren Tauschgeschäft übernimmt Gazprom bis Mitte 2014 Handelsgeschäft und Erdgasspeicher der deutschen BASF-Tochter Wintershall, darunter den größten westeuropäischen in Niedersachsen. Also jene Notreservoirs, die Deutschland vor Engpässen im Streit mit Russland schützen sollen.

Die Krim-Krise macht Europas Politikern schlagartig klar, dass die Macht von Gazprom inzwischen bedrohlich gewachsen ist. "Europa hat es verpasst, die Abhängigkeit von Russland abzubauen", mahnt etwa Claudia Kemfert, Energieexpertin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Die EU will nun offenbar entschlossener als bisher gegensteuern. EU-Energiekommissar Günther Oettinger kündigte jüngst an, Russland beim Neubau der Pipeline South Stream zu bremsen, mit dem Gazprom nun auch den Süden Europas mit Gas beliefern will. Brüssel verschob zudem kurzerhand die Entscheidung, ob Gazprom seine deutsche Pipeline Opal zu 100 Prozent nutzen darf. Sie ist das Verbindungsstück zwischen Ostseepipeline und dem Gastransportnetz der EU. Die Folge ist: Russland muss weiter einen Großteil seiner Exporte durch die Ukraine liefern.

An eine unbeschwerte Partnerschaft mit Berlin mag man offenbar auch bei Gazprom nicht mehr glauben. Dass der Konzern seine Europa-Zentrale aus Berlin abzieht, konnten vor einigen Monaten politische Interventionen noch verhindern. Doch der Konzern arbeitet weiter an Plänen, seine westeuropäische Tochter Gazprom-Germania in Berlin zu entmachten und Befugnisse in die Zentrale nach Moskau zu verlagern. Ob auch Arbeitsplätze abwandern, scheint noch offen zu sein.

Wird der Streit um die Krim eskalieren, wurde Miller bei seinem Berlin-Besuch gefragt. "Eine Gaskrise sollte vermieden werden", sagte er. Er sagte es aber ganz so, als hätte er das längst nicht mehr in der Hand.