Rohstoffpreise Auf die Nuss

Haselnüsse sind gesund, schmecken gut - und werden immer teurer.

(Foto: dpa-tmn)

Ein verhageltes Frühjahr reicht aus, um die Süßigkeitenindustrie in eine Haselnuss-Krise zu stürzen. Die schlechte Ernte lässt die Preise stark steigen. Wird Nutella auf dem Frühstücksbrot jetzt zu einem Luxusgut?

Von Stephan Radomsky

Was soll jetzt nur aus Aschenbrödel werden? Weihnachten steht quasi schon wieder vor der Tür und damit auch der Filmklassiker. Die Prinzessin in spe braucht also dringend ihre drei Haselnüsse - die sind in diesem Jahr aber extrem knapp und viel teurer als sonst. Zuletzt kostete eine Tonne der ungeschälten Früchte an der Rohstoffbörse im türkischen Giresun knapp 3900 Euro. Ein Jahr zuvor waren es gerade einmal gut 2200 Euro.

Eine verhagelte Ernte

Schuld ist das miese Wetter im Frühjahr. Nicht hier, sondern an der türkischen Schwarzmeerküste. Von dort stammt der bei Weitem größte Teil der weltweiten Haselnuss-Ernte. Und dort gingen im März, gerade als die Haselsträucher nach einer verfrühten Blüte besonders anfällig waren, Hagelstürme nieder, und es herrschte Frost. Das Ergebnis: Ein großer Teil der erwarteten Ernte war hin. Der Verband der türkischen Landwirtschaftskammern TZOB rechnet für dieses Jahr mit einem Ertrag von etwa 370 000 Tonnen Haselnüssen, das wären etwa 100 000 Tonnen weniger als 2013. Ein Vertreter der Produzenten-Vereinigung Kesap sagte bereits im Mai, dass wohl zwei Drittel der erwarteten Ernte von 100 000 Tonnen in der Region um die Küstenstadt Giresun, dem türkischen Haselnuss-Herzland, zerstört seien.

Solch ein Engpass bedeutet vor allem eines: dass die Preise steigen. Wird jetzt Nutella auf dem Frühstücksbrot zum Luxusgut? Schließlich besteht die Creme zu 13 Prozent aus Haselnüssen, sogar der Kakaoanteil ist geringer. Zumindest hat der Nutella- und Rocher-Hersteller Ferrero schon einmal vorgesorgt: Mitte Juli übernahm der Familienkonzern aus dem italienischen Alba die türkische Oltan Group, um den Nachschub sicherzustellen. Mit einem Jahresumsatz von mehr als 500 Millionen Dollar sei die Firma aus Trabzon das "weltweit führende Unternehmen in den Bereichen Beschaffung, Verarbeitung und Vermarktung von Haselnüssen", hieß es. Der Deal ist für die Italiener sinnvoll - gelten sie doch mit einem kolportierten Verbrauch von etwa einem Viertel der jährlichen Gesamternte selbst als größter Haselnuss-Abnehmer auf dem Weltmarkt.

Wird Nutella zum Luxusgut?

Ob damit aber die Süßigkeiten-Produktion sichergestellt ist oder ob nun Preiserhöhungen drohen, dazu mochte Ferrero zunächst nichts sagen. Allerdings dürften derartige Preissteigerungen bei einem wichtigen Rohstoff durchaus auf die Kalkulation durchschlagen - zumal mit Kakao eine weitere wichtige Zutat verhältnismäßig teuer ist. Außerdem mag Ferrero groß sein, die Italiener sind aber bei Weitem nicht der einzige Haselnuss-Verarbeiter. Der Engpass bei den Früchten aus der Familie der Birkengewächse trifft auch andere Lebensmittelhersteller wie die Cadbury-Mutter Mondelēz, ehemals Kraft Foods, oder Nestlé. Sie alle müssen sich eindecken. Vor dem wichtigen Weihnachtsgeschäft könnte sich der Kampf um die auf dem Markt frei verfügbaren Nüsse also verschärfen. Und das würde die Preise weiter nach oben treiben.

Würde es nicht reichen, die Rezepturen umzustellen? Eher nicht. Erstens hätten Schokocreme, Waffeln oder Gebäck wohl einen ganz anderen Geschmack, wenn sie statt Haselnüssen etwa Mandeln enthielten. Und zweitens sind auch diese derzeit knapper und damit teurer als in den Vorjahren. Die Pflanzen im Hauptanbaugebiet für Mandeln, in Kalifornien, leiden unter der Dürre dort.

Schmeckt nach Kindheit

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Anmerkung der Redaktion: Der letzte Absatz wurde nach dem Erscheinen gekürzt. In einer früheren Version stand hier, dass die Lebensmittelindustrie jetzt aus Kostengründen auf die "Spuren von Haselnüssen" in allen möglichen Produkten verzichten könnte. Das ist natürlich nicht der Fall, die Spuren sind kein bewusster Produktionsschritt. Doch diese Ironie haben nicht alle Leser verstanden.