Revolution der Mobilität Die immer rollt

Die Rolltreppen waren einst die Attraktion der großen Warenhäuser, die damit Schaulustige lockten. Auch heute noch werden sie zur Steuerung des Kaufverhaltens eingesetzt - und für anderes.

Von Benedikt Müller

Die Rolltreppe hat der Menschheit ein ehernes Gesetz beschert: dass man auf diesem Transportmittel rechts stehen und links gehen müsse. Doch so sehr die Verfechter alltäglicher Effizienz dieses Gebot auch durchboxen wollen, hält es einer wissenschaftlichen Prüfung nicht stand. Falls sich beispielsweise an einem gut gefüllten Bahnsteig alle Menschen nur rechts auf die Rolltreppe stellen, so zeigen es Studien, dauert es für alle länger, den Anfang der Rolltreppe zu erreichen. Selbst wenn Hektiker nun links gehen, um alle rechts Stehenden zu überholen, gewinnen sie im Schnitt weniger Zeit, als sie zuvor im Stau verloren haben. Besser wäre es also, wenn alle Fahrgäste nebeneinander auf der Rolltreppe ständen.

Seit genau 125 Jahren können Städter nun über solche Fragen sinnieren, während die Rolltreppen ihnen das Treppensteigen abnehmen. Am 16. Januar 1893 hat der US-amerikanische Ingenieur Jesse Wilford Reno die erste Rolltreppe der Welt in Betrieb genommen. Sie brachte die Fahrgäste am New Yorker Bahnhof Cortlandt Street von der einen zur anderen Bahnsteigsebene. Heute gibt es alleine in Deutschland gut 35 000 Rolltreppen: neben Bahnhöfen vor allem in Flughäfen oder Einkaufszentren.

Anders als der noch ältere Aufzug, der nur wenige Menschen gleichzeitig befördern kann und immer wieder anhalten muss, ist die Rolltreppe ein "Stetig-Förderer". Der Bau und die Wartung von Rolltreppen sind ein Milliardengeschäft, auch für die Industrie in Deutschland.

Die erste Rolltreppe hierzulande lässt das Confectionsgeschäft Polich im Jahr 1899 in Leipzig einbauen. Es folgen weitere Warenhäuser in Berlin und Köln, die mit ihren Rolltreppen Schaulustige anlocken. Im Jahr 1929 verbindet ein gewisser Rudolf Karstadt in Berlin-Neukölln erstmals den Bahnsteig der U-Bahn per Rolltreppe mit seinem Kaufhaus am Hermannplatz.

Manche Händler schicken ihre Kunden auf einen Rundgang durch die Etagen

"Die Erfindung der Rolltreppe und die Entstehung großer Warenhäuser bedingen sich gegenseitig", sagt Lutz Schilbach. Der Architekt leitet die Technik-Abteilung für Handelsimmobilien beim Dienstleister Jones Lang Lasalle (JLL) Deutschland. "Die ersten Rolltreppen in den Kaufhäusern waren eine Attraktion an sich." Und viele Kunden waren erst dank der Rolltreppe bereit, auch die oberen Stockwerke der Warenhäuser zu erklimmen.

Kunstwerke: Die Metro von Stockholm wird auch als „längste Galerie der Welt“ bezeichnet.

(Foto: Alamy/mauritius images)

Bis heute platzieren Händler gezielt Werbung im Sichtfeld der Fahrgäste, die sich auf der Rolltreppe in Ruhe umschauen können. Oder sie stellen Körbe hin - mit Stofftieren und anderen Kleinwaren, die man en passant mitnehmen kann. Viele Kaufhäuser und Einkaufszentren schicken ihre Kunden auch auf eine Runde durch das halbe Stockwerk, bevor es auf der anderen Seite mit der nächsten Rolltreppe weiter emporgeht. "Die Rolltreppe ermöglicht eine gewisse Zwangsführung der Kunden", sagt Schilbach. So lockt etwa im Frankfurter Einkaufszentrum Myzeil eine große Rolltreppe die Kunden vom Erdgeschoss direkt in die vierte Etage. Abwärts geht es nur an vielen Schaufenstern vorbei. "Viele Menschen wollen heute beim Shopping etwas Besonderes erleben", sagt Schilbach. "Eine besondere Rolltreppe kann das bestenfalls bieten."

Auch Stadtplaner nutzen den Effekt, dass Rolltreppen buchstäblich die Schwelle senken, in höhere Ebenen aufzusteigen. So hat etwa die kolumbianische Stadt Medellín, die an einem steilen Berghang liegt, ihr Armenviertel Communa 13 mit Rolltreppen und Seilbahnen an das Zentrum angebunden. Seitdem geht die Kriminalität in dem Stadtteil zurück; die "Escaleras electricas" ziehen Touristen an.

Das technische Prinzip der Fahrtreppen hat sich in all den Jahren nicht geändert: Ein Elektromotor treibt zwei Rollen an, eine unten, eine oben, um die ein "endloses Laufband" kreist. So nennt Ingenieur Reno seine Erfindung, für die er im März 1892 ein Patent anmeldet. Die Fahrgäste stehen damals noch auf gusseisernen Leisten; sie bewegen sich wie auf einem großen Laufband empor. Zur Treppe wird das Laufband erst dank der horizontalen Stufen. Sie gehen auf ein zweites Patent zurück, das der New Yorker Erfinder George A. Wheeler wenige Monate nach Reno anmeldet. Wheeler verkauft es im Jahr 1898 an den Erfinder Charles Seeberger weiter. Dieser begründet die Rolltreppen-Industrie, indem er kurz darauf ein Bündnis mit der Otis Elevator Company eingeht - bis heute einer der größten Rolltreppen- und Aufzughersteller der Welt.

Im Jahr 1911 übernimmt Otis das Unternehmen des ursprünglichen Erfinders Reno. "Mit der Zusammenführung beider Firmen innerhalb kürzester Zeit wurde Otis Marktführer", schreibt die Wissenschaftlerin Andrea Mihm in ihrer Doktorarbeit über Rolltreppen. Otis baut schon bald erste Glasbalustraden an seine Rolltreppen. Im Jahr 1938 bringt der Marktführer stählerne Trittstufen auf den Markt, deren Aluminiumoberflächen die charakteristischen Rillen aufweisen. Seitdem gelangt weniger Dreck in das Innere, da am oberen Ende der Rolltreppe kleine Zähne in die Rillen der Trittstufen greifen.

In Moskau liegen die Bahnhöfe sehr tief unter der Erde – entsprechend lang sind auch die Rolltreppen.

(Foto: imago stock&people)

Der Wettbewerb der Hersteller lässt die Fahrtreppen im Laufe der Jahrzehnte immer sicherer, leichter und sparsamer werden. So bringt das Berliner Unternehmen Orenstein & Koppel im Jahr 1970 Alu-Trittstufen aus einem Guss auf den Markt, die statt 40 Kilogramm nur noch etwa 15 Kilogramm wiegen. Die O&K-Rolltreppen gehen im Jahr 1998 an den finnischen Konzern Kone. Heute stecken neben Stahl, Aluminium und Glas auch Kunststoffe und Edelstahl in einer Rolltreppe. "Die Hersteller können die Mechanik mittlerweile derart in den Hintergrund rücken, dass die Rolltreppe ein Designobjekt sein kann", sagt Architekt Schilbach. Ein Beispiel sei die Kone-Rolltreppe in der Hamburger Elbphilharmonie, die den Fahrgast in einem hohen Bogen auf die Aussichtsplattform hievt. Oder die Wendel-Rolltreppen in amerikanischen Einkaufszentren, die sich zusätzlich seitlich winden.

Mittlerweile können die Treppen auch Strom erzeugen

Dank des niedrigeren Gewichts und einer speziellen Technik können abwärts fahrende Rolltreppen mittlerweile Strom erzeugen und ins Netz einspeisen, wenn mindestens sechs Menschen gleichzeitig auf ihr bergabfahren. Und wo Geld oder Platz knapp sind, bauen die Hersteller Rolltreppen ein, die ihre Fahrtrichtung je nach Bedarf ändern.

"Man konfiguriert eine Fahrtreppe heute ähnlich individuell wie ein Auto", sagt Harald Goessl. Der 51-Jährige leitet das Rolltreppen-Geschäft von Thyssenkrupp. "Unsere Kunden haben die Wahl aus Hunderten Optionen, was etwa die Beleuchtung oder die Neigung der Fahrtreppe betrifft." An Königshäuser liefert der Konzern etwa mobile Fahrtreppen, die der Passagier per Knopfdruck steuern kann. In sehr heißen Weltregionen baut Thyssenkrupp Kühlaggregate an die Handläufe, damit sich die Fahrgäste nicht ihre Finger verbrennen.

Die Zukunft des Rolltreppen-Geschäfts trübt höchstens ein, dass das klassische Warenhaus im Zeitalter des Online-Handels unter Druck gerät. Zwar entstehen weltweit weiterhin neue Einkaufszentren. Außerhalb der Ballungszentren aber planen viele Projektentwickler in Deutschland Ladenlokale nur noch im Erdgeschoss, allenfalls noch im ersten Stock ein. In den oberen Etagen entstehen in Randlagen eher Büros und Wohnungen.

Und auch der vermeintliche Kniff, auf einer Rolltreppe rechts zu stehen und links zu gehen, beginnt mancherorts zu bröckeln. So hat die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) im vergangenen Sommer zumindest vorübergehend angeordnet, dass Passagiere am Hauptbahnhof doch bitte auf beiden Seiten der Treppe stehen sollen. Eine Baustelle ließ das Fahrgastaufkommen so stark steigen, dass es ohne "rechts stehen, links gehen" besser zu bewältigen war.

Auch die chinesische Metropole Nanjing hat den Grundsatz vor einem Jahr abgeschafft: Der Betreiber stellte fest, dass die vielen rechts Stehenden die Rolltreppen der Stadt einseitig abgenutzt haben.