Roland Berger im Interview "Die Krise ist bis 2010 überstanden"

sueddeutsche.de: In Deutschland wird der Ruf nach dem Staat immer lauter. Die Finanzkrise zeige doch, sagen manche, dass die Marktwirtschaft nicht funktioniere. Weltweit werden Banken verstaatlicht.

Berger: Der Markt funktioniert: Unser gesamter Wohlstand beruht darauf. In einem Teilbereich allerdings, dem Finanzsystem, gibt es derzeit eine Strukturkrise, die gravierende Schäden in der Realwirtschaft nach sich ziehen kann. Hier kann staatliche Intervention helfen, Schlimmeres zu verhindern. Allerdings muss der Staat dann auch konsequent sein und die Banken anteilig oder gar komplett übernehmen. Damit würden die bisherigen Aktionäre ihr Geld und die Manager ihren Job verlieren, was beides in ihrem unternehmerischen Risiko liegt. Ist die Krise vorbei, wird das Unternehmen wieder privatisiert, und der Staat hat als Treuhändler des Steuerzahlers womöglich kein Geld verloren oder jedenfalls weniger als erwartet. Er fungiert in diesem Fall eher als Brückenbauer und verletzt das marktwirtschaftliche Ordnungssystem nicht nachhaltig.

sueddeutsche.de: Wie konnte es zur Finanzkrise kommen?

Berger: Zum einen muss man wohl sagen, dass der frühere Finanz-Guru, Ex-Notenbankchef Alan Greenspan, das Finanzsystem über viele Jahre mit überreichlich Liquidität zu niedrigen Zinsen versorgt hat. So ist ein Überfluss an Gewinnmöglichkeiten entstanden, der Menschen dazu verleitet hat, zu hohe Risiken zu niedrigen Preisen einzugehen. Zum anderen haben laxe Regulierungen ermöglicht, kreative Finanzinnovationen mit hohen Gewinnchancen auf den Markt zu bringen. Das wiederum hat offenbar einen ungesunden Spieltrieb geweckt. Die Krise zeigt zudem einmal mehr, dass die Wirtschaft Zyklen unterliegt. Immer wieder entstehen große Spekulationsblasen, die schließlich platzen: heute in den USA, zuvor in Russland, Asien und Südamerika, heute bei Finanzinvestitionen, gestern bei Immobilien und morgen vielleicht bei Rohstoffen.

sueddeutsche.de: Also sind die zwei Lehren aus der Krise: Wir brauchen weniger Liquidität und mehr Regulierung.

Berger: So einfach ist es nicht. In einer funktionierenden Wirtschaft geschieht Innovation. Das können neue Produkte sein, neue Dienstleistungen, aber eben auch neue Finanzprodukte. Wie reale Produkte auch können sie dem Kunden nützen aber gefährliche Nebenwirkungen haben - wie ein Arzneimittel. Erst erlebt man den Nutzen, dann erfährt man die Nebenwirkungen, was den Staat zur Regulierung veranlasst. Deshalb wird aber niemand Innovationen, die uns nutzen, a priori regulieren oder gar verbieten wollen. Das sieht man etwa bei Private Equity: Meistens steigern die Investoren zunächst Wachstum und Produktivität der Unternehmen. Überschreiten dann aber die Zinsen durch zu hohe Verschuldung der Unternehmen den Margenzuwachs, entsteht wirtschaftlicher Schaden. Der Staat sollte dann in Kenntnis dieser Finanzinnovation regulieren, etwa indem er die Verschuldungshöhen begrenzt und eine Transparenz wie am Kapitalmarkt verordnet.

sueddeutsche.de: Hat die Krise nicht das Vertrauen in das Bankwesen im Allgemeinen zerstört?

Berger: Das würde ich so nicht stehen lassen. Denken Sie an Goldman Sachs in den USA, die von der Krise relativ unberührt geblieben sind. Oder an Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann. Beider Ruf ist heute ja vorbildlich. Die bisher teuerste deutsche Krise sind die der staatlichen IKB und damit verbunden die der staatlichen KfW und Landesbanken. Sogar die private Hypo Real Estate hat sich erst durch die Übernahme der Depfa-Bank an einer ehemals staatlichen Tochter verhoben. In der momentanen Situation gelten in Deutschland die privaten Großbanken neben Sparkassen und Genossenschaftsbanken eher als Garanten für Stabilität.

sueddeutsche.de: Das klingt, als wäre die Krise für Deutschland gar nicht so schlimm.

Berger: Natürlich müssen wir damit rechnen, dass diese Finanzkrise auf die Realwirtschaft durchschlägt - das war ja bei Krisen in Asien, Südamerika oder Russland nicht anders. Und offenbar macht uns die steigende Nachfrage der Schwellenländer nicht so unabhängig vom Rest der Weltwirtschaft, wie ich das schon gehofft hatte. Klar ist jedenfalls, dass wir im kommenden Jahr mit 0,7 Prozent Wachstum deutlich unter der Schwelle liegen werden, an der neue Beschäftigung entsteht. Wir werden also bezahlen müssen. Dennoch denke ich, wir werden die Krise bis 2010 überstanden haben.

sueddeutsche.de: Und dann einfach weitermachen wie bisher?

Berger: Nein, jede Krise bringt ja Chancen mit sich. Wir können jetzt mehr Ordnung ins internationale Finanzsystem bringen. Wenn der Staat durch Rettungsaktionen wirklich Geld verlieren sollte, dann ist das deutlich zu kommunizieren und muss Folgen haben für die Akteure, das heißt private Aktionäre und Manager. In einer Krise werden die Marktteilnehmer wieder an ihre eigentliche Verantwortung erinnert, zusammen für das Gemeinwohl zu sorgen. In Deutschland können wir uns überdies auf unsere Stärken zurückbesinnen. Wir haben ja gerade außerhalb des Finanzsektors eine starke Wirtschaft mit unseren stärksten Unternehmen. Deshalb sind wir immer noch Exportweltmeister.

sueddeutsche.de: Also eine Rückkehr zur Bodenständigkeit?

Berger: Das habe ich damit gemeint. Aber das wird wieder nur zeitweise beruhigen. Das nächste Rauschmittel, das zur Euphorie hinreißt, kommt bestimmt. Unsere freiheitliche Wirtschaftsordnung wird sich immer auf und ab bewegen und Übertreibungen provozieren. Es kommt nur darauf an, aus den Fehlern schnell zu lernen.

sueddeutsche.de: Sind Sie wirklich so optimistisch?

Berger: Was die Selbstregulierungskräfte in einer sozialen Marktwirtschaft mit einer ordnungspolitisch klaren Arbeitsteilung zwischen Privatwirtschaft und Staat angeht, ja. Mehr Sorgen bereiten mir politische Fragen. Angesichts des stärker werdenden Fundamentalismus - auf beiden Seiten - und immer vehementerer nationaler und internationaler Verteilungskämpfe können wir 60 Jahre Frieden in Europa wohl nicht einfach so fortschreiben: Bewährte Mittel gegen den Terrorismus haben wir nicht. Der Westen weiß mit dem erstarkten Russland nicht richtig umzugehen und umgekehrt. Die meisten stark wachsenden Schwellenländer - mit Ausnahme von Indien und Brasilien - werden nicht demokratisch regiert. Was hindert sie daran, irgendwann zu versuchen, ihre Ziele mit Gewalt durchzusetzen? Diese Gefahren rücken näher, und in einer globalisierten Welt werden wir uns in Europa davon nicht dauerhaft abkoppeln können.

Roland Berger, gründete 1967 sein Beratungsunternehmen, das heute unter dem Namen Roland Berger Strategy Consultants firmiert. Im März 2008 gründete er außerdem die Roland Berger Stiftung, die järhlich einen Preis für Menschenwürde vergibt und ein Stipendienprogramm für sozial benachteiligte Jugendliche anbietet.