Russischer Energielieferant Gazprom bläst den Angriff auf Europa ab

Hochhaus der Macht: die Gazprom-Zentrale in Moskau.

(Foto: Alexander Zemlianichenko/AP)
  • Noch vor Kurzem waren die Pläne von Gazprom für den deutschen Strommarkt ambitioniert: Der Konzern wollte nicht nur mit eigenen Kraftwerken einsteigen, die Russen planten auch die Übernahme großer Teile der deutschen Erdgas-Infrastruktur.
  • Das Ziel: Fuß zu fassen in Europas Energiegeschäft.
  • Doch jetzt scheint der Konzern seinen groß angelegten Angriff abzublasen. Offenbar aufgrund einer Mischung aus Ärger über die Sanktionen gegen Russland in der Ukraine-Krise und der Angst vor Beschlagnahmungen.
Von Markus Balser

Die Macht von Gazprom wird an keinem anderen Ort so deutlich wie in der Kontrollwarte nur ein paar Autominuten vom Kreml entfernt. So groß wie ein Kino ist der Raum in der 35-stöckigen Moskauer Gazprom-Zentrale, in dem alles zusammenfließt: Das Netz der Pipelines, das Europa und Russland durchzieht, ist so groß, dass man auf Abstand gehen muss, um es zu verstehen. Auf meterlangen Monitoren sind die Adern zu sehen, die den lebenswichtigen Stoff unablässig nach Westeuropa pumpen. Das Ziel vieler Gastrassen: Westeuropa, der für Gazprom wichtigste Exportmarkt.

Noch vor Kurzem waren die Pläne von Gazprom hier gewaltig. Der Konzern wollte nicht nur mit eigenen Kraftwerken auf den deutschen Strommarkt einsteigen. Die Russen planten auch ein milliardenschweres Tauschgeschäft mit BASF zur Übernahme erheblicher Teile der deutschen Erdgas-Infrastruktur - darunter Europas größtem Erdgasspeicher. Aufwändig flankierte der Konzern seine Expansion mit millionenschwerer Imagepflege, dazu zählten das kostspielige Fußball-Sponsoring von Schalke 04 und Kulturevents. Das Ziel: Endlich eine Marke werden, um die eigenen Rohstoffe nicht mehr nur an der Grenze abzuliefern, sondern Fuß zu fassen in Europas Energiegeschäft. Es war einmal.

"Wir erleben einen radikalen Bruch in den Beziehungen"

Denn in diesen Tagen endet ein ehrgeiziger Plan. Der Konzern scheint seinen groß angelegten Angriff abzublasen. Gazprom zieht sich derzeit in einem Tempo aus europäischen Geschäften zurück, das Konkurrenten wie Politiker in ganz Europa verstört. "Wir erleben einen radikalen Bruch in den Beziehungen", sagt ein Insider des russischen Unternehmens.

Zuerst blies der Konzern Anfang Dezember völlig überraschend die Milliarden-Investition Pipeline South-Stream mit BASF ab, um das eigene Gas künftig in die Türkei zu lenken. Wenig später fiel auch der Tausch von Beteiligungen in Milliardenhöhe aus, der dem deutschen Chemiekonzern BASF direkten Zugriff auf russische Gasquellen sichern sollte. Am Dienstag bestätigte der Konzern nun auch noch den Rückzug aus dem Versorger VNG. Gazprom wolle seinen Zehn-Prozent-Anteil verkaufen, teilte der Konzern mit. Ostdeutschlands größtes Unternehmen galt eigentlich als Sprungbrett für Gazprom auf den deutschen Markt.

Doch selbst diese Rochaden könnten nur der Anfang sein: Denn Gazprom schmiedet im Hintergrund noch weiter reichende Rückzugspläne. Der Konzern arbeitet daran, große Teile seines quer durch Europa verstreuten und weit verzweigten Milliardengeschäfts zurück nach Russland zu verlagern - offenbar aufgrund einer Mischung aus Ärger über die Sanktionen gegen Russland in der Ukraine-Krise und der Angst vor Beschlagnahmungen, wie es in Kreisen des Unternehmens heißt.

Der Konzern schlägt nun einen nationalen Kurs ein

So will der Konzern große Teile seiner Energie-Handelstochter GMT in London mit rund 1000 Beschäftigten nach St. Petersburg verlagern, in die Heimatstadt von Russlands Präsident Wladimir Putin. Dabei sollte die britische Gazprom-Tochter zur großen Nummer im globalen Rohstoffhandel werden. Auch in Wien, wo die Ölfirma Gazprom-Neft Rohstoffe für mehr als zehn Milliarden Euro jährlich handelt, stehen die Zeichen auf Abschied. Weite Teile sollten ebenfalls nach St. Petersburg umsiedeln, heißt es. Selbst in Berlin, wo die deutsche Tochterfirma Gazprom Germania mit einigen Hundert Beschäftigten Öl- und Gastgeschäfte in Milliardenhöhe lenkt, wächst die Angst vor einer Rückverlagerung von Geschäften und Entscheidungen nach Russland - auch wenn eine Sprecherin sagt, es seien keine Entscheidungen gefallen und "ein kompletter Rückzug aus Westeuropa nicht geplant."

Doch die Entfremdung zwischen Gazprom und seinen Kunden ist unübersehbar. Nach einer Dekade der Annäherung und Expansion im Westen mit milliardenschweren Zukäufen und dem Aufbau von Handelsplätzen, wie sie auch die globalen Konkurrenten BP oder Shell betreiben, schlägt Gazprom einen neuen, nationalen Kurs ein.

Das Klima verschlechtert haben nicht nur die Sanktionen Europas in der Ukraine-Krise, sondern auch Gerichtsurteile wie das im Fall Yukos. Nach der Zerschlagung des Unternehmens von Kreml-Gegner Michail Chodorkowskij vor fast zehn Jahren hatte ein Schiedsgericht in Den Haag den Yukos-Aktionären den Rekord-Schadenersatz von 50 Milliarden Dollar zugesprochen. Die Anwälte der Yukos-Aktionäre prüfen seitdem, wo in Europa sich russisches Vermögen beschlagnahmen lassen könnte, unter anderem in Deutschland.

Auch Staatskonzerne wie Gazprom könnten von Beschlagnahmungen betroffen sein. Gazprom fühlte sich in den vergangenen Jahren zudem von westeuropäischen Behörden und der Politik zusehends benachteiligt und aus dem Markt gedrängt.

"Die Energie-Partnerschaft mit Russland wird komplizierter", warnt ein Experte

Experten sehen im schleichenden Rückzug des Konzerns mit 400 000 Beschäftigten weit mehr als eine Abkühlung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen Europa und Russland. Sie fürchten eine Eiszeit. "Große Energieprojekte zwischen Russland und Europa wird es in den nächsten Jahren nicht geben", sagt der Wiener Energiesicherheitsberater Stefan Bößner. "Die Energie-Partnerschaft mit Russland wird komplizierter", glaubt auch Kirsten Westphal von der Stiftung Wissenschaft und Politik.

Dabei geht ohne die blaue Flamme von Gazprom noch immer wenig in Europa. Etwa 30 Prozent des Gases in der EU stammen aus Russland, in Deutschland sind es sogar 40 Prozent. Aber auch Moskau hängt am Tropf der Pipeline-Deals mit dem Westen. Fast 70 Prozent der Exporterlöse stammen aus Öl- und Gasverkäufen, über die Hälfte der Staatseinnahmen kommt von den Rohstoffen. Gazprom ist der wichtigste Devisenbringer des Landes und Europa der wichtigste Markt des Konzerns.

Dass es einiges zu besprechen gibt, spürt man auch in der Gazprom-Zentrale. Für kommende Woche hat Gazprom-Chef Alexej Miller seinen Besuch in Berlin angekündigt - zusammen mit Russlands Energieminister Alexander Nowak. Ein Signal der Beständigkeit wollte der Konzern offenbar schon mal senden. Der Konzern verlängerte Ende März sein Sponsoring eines deutschen Vergnügungslandes bis 2020. Motto der Gazprom-Erlebniswelt im Freizeitpark Rust: "Abenteuer Energie".