Report Verdamp lang her

Sänger und Musiker lebten gut von Tantiemen für Platten und CDs. Doch beim Streaming sinken ihre Einnahmen dramatisch. Deshalb spielen Künstler mehr Konzerte - und die Eintrittskarten werden richtig teuer.

Von Uwe Ritzer, Köln/Rehlingen

Der Weg zum singenden Unternehmer Wolfgang Niedecken führt über einen Hinterhof, eine schmale Treppe hoch, vorbei an einem Elektrotechniker und einer Schuldnerberatung. In einem unauffälligen Flachbau mitten in Köln residiert die Travelling Tunes Productions (TTP) GmbH, die Firma hinter BAP.

Niedeckens Firma. Seit 41 Jahren gehören die Kölsch-Rocker ("Verdamp lang her") zum musikalischen Inventar der Republik. "Es ist ein absolutes Privileg, dass uns die Leute immer noch zuhören, zu den Konzerten kommen und wir mit Alben in den Top Ten, manchmal sogar auf der Pole-Position landen", sagt der Bandleader.

Vor allem ist es nicht mehr selbstverständlich, nicht einmal mehr bei etablierten, nationalen Größen wie Niedecken und BAP. Die Musikbranche durchlebt einen beispiellosen Umbruch. Die Digitalisierung, die manche Wirtschaftszweige erst allmählich erfasst, gräbt das Geschäft mit Rock, Pop, Hip-Hop oder Schlager seit geraumer Zeit vollständig um.

"Heute trete ich nur noch ab und zu auf, wenn ich mich ausschreien muss."

Sie verändert die Art, wie Musik produziert und verkauft wird. Sie nagt an den althergebrachten Strukturen der Musik- und Konzertindustrie. Und die Digitalisierung verändert die Gewohnheiten und die Kultur des Hörens beim Publikum.

Geld ist zwar nach wie vor sehr viel unterwegs im Singspiel, doch für die meisten Künstler ist das Geldverdienen komplizierter und schwieriger geworden.

Denn Tonträger verkaufen sich immer schlechter, und längst nicht jeder kann die Einbußen mit mehr Auftritten und höheren Eintrittspreisen kompensieren. "Unser Plus ist, dass wir einen guten Ruf als Liveband haben", sagt Wolfgang Niedecken. Er hat es sich in einem alten Lederstuhl gemütlich gemacht. Dem Raum geht der übliche Schnickschnack von Chefbüros ab, er ist weder auf modern noch auf repräsentativ gestylt. An der Seite stapeln sich Kartons mit T-Shirts für das Merchandising. Niedecken selbst steckt voller Elan.

Aus seiner Umhängetasche fischt er einen schmalen Hefter mit Korrekturfahnen für das Booklet, das Heftchen also, das mit der CD in der Hülle stecken wird und sie illustrieren soll. Niedecken arbeitet akribisch daran, er hat die Texte geschrieben, die Bilder ausgesucht, mit Ehefrau Tina und einem Grafiker die Optik entworfen. "Reinrassije Strooßekööter" heißt das neue Solo-Album, das er in New Orleans eingespielt hat. Nein, sagt er, beklagen wolle er sich nicht, kein Gejammere. Aber an den Zahlen führe nun mal kein Weg vorbei.

"Wenn früher ein Album von uns von null auf eins in die Charts durchstartete, wussten wir, dass wir zwischen 500 000 und einer Million verkaufen werden", rechnet Niedecken vor. "Heute kann man eine Null wegstreichen. Wir sind schon froh, wenn es am Ende 100 000 sind." Früher, sagt er, hätten er und seine Musiker ihr Geld hauptsächlich mit dem Plattenverkauf verdient. Tourneen waren Werbung für die Alben, ein Zubrot, und wenn sie von den Gagen die Steuern auf die Platteneinnahmen zahlen konnten, war alles okay. "Heute funktioniert das nicht mehr", sagt Niedecken. "Wir leben vom Livespielen."

Die anderen Zahlen sehen so aus: 2017 wird die deutsche Musikindustrie ihrem Branchenverband zufolge zum ersten Mal mehr Geld über digitale Vertriebskanäle erwirtschaften als durch den Verkauf von CDs. Der Marktanteil der Silberlinge ist im ersten Halbjahr auf 47,5 Prozent geschrumpft. Jeder dritte Euro wird über Streamingdienste erwirtschaftet, Tendenz steigend. Downloads kommen auf elf, Vinylplatten auf fünf Prozent Marktanteil.

Dabei ist digital vertriebene Musik billiger als jene auf CDs. Der Fan spart also. Dafür aber zahlt er deutlich mehr für Konzerte. Das billigste Ticket für die Rolling Stones etwa, die in einer Woche in Hamburg ihr erstes von drei Deutschland-Konzerten spielen, kostet knapp 100 Euro; es sind die ganz schlechten Plätze. Wer Jagger, Richards & Co. näher kommen will, zahlt zwischen 300 und 800 Euro.

Nun sind die Rolling Stones ein Sonderfall, ganz einfach, weil sie die Rolling Stones sind. Doch dass Ticketpreise flächendeckend enorm angezogen haben, bestreitet niemand, auch nicht André Lieberberg, einer der größten deutschen Konzertveranstalter. "Viele Künstler wollen oder müssen häufiger auf Tournee gehen, mehr Konzerte spielen und höhere Ticketpreise aufrufen, um fehlende Einnahmen beim Verkauf von Tonträgern auszugleichen", sagt er. Aber das sei nur ein Grund.

"Fakt ist auch, dass der Aufwand für Liveproduktionen und die Erwartungshaltung der Konzertbesucher stetig steigen", sagt Lieberberg. "Wir stellen auch fest, dass heutzutage mehr Menschen bereit sind, höhere Ticketpreise für einen Konzertabend zu akzeptieren."

Und wo sind die Grenzen bei den Eintrittspreisen? "Sie werden durch die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung und die Begehrlichkeiten der Fans gesetzt."

Gewiss, wenn die Rolling Stones kommen, Metallica, Bruce Springsteen oder auch nur Helene Fischer in vollen Stadien auftreten, ist nach wie vor ziemlich viel Geld zu verdienen. Die großen Stars des Gewerbes haben auch keine Probleme damit, Molkereien oder Autohersteller als Sponsoren zu gewinnen, und auch der Verkauf von Fanartikeln bringt zusätzlich Geld in die Kasse. Die meisten Künstler jedoch, die allein vom Abverkauf ihrer Platten gut bis sehr gut leben konnten, tun sich inzwischen deutlich schwerer. Sie, ihre Plattenfirmen, Produzenten und Manager müssen sich also etwas einfallen lassen.

Wie Stefan Pössnicker. Mit 15, 16 Jahren tingelte er als Alleinunterhalter mit dem Keyboard übers bayerische Land, mangels Führerschein chauffiert vom Vater. Volljährig geworden, musizierte sich der gelernte Forstwirt ganze Winter lang durch bessere Hotels in Österreich und der Schweiz.

"Ein gut bezahlter Job", sagt Pössnicker, der sich später als Stefan Peters sogar eine Goldene Schallplatte ersang. "Heute trete ich nur noch ab und zu auf, wenn ich mich ausschreien muss." Pössnicker, 47, lebt und arbeitet in Rehlingen, einem 200-Einwohner-Dorf etwa in der Mitte zwischen Nürnberg und Augsburg.

Das Haus am Hügel hat seinen Großeltern gehört; er hat es um- und vor allem ein Tonstudio eingebaut. Gerade war Johnny Hill da, ein Schlagerveteran, der eine Hommage auf seinen verstorbenen Freund Gunter Gabriel einsang. Viele, die in der Schlagerwelt Rang und Namen haben, waren schon in Rehlingen. Das Studio ist bis weit ins nächste Jahr ausgebucht.

Wer nicht selbst kommt, schickt Audio-files. Helene Fischer hat das so gemacht. Pössnicker veredelt sie dann zu kompletten Songs. Er ist einer der gefragtesten Produzenten in Sachen Schlager, volkstümliche und Partymusik. Als musikalischer Direktor war er jahrelang bei den Tourneen von Andrea Berg für die Arrangements zuständig. Dafür etwa, dass Geschmeidiges live rockiger klingt oder Balladen sich noch gefühlvoller anhören als auf den Alben. Neuerdings ist er musikalischer Leiter der Carmen-Nebel-Show im ZDF.

Pössnicker klappt sein Notebook auf und klickt ein Youtube-Video von Tanja Lasch an. Mehr als 8,5 Millionen Mal wurde die Liveaufnahme bereits aufgerufen, in der die Sängerin den Hit "Die immer lacht" singt, in einer von Pössnicker als Disco-Fox arrangierten Version. Dann öffnet er eine andere Datei - eine Streaming-Abrechnung für einen Monat. 34 000 Mal haben sich Fans den Song angehört. Einnahme daraus: 135,26 Euro. "Hätten sie es wenigstens downgeloadet", sagt er. "Dann wären es beim üblichen Euro pro Song wenigstens 34 000 Euro."

"Würde der Markt noch wie vor 20 Jahren funktionieren, wäre ich längst schon zigfacher Millionär", sagt Pössnicker. Das tut er aber nicht. Streaming macht Musik zur jederzeit verfügbaren Billigware. Die Discounter heißen Spotify, Deezer, Apple Music oder Napster, wo der Kunde die Sangesware allerdings gar nicht kauft, sondern nur ausleiht. Dafür zahlt er pro Monat weniger, als eine CD kostet. Und auf Youtube hören kostet gar nichts. David Bowie hat all das schon vor 15 Jahren kommen sehen. "Die Konsumenten werden Musik künftig wie Wasser und Elektrizität beziehen", prophezeite er. "Und nichts wird diese Entwicklung aufhalten können."

Wobei sie streng genommen bereits in den Achtzigerjahren begann. Statt leibhaftiger Redakteure übernahmen bei Privatradios, später auch bei öffentlich-rechtlichen Sendern Computer die Musikauswahl. Gespielt wird seither nur noch, was zum Mainstream des jeweiligen Senders passt. Nichts soll den Hörer erschrecken, sondern alles irgendwie gleich klingen.

"Durchhörbarkeit" nennen das Radio-Leute, "Einheitsbrei" ihre Kritiker.

Wenig später löste die Compact Disc die Schallplatte aus Vinyl ab. Damit war den Alben jedes Rauschen, Knacken und Knistern ausgetrieben, der Klang geriet rein, klar, jungfräulich. Für die Künstler änderte sich dadurch finanziell noch nichts. Sondern erst, als mit dem Internet die Download-Zeit begann. Statt mehrere Songs gebündelt auf einem Silberling zu kaufen, werden sie einzeln aus dem Netz gesogen, legal gegen ein paar Cent oder einen Euro, oder illegal, weil gestohlen.

"Mit Tablet, der richtigen Software und ein bisschen Talent kann jeder Musik produzieren."

Und nun ist das Zeitalter des Streaming angebrochen.

"Musik kommt in Zukunft nur noch aus der Cloud", prophezeit Stefan Pössnicker, "bestenfalls vier, fünf Jahre" gibt er der CD noch. Selbst das Schlagerpublikum, das gemessen etwa an jungen Hip-Hop-Fans noch überproportional viele Platten kauft, werde davon abkommen. Er selbst verlässt sich schon lange nicht mehr auf den eigenen Gesang, das Schreiben, Produzieren oder Arrangieren von Songs. Im Lauf der Jahre hat Pössnicker auch eine Agentur eröffnet, die Künstler vermittelt, er hat einen Musikverlag gegründet und kürzlich ist er auch noch ins Veranstaltungsgeschäft eingestiegen. "Wenn Musik allein nicht mehr genug einspielt, muss ich mir eben weitere Standbeine aufbauen", sagt er.

Die Firma Niedecken in Köln tut das schon länger. "Wir kümmern uns um so ziemlich alles selbst", sagt Wolfgang Niedecken. "Das ist ein Familienbetrieb, bei dem meine Frau Gott sei Dank auch auf die Zahlen schaut, damit wir alles so hinkriegen, wie ich mir das vorstelle." Mit der Plattenfirma den Etat für das nächste Album oder den Videodreh aushandeln, Tourneen planen, Kosten und Eintrittspreise kalkulieren, Musiker engagieren, Merchandising-ware kreieren. "Kitchentable Management" nennt das Ehefrau Tina Niedecken.

Ein Album aufzunehmen, bedeutete noch vor wenigen Jahren für eine erfolgreiche Band wie BAP hohe Budgets der Plattenfirma und sehr viel Zeit. Vorbei. "Heute muss ich meinen Musikern klarmachen, dass wir ein Album in zwei Wochen hinkriegen müssen", erzählt Niedecken.

Wo bleibt das viele Geld nun eigentlich hängen, wenn nicht bei den Künstlern?

Die Antwort ist vergleichsweise simpel: Den Kuchen teilen immer mehr unter sich auf. Die schiere Zahl der Akteure, ob vor oder hinter den Mikrofonen, steigt und steigt. Es gibt immer mehr Musiker und Sänger, die ohne Plattenfirma einfach loslegen, ihre selbstgebastelten Clips ins Internet stellen und schauen, was passiert.

Durch die Digitalisierung ist das einfach geworden. "Mit einem Tablet, der richtigen Software und ein bisschen musikalischem Talent kann heutzutage im Prinzip jeder Teenager qualitativ und inhaltlich ansprechende Musik produzieren", sagt André Lieberberg. Bei wem die Klickzahlen durch die Decke schießen und soziale Netzwerke in Verzückung geraten, den schnappen sich Manager, Plattenfirmen und Veranstalter. Heute reiche "manchmal schon ein Hit in der digitalen Welt, um enorme Zuschauerzahlen zu erzielen".

Die Popularität und Zugkraft von Künstlern entwickle sich heute "in einer Vielzahl von medialen Paralleluniversen und auf digitalen Plattformen, die man als Veranstalter permanent im Blick haben sollte", sagt Lieberberg. Und die Kundschaft? "Junge Konsumenten erwarten, jeden Tag mit einem Klick neue Künstler entdecken zu können. Diese Zielgruppen wechseln schneller und fließender als früher ihre Hörgewohnheiten und damit auch die Musikgenres beziehungsweise Künstler, denen sie folgen."

"Junge Leute sammeln keine Platten ihrer Lieblingskünstler mehr."

Was nichts anderes heiße als: "Die Identifikation mit einem Sänger oder einer Band über viele Jahre oder gar ein ganzes Leben hinweg, ist bei weitem nicht mehr so häufig und stark ausgeprägt wie in der Vergangenheit." Damit einher verändert sich nicht nur das Geschäft, sondern auch der Umgang mit dem Kulturgut Musik radikal. "Junge Leute sammeln keine Platten ihrer Lieblingskünstler mehr, die sie hegen und pflegen", sagt Tausendsassa Pössnicker.

Natürlich gibt es noch Leute wie ihn, die über die Ochsentour Karriere machen, über Dörfer, Festivals und durch Klubs tingeln, in der ständigen Hoffnung auf den Durchbruch. Die hoffen, dass ihr Fleiß und Können ausreichen, um dem Publikum zu gefallen, und dass dann noch das Glück dazukommt, dass jemand sie entdeckt. Und wenn doch nicht, dann gibt es ja noch die unauffällige Szene derer, die in Bierzelten, Hotels oder Betriebsfeiern die Hits covern und damit häufig nicht so schlecht verdienen. Zumindest kann man davon leben.

Musik ist ein Geschäft, das durch die Digitalisierung extrem vielschichtig geworden ist. BAP-Frontmann Niedecken sagt, dem müsse man sich stellen, ob man wolle oder nicht. Er und seine Musiker hätten das Glück, dass "unsere Fans schätzen, dass bei uns alles handgemacht ist und keine Meterware", sagt er. "Und von Leuten, die uns über Streamingdienste hören, erwarte ich mir keine Wertschätzung."

Und was die ganz Großen angeht - die Dylans, Springsteens oder Neil Youngs dieser Welt -, "die lieben Musik, deswegen sind sie unterwegs." Aus diesem Grund werden die Niedeckens auch ein Stones-Konzert besuchen. Allein Keith Richards sei es wert, sagt Wolfgang Niedecken. "Der liebt einfach den Blues und ist dankbar, dass er ihn sein ganzes Leben lang so erfolgreich spielen durfte."