Bahnchef Hartmut Mehdorn hat es nie gescheut, sich Feinde zu machen. Und am Ende steht er mit all seiner Kraft allein da. Doch selbst bei seinem Abgang bleibt er sich treu.
Wenn es einen Raum gibt außerhalb des Bahntowers, der etwas erzählen kann über Hartmut Mehdorn, über sein Wirken und sein Scheitern, dann ist es dieser: Raum Berlin, im ersten Stock des Berliner Marriott-Hotels. Wie spitze Pflöcke ragen Kristalllüster aus der Decke, der Teppich schluckt jedes Geräusch. Oft in den vergangenen Jahren hat Mehdorn hier seine Zahlen und Bilanzen präsentiert, immer verkaufte er sie als großen Erfolg, oft sogar zu Recht.
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"Eine tolle Zeit, manchmal ein bisschen irre, immer aufregend": Nach fast zehn Jahren als Bahn-Chef räumt Hartmut Mehdorn seinen Stuhl. (© Foto: Reuters)
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Der einstige Lokführer und Gewerkschaftsboss Manfred Schell hat Mehdorn von hier aus zur Weißglut getrieben, indem er Tarifangebote der Bahn als lächerlich zurückwies. Die Chefs der beiden anderen Bahngewerkschaften, Alexander Kirchner und Klaus-Dieter Hommel, haben hier vorigen Freitag kühl den Rücktritt Mehdorns gefordert. Und keine drei Tage später sitzt er selber da. Gerüchte kursieren, Mehdorn wolle gleich selbst den Schlussstrich ziehen. Und was macht er? Er geht seinen Pflichten nach. Keiner soll später sagen, er habe sich aus der Verantwortung gestohlen. Das ist Hartmut Mehdorn.
Auf der Leinwand hinter ihm erscheint das Dia "Gegensteuern in der Krise", und Mehdorn, die Lesebrille auf der Nase, referiert über eine Zukunft, mit der er nichts mehr zu tun haben wird. "Wir dürfen unsere Tugenden nicht vergessen", sagt er. "Wir müssen nahtlos an den Erfolg der Vergangenheit anschließen."
Standardrhetorik des Schönredens
Es ist die Standardrhetorik aus dem Wörterbuch des Schönredens, es sind Worte wie aus einem anderen Unternehmen. Eines, das nicht in den Strudel einer Datenaffäre geraten ist. Bei dem nicht massenhaft E-Mails von Mitarbeitern kontrolliert wurden. Dessen Chef nicht den letzten Rückhalt seiner Eigentümer verloren hat. Mehdorn muss die Show jetzt abziehen. Er ist es sich schuldig.
Die letzte Gelegenheit, halbwegs gesichtswahrend den Rückzug anzutreten, hatte er am Freitagnachmittag verpasst. Nach der Aufsichtsratssitzung in der Berliner Bahnzentrale hatte das Gewerkschaftsduo Kirchner und Hommel ihn abgepasst. Zu dritt verschwanden sie in einem Nebenraum. Sie wollten Mehdorn vorbereiten auf eine Zukunft ohne Rückhalt. Mehdorns Stärke beruhte immer auch auf einem stillschweigenden Bündnis mit den Eisenbahnern.
Kirchner und Hommel waren außer sich über die Ausspähung von E-Mails, hatten aber stillgehalten. Im Aufsichtsrat, in der großen Runde, in der Politiker und Spitzenmanager der deutschen Wirtschaft mit am Tisch sitzen, wollten sie Mehdorn nicht in die Enge treiben. Doch dann, unter sechs Augen, redeten die beiden Gewerkschaftschefs Tacheles. Das Vertrauen sei weg, eröffneten sie Mehdorn. Sollte er nicht von selbst zurücktreten, würden sie dafür sorgen, dass er das müsse.
Doch Mehdorn dachte gar nicht daran. In seiner Welt lässt sich ein Bahn-Chef doch nicht von Gewerkschaftern abservieren, schon gar nicht wegen der Nichtigkeit eines "sogenannten Datenskandals", wie Mehdorn das nennt. So nahm das Drama seinen Lauf. Noch in den Abendstunden stellte sich Mehdorn vor die Kameras. "Jetzt wird mein Rücktritt gefordert, ohne dass die Untersuchung abgeschlossen ist", sagte er. "Dafür stehe ich nicht zur Verfügung." Er brauchte noch Zeit.
Die Bilanz der Bahn ist ein längliches, ein kompliziertes Zahlenwerk. Im Saal Berlin forstet Mehdorns Finanzchef Diethelm Sack es Stück für Stück durch. Durch den Saal schweben Begriffe wie "Wertmanagementkennziffern", "Tilgungsdeckung", "Ertragsteuern", aber kaum einer will das jetzt wirklich wissen.
Neben Sack sitzt Mehdorn, er müht sich um einen souveränen, freundlichen Gesichtsausdruck. Manchmal lächelt er, einmal hebt er sogar den Daumen. Aber wer genau hinschaut, sieht ihn wippen, ganz leicht nur. Mehdorn ist gespannt wie eine Katze vor dem Sprung, seine Beine sind unter dem Tisch in Unruhe. Er ist nervös wie so oft, wenn er sich nicht bewegen kann.
Wer das Erfolgsgeheimnis von Hartmut Mehdorn wissen will, wer wissen will, warum er sich selbst immer wieder der größte Feind war, der kann es hier ahnen. Es ist diese Spannkraft, die den Mann antreibt - und die ihn immer wieder explodieren lässt. Widerstände sind für Mehdorn stets unvorhergesehene Ereignisse, die es auszuräumen gilt, mit welchen Mitteln auch immer.
"Sogenannte Verkehrspolitiker"
Renitente Verkehrspolitiker kanzelte er als "sogenannte Verkehrspolitiker" ab, für Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee, formal der erste Ansprechpartner des Bahn-Chefs, verlor er zuletzt nicht einmal ein mitleidiges Lächeln. Als er zusammen mit Tiefensee und Gewerkschafter Schell einmal nach einer Lösung für den Tarifkonflikt der Lokführer suchen sollte, sprang Mehdorn mitten im Gespräch auf. Griff sich an die Nase, umrundete einmal den Sessel. "Ich lass' mich doch nicht am Nasenring durch die Arena führen", rief er. Der Mann war nicht nur der Bahn-Chef. Er war der Regisseur der Aufführung Bahn. Die anderen hatten darin ihre Rolle zu spielen.
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Machtkampf in der Linken
Mag sein, dass Mehdorn die Bahn aus einem Tal herausgeführt hat - zu Beginn seiner Jahre bei der Bahn. Er hatte die Bahn just zur WM 2006 in einem Zustand, dass sie tatsächlich mit zu einem positiven Eindruck des Landes bei den Gastfans sorgte.
Aber genau damals war auch ein Wendepunkt erreicht. Mehdorn hat sich - vermutlich noch einige Zeit früher - dafür entschieden einen möglichst positiven Börsengang mit einer zeitlich - wie er meinte - geschickt plazierten Abwrackprämie zu erreichen. Es war der Einstieg ins Wiedervergammelnlassen der Infrastruktur. Für den Börsenerfolg hat er aber nicht nur materielle Werte abgewrackt, sondern auch das "Betriebsklima" und jegliche unternehmerische Kultur, wie sich in den letzten Wochen gezeigt hat.
Er war der Meinung, dass wer gute Zahlen produziert alles darf und dass ihm deswegen kleiner was kann. Mächtiger als die komplette Regierung, gegen Gewerk- und Belegschaft und sogar gegen Teile des Aufsichtsrats.
Selbst wenn eine solche - kann man sie "machiavellistische" nennen? - Grundhaltung aus Erfahrungen in seiner Karriere stammen sollte, dass man niemandem wirklich vertrauen kann, dass Fairness und Kompromissbereitschaft nur aufhalten, müsste eigentlich der kühle und klare Verstand jedem Menschen sagen, dass man es auch nicht übertreiben darf. Und zwar nicht nur der gesunde Menschenverstand, sondern inzwischen ist das auch wissenschaftlich wieder und wieder belegt worden. Das steht nicht nur in Wohlfühlratgeberliteratur. Wieder und wieder hatte man aber den Eindruck, dass Mehdorn sich dazu hinreßen lässt vom Testosteron und nicht vom Verstand leiten zu lassen. Und das geht - bei allem Talent - nicht. So jemanden kann man nicht an der Spitze eines Unternehmens brauchen - eigentlich auch nicht weiter unten.