Rückrufe Rückrufe dürfen nicht zu Panik-Aktionen werden

Die Nachricht vom Mars-Rückruf hatte höchste Priorität, sie wurde nach wenigen Minuten im Netz wie wild geklickt.

(Foto: Getty Images)

Mars hat schnell reagiert und wohl alles richtig gemacht. Aber die Reaktion der Menschen hat Züge von Hysterie.

Kommentar von Marc Beise

Ein Plastikdeckel, 15 Zentimeter groß. Beim Austauschen einer Leitung war er unbemerkt in den Produktionsprozess gelangt und dann zerkleinert worden, so nahm eine der größten Rückrufaktionen der Lebensmittelindustrie ihren Anfang. In mehr als 50 Ländern ruft der Süßwarenproduzent Mars Schokoriegel zurück und verspricht großzügigen Ersatz: eine gewaltige Versand- und Vernichtungsaktion. Vergleichbares kommt, wenngleich nicht immer so groß dimensioniert, fast täglich vor, bei Lebensmitteln, Autos, Elektrogeräten, Möbeln, eigentlich überall. Rückrufe sind schwer in Mode.

Das ist zunächst auch nicht zu beklagen. Waren müssen sicher sein, Lebensmittel zumal. Sie dürfen nicht mit Salmonellen belastet, mit Dioxin verseucht oder mit Fremdkörpern verunreinigt sein. Plastik ist auch in kleinen Dosen nicht zum Verzehr geeignet, schon gar nicht mit Ecken und Kanten. Der Mars-Konzern hat schnell reagiert und großflächig zurückgerufen, er war offensichtlich vorbereitet und hat wohl alles richtig gemacht. Dennoch bleibt ein Unbehagen, das mehr über die Welt um Mars herum aussagt als über das Unternehmen selbst.

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Noch gut zu erklären ist der Produktionsprozess an sich. Bei den Autos, immer für einen Rückruf gut, weiß man, dass sie immer komplizierter konstruiert und aus Kostengründen immer schneller gebaut werden, die Erprobung findet sozusagen beim Kunden statt. Dort wie bei den Lebensmitteln fällt ferner der Trend zur Vernetzung ins Gewicht. Ist ein Bauteil im Auto mangelhaft, sind viele Modelle betroffen.

In der Mars-Fabrik im niederländischen Veghel, eine der größten Schokoladefabriken der Welt, werden täglich 27 Millionen Schokostücke für rund 60 Länder produziert, auch halb fertige Produkte, die dann in andere Fabriken gehen. Läuft hier etwas schief, dann geht es für viele schief. Die Vernetzung als Teil der Globalisierung kann man erklären - jenseits dessen wird es aber bald irrational. Das beginnt bei den Juristen, die überall einen Tatbestand und, noch schlimmer, ein Geschäft wittern. Besonders in den USA hat die Unsitte der Schadenersatzprozesse jedes Maß gesprengt. Millionen- oder gar Milliarden-Entschädigungen schrecken, selbst wenn solche Forderungen später deutlich herunterverhandelt werden, die Unternehmen und zwingen sie zu immer verrückteren Vorsichtsmaßnahmen.

Züge von Hysterie hat die Reaktion der Menschen. Die Nachricht vom Mars-Rückruf hatte höchste Priorität, sie wurde nach wenigen Minuten im Netz wie wild geklickt - allgemeine Betroffenheit war Pflicht. Schlimmer sind noch die Verschwörungstheorien: Da muss etwas anderes dahinterstecken, hieß es; und die wildesten Vermutungen wurden geteilt. Das ist keine gute Entwicklung. Zum einen wird die Wirtschaft anfälliger; zu anderen steigt die Verunsicherung der Bürger. Es wäre nicht schlecht, wenn bei aller berechtigten Vorsicht eines bestehen bleiben könnte: ein Grundvertrauen in die Lebensfreundlichkeit der Ökonomie.

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