Raumfahrt Wettlauf ins All

06.02.2018: Die Falcon Heavy von Space X hebt zu ihrem Jungfernflug ab. Die Raumfahrt wird zunehmend von Privatunternehmen geprägt.

(Foto: dpa)

Die Raumfahrt war meist Sache des Staates. Doch das ändert sich gerade. Zukunftsträume sind zum Greifen nah.

Von Dieter Sürig

Ohne die weiße Schutzkleidung geht es nicht: Wer die Satellitenfertigung der Raumfahrtfirma OHB in Bremen besichtigen möchte, muss in einen dünnen Overall schlüpfen, Schonbezüge über die Schuhe ziehen, die Kopfhaare in einer Haube verbergen. Satelliten werden unter Reinraumbedingungen gebaut. Hinter der Glastür geht es über eine klebrige Bodenmatte, damit keine Schmutzpartikel in die Halle gelangen. Es ist recht ruhig, ab und zu ist eine Maschine zu hören oder das Surren eines Hängekrans an der Decke. Auf sieben Produktionsinseln wuseln Ingenieure mit blauem OHB-Logo am Rücken herum, sie bauen und testen die Satelliten für das europäische Navigationssystem Galileo. Die EU zahlt viele Milliarden, um sich vom amerikanischen Satelliten-Navigationssystem GPS unabhängig zu machen.

So hat Raumfahrt bislang meist funktioniert: Ein öffentlicher Auftraggeber bestellt Satelliten, der Hersteller liefert, der Satellit wird mit einer vom Steuerzahler finanzierten Trägerrakete in den Orbit transportiert. Für private Unternehmen gab es nicht viel Gestaltungsraum. Doch das ändert sich. Private Raumfahrtfirmen schicken nun selbst Raketen, Satelliten oder andere Raumfahrzeuge ins All, sie wollen Dienstleistungen anbieten und Geld damit verdienen. Sie zeigen, dass Raumfahrt zu geringeren Kosten als bisher möglich ist. Und sie wollen unabhängig von Aufträgen von Raumfahrtbehörden wie Nasa, Esa oder DLR werden. Das hat den Markt in Bewegung gebracht, neue Anbieter wie Space-X inspirieren junge Start-ups ebenso wie Investoren. Und auch etablierte Unternehmen der Branche denken um.

Zum Beispiel OHB: In mehr als 30 Jahren hat sich das Unternehmen als Satellitenhersteller etabliert. Mit 2300 Mitarbeitern hat die börsennotierte Familienfirma zuletzt 700 Millionen Euro Umsatz gemacht. Dies ist keine Garantie dafür, dass es weiter gut läuft. Neue Wettbewerber mit unkonventionellen Ideen haben schon andere Branchen auf den Kopf gestellt. Der US-Milliardär Elon Musk hat mit seiner Elektroautofirma Tesla die Pkw-Industrie aufgeschreckt, in der Raumfahrtbranche setzt er mit seinem Unternehmen Space-X neue Maßstäbe - gerade hat er erstmals seine Rakete Falcon Heavy gestartet. Sie ist nicht nur teils wiederverwendbar, sondern auch größer und deutlich günstiger als die Konkurrenz. "New Space" heißt ein Schlagwort: Das soll innovativ klingen, hip, flexibel, preisgünstig. OHB-Chef Marco Fuchs, 55, sagt, dass dies im Grunde nichts Neues sei: "Vor 25 Jahren gab es doch schon einmal so eine New Space-Welle: Faster, cheaper, better", also schneller, billiger, besser. Aber er nimmt die neuen Wettbewerber ernst.

Die Bremer haben vor zwei Jahren eine eigene Investmentfirma, OHB Venture Capital, gegründet. Ziel: Start-ups zu unterstützen und von deren Wissen zu profitieren. "Wir glauben an das Wagnis im Unternehmertum. Nur wenn man Dinge ausprobiert, wird man weiterkommen", sagt Fuchs. Er fördert Start-ups mit kleineren Summen, die aber durchaus sechsstellig sein können, um neue Ideen zu finden. "Wir schauen uns Firmen an, die neue Technologien entwickeln und uns helfen, wettbewerbsfähiger zu werden", sagt Jochen Harms, der OHB VC leitet. Die Ideen können auch aus der Firma selbst kommen: OHB VC hat vor einem Jahr gemeinsam mit der Luxemburger OHB-Tochter Luxspace das Start-up Blue Horizon gegründet. Abseits vom Kerngeschäft will OHB erforschen, wie Lebensbedingungen im All und in den Wüsten der Erde verbessert werden können. "Wir sehen ein großes Geschäftsfeld im Bereich Life Science im Weltraum", sagt OHB-Chef Fuchs. Dies seien "nützliche Raumfahrtaktivitäten zum Wohl unseres Lebens auf der Erde".

Dass etablierte Unternehmen und Institutionen die Nähe zu jungen Firmen suchen und umgekehrt, wird auch in der Raumfahrt zunehmend Teil des Geschäfts. "Wir beobachten ein steigendes Interesse an Kooperationen mit Start-ups", sagt Uli Fricke, Chefin der Crowd-Plattform Space-Starters. "Da entstehen Dynamiken, die auch für Investoren attraktiv werden." Den Anstoß dazu habe nicht zuletzt Elon Musk gegeben. Das gilt auch für die Abnabelung von den Raumfahrtbehörden: "Die Esa hatte Zehntausende Zulieferer, das war nicht kommerziell orientiert." Hier gebe es einen Paradigmenwechsel: "Die New-Space-Unternehmen denken gezielt darüber nach, wie sie in der Raumfahrt Kunden finden und Geld verdienen können."

Weltweit gibt es Förderer des New Space, die dazu beitragen, die verstaubte Branche aufzurollen, die Raumfahrt auch jenseits von Nasa und Esa für Start-ups spannend zu machen und ihnen einen Milliardenmarkt zu erschließen. Man trifft sich bei einem Sommercamp der Space University in Montréal oder bei Disrupt-Space-Gipfeln in Bremen und Berlin. Hunderte Branchenprofis und Investoren nahmen in den vergangenen Jahren teil - unterstützt von Institutionen wie Esa, Airbus oder OHB. Der nächste New Space-Kongress ist für Ende April in Berlin geplant. "Wenn es gelingt, Start-ups auf intelligente Weise in große Raumfahrtprojekte zu integrieren, dann hat das großes Potenzial", sagt Fricke. Start-ups hätten oft interessante Lösungen, die sich in den großen Strukturen nur mit erheblichem Aufwand realisieren lassen. Es ist ein Geben und Nehmen, mit dem gleichen Ziel: Etwas zu schaffen, das ökonomisch nachhaltig ist.