Rücktritt der SAP-Personalchefin Zu viel Power von der Frau

Angelika Damman ist nicht wegen einer kleinen Flugaffäre als Personalchefin bei SAP zurückgetreten. Sie eckte oft mit ihrem harschen Ton bei den Softwareentwicklern an.

Von Dagmar Deckstein

In einer der Kaffee-Ecken ist immer noch die spontane Reaktion von Mitarbeitern zu besichtigen. Auf einem Plakat prangt das Bild der Vorstandsfrau Angelika Dammann, die weithin sichtbar ihren Firmenausweis am Revers trägt. Das solle jeder Mitarbeiter aus Sicherheitsgründen tun, steht über ihrem Konterfei zu lesen: "Ich trage gerne SAP", lautet die deutsche Schlagzeile, "I am proud to wear SAP" die englische. Das "wear" aber ist überklebt mit einem weißen Zettel, auf dem "fly" steht. Angelika Dammann, die erste Frau im Vorstand des Walldorfer Softwarekonzerns, trägt und fliegt aber seit Freitag nicht mehr SAP, sie hat den Konzern nach nur einem Jahr "aus persönlichen Gründen" verlassen, wie es lapidar hieß.

Ausgerechnet sie, die erste Frau im Vorstand überhaupt, die Hoffnungsträgerin für eine krisengebeutelte und verunsicherte Belegschaft. Aber es wurde im Laufe ihres Vorstandsjahres nicht allzuviel mit der "happy company", die sich Mitgründer und Aufsichtsratschef Hasso Plattner von der Neuen wünschte. Das Plakat in der Kaffee-Ecke der Konzernzentrale steht wie ein Symbol dafür, dass die anspruchsvollen Softwareentwickler der seit jeher selbstbewussten Firma SAP und die Personalchefin nie so recht warm wurden miteinander. Da war die kleine "Flugaffäre", die von einem Betriebsrat und Aufsichtsratsmitglied Mitte vergangener Woche ventiliert wurde, nur noch der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Wegen genehmigter Privatflüge mit dem Firmenjet tritt kein Vorstand zurück.

Der Betriebsrat hatte in einer Mail an zahlreiche Empfänger moniert, dass Dammann in einem der beiden Firmenjets regelmäßig Heimflüge nach Hamburg, dem Wohnort ihrer Familie, unternommen hatte und diese Regelung wohl um weitere zwei Jahre verlängern wolle. Das stelle ihn "vor ein großes Problem, und ich bitte Euch um Hilfe und Rat, wie ich damit umgehen soll", schrieb der Betriebs- und Aufsichtsrat. Er wiederum trat am Freitag wenige Stunden, bevor die Vorstandsfrau ihren Abschied verkündete, von seinen beiden Ämtern zurück: "Ich habe meine Pflichten als Mitglied des Aufsichtsrats und auch meine Vertraulichkeitspflicht nicht eingehalten", ließ er die Belegschaft wissen. Da war das Kind schon in den Brunnen gefallen. Gut möglich, dass ein Mann sich solche Querelen weniger zu Herzen genommen hätte, gut möglich, dass mit dem Einzug von mehr Frauen in die obersten Führungsgremien solche Rücktritte häufiger zu besichtigen sein werden: Frauen hängen nun einmal nicht so unbedingt und intensiv an der Macht wie Männer.

In der Belegschaft rumorte es schon länger. Den ersten Schock hatten die weltweit 54.000 SAP-Mitarbeiter bereits 2008 und 2009 zu bewältigen, als die Finanz- und Wirtschaftskrise auch Walldorf erreicht hatte und herbe Sparmaßnahmen bis hin zur Absage der Weihnachtsfeier auf dem Programm standen. Und, noch schlimmer: Zum ersten Mal in der 1973 beginnenden Firmengeschichte griff das Management um den ohnehin nicht besonders geschickt agierenden Léo Apotheker zum Notnagel Entlassungen. Kein Wunder, dass Anfang 2010 eine der regelmäßigen Mitarbeiterbefragungen Niedrigstwerte auswies: Nur noch jeder zweite Mitarbeiter konzernweit hatte Vertrauen in den Vorstand, in Deutschland sogar nur noch ein Drittel.

Eine derart verunsicherte Belegschaft wieder fröhlich zu stimmen, das sollte die Aufgabe von Angelika Dammann werden. Beim Nahrungsmittel- und Kosmetikkonzern Unilever, von dem sie abgeworben worden war, hieß es damals, das sei "ein großer Fang" für SAP. Die Vorstandsfrau selbst hat sich allerdings eine ganze Reihe von Kritik und Misshelligkeiten eingefangen. Zumal eine Frau, die die eingeschworene Gemeinschaft der SAPler nicht kennt, wohl so manches als Kulturschock erleben musste. Zum Beispiel das Selbstbewusstsein der hochqualifizierten Softwareentwickler, die allein ein Drittel der Mann- und Frauschaft des Softwarekonzerns stellen. Da fühlt sich jeder als Experte und will mitreden, muckt auch schon mal auf, wenn ihm oder ihr etwas nicht passt.

So kam es auch, dass hin und wieder gezielt die Presse vom Unmut der Betroffenen in Kenntnis gesetzt wurde, etwa über ständige Reorganisationen, bei denen viele Betroffene wochenlang nicht wüssten, welche Aufgaben unter welchem Vorgesetzten auf sie warten, wie es hieß. Oder über die von Dammann vorangetriebene neue Mitarbeiterstrategie, in der vor allem Führungskräfte besser Führen lernen sollten, weil nicht nur der Zufriedenheitsindex in den vergangenen Jahren gesunken war, sondern SAP auch im weltweiten Arbeitgeber-Ranking nicht mehr unter den besten 50 anzutreffen war. Aber dass Dammann Tariferhöhungen verzögert und höhere Messlatten bei Boni angelegt habe, so ist zu hören, hätte die Mitarbeiterzufriedenheit nun auch nicht gerade gesteigert.

Nachdem solche Kritik öffentlich geworden war, gab es eine geharnischte Mail von "Angelika" an alle: "Es ist für mich nur schwer nachvollziehbar, dass einer unserer Kollegen von uns jeden Monat sein Gehalt bezieht und dann unser aller Engagement und Vertrauen missbraucht, indem er interne Informationen anbietet, die kommerziellen Interessen dienen." Indiskretionen hätten sofort aufzuhören. Ton einer Powerfrau, die offenbar mit ein bisschen zu viel Power die "unhappy company" aufmischen wollte.