Report Schatz in der Einöde

Chile ist dank seiner Rohstoffvorkommen ein reiches Land - doch der Bergbau fordert einen hohen Preis. Ein Besuch in Chuquicamata, dem größten Kupfertagebau der Welt.

Von Veronika Wulf, Chuquicamata

Es gibt eine Schule und einen Sportplatz in dieser Stadt, Wohnhäuser, Kirchen, einen Friedhof, eine Kneipe und sogar ein Theater. Nur keine Menschen. Chuquicamata liegt inmitten der Atacama-Wüste im Norden Chiles und ist seit zehn Jahren verlassen. Von den Häuserwänden blättert der Putz, vor den Fenstern sind die Rollläden heruntergelassen, die Bäume vertrocknen. Rund 15 000 Menschen lebten zuletzt in der Siedlung, allesamt Bergarbeiter und ihre Familien. Sie waren wegen des Kupfers gekommen und mussten wegen des Kupfers gehen. Der Schutt aus der Grube brauchte Platz, viel Platz. Und es wurde für die Bewohner zu gefährlich.

Die riesige Grube, nach der Siedlung Chuquicamata benannt, wächst und wächst - seit mehr als 100 Jahren. Das einstige Krankenhaus ist bereits unter einem Schutthaufen begraben. Heute gehen nur noch ab und zu Besuchergruppen durch die Geisterstadt, die man als Symbol für so vieles sehen kann: die Unersättlichkeit des Bergbaus, den Umgang mit den Arbeitern, die Zerstörung einer Landschaft.

Wenn die Leute aus der Gegend heute von "Chuqui" sprechen, meinen sie nur noch die Mine, nicht mehr die Stadt. Es scheint hier alles etwas zu groß geraten: Die Schotterstraßen sind so breit wie Autobahnen, die Trucks so hoch wie Häuser. Die Grube selbst ist ein Krater, so groß wie ein Stadtteil. "Willkommen in Chuquicamata", sagt Raul, der Besuchern die Mine zeigt. Geologen, Ingenieure und Touristen kommen aus aller Welt, um die Mine zu sehen. Es ist der größte Kupfertagebau der Welt und eine der Lebensquellen der chilenischen Wirtschaft. Aus ihr will das Land so lang wie möglich schöpfen.

Mit der steigenden Produktion von Elektroautos nimmt auch der Bedarf an Kupfer zu

Chile steht gut da im Vergleich zu den meisten Ländern Lateinamerikas. Die Wirtschaft wächst stetig, der Staat gilt als relativ kreditwürdig, der Anteil der Armen sank seit 1990 um mehr als die Hälfte. All das hat das Land auch seinem Ressourcen-reichtum zu verdanken - vor allem dem Kupfer, dem roten Gold. Das Metall ist ein weltweit gefragtes Gut, in Autos, Kühlschränken, Stromkabeln und Handys ist es verbaut. Und mit der zunehmenden Produktion von Elektroautos wird auch die Kupfernachfrage stark steigen. Bis 2027 wird sich der globale Kupferbedarf bei E-Fahrzeugen nahezu verzehnfachen, prognostiziert eine Studie im Auftrag der International Copper Association, eines Branchenverbands der Kupferindustrie. Denn ein Elektroauto enthält drei- bis viermal so viel Kupfer wie ein Fahrzeug mit Verbrennermotor.

Gute Aussichten für Chile, in dessen Böden rund ein Drittel der weltweiten Kupferreserven lagern. Das meiste davon hat sich der staatliche Bergbaukonzern Corporación Nacional del Cobre de Chile, kurz Codelco, gesichert, dem auch Chuquicamata gehört. Codelco ist der größte Kupferproduzent der Welt, die Gewinne gehen an die chilenische Regierung.

Doch Chile war nicht immer so reich an Kupfer. Bei vielen Peruanern und Bolivianern schwingt noch heute ein vorwurfsvoller Ton mit, wenn sie vom Salpeterkrieg erzählen, der 1879 begann, Chile auf der einen Seite, Peru und Bolivien auf der anderen. Am Ende, 1884, nahm Chile die umkämpfte, kupferreiche Gegend in der Atacama-Wüste ein. Chuquicamata war viele Jahrzehnte in den Händen amerikanischer Firmen, bis der sozialistische Präsident Salvador Allende den Bergbau 1971 verstaatlichte, um Chile wirtschaftlich unabhängig zu machen.

Heute scheinen die Chilenen ähnlich stolz auf ihr Kupfer zu sein wie die Deutschen auf ihre Autos. Zumindest bekommt diesen Eindruck, wer mit Bewohnern Calamas spricht. In die Stadt ein paar Kilometer neben der Mine siedelte der Staatskonzern Codelco 2007 die Bergarbeiter um. Ganze Wohngebiete entstanden in der Nähe des Flughafens, reihenweise Fertighäuser. 2400 davon baute Codelco insgesamt, Minenarbeiter bekamen günstige Immobilienkredite. Doch besonders lebenswert ist Calama nicht. Die Stadt gilt als die reichste Chiles - aber auch als die hässlichste.

Aus der Luft betrachtet gleicht sie sich an ihre öde Umgebung an. Beige, flache Häuser drücken sich in eine beige, flache Ebene. Die Preise sind hoch, und im Hotel heißt es, die einzigen Sehenswürdigkeiten seien eine Shoppingmall und ein Casino. Einsame Männer verspielen beim Roulette, was andere in einem Monat als Mindestlohn verdienen. Es ist Geld in der Stadt. Viele Bewohner arbeiten in einer der gut drei Dutzend Minen im Umkreis, wo sie vergleichsweise gut verdienen - zumindest wenn sie direkt bei den Bergbaukonzernen angestellt sind.

Auch in Rauls Stimme schwingt ein bisschen Stolz mit, als er die Besuchergruppe auf eine Aussichtsplattform am Rande des Kraters führt und ein paar Zahlen nennt: 5,2 Kilometer lang ist die Grube, drei Kilometer breit und 1200 Meter tief. Etwa 300 000 Tonnen Kupfer produziert Chuquicamata im Jahr. Mit den Einnahmen finanziert Chile Gesundheit und Bildung, investiert in die Infrastruktur und in den weiteren Kupferabbau. Zehn Prozent gehen direkt an das Militär, ein Gesetz, das noch aus Zeiten des Diktators Augusto Pinochet stammt. Wenige Jahre bevor der sich an die Macht putschte, im November 1971, kam ein berühmter Gast nach Chuquicamata: der kubanische Regierungschef Fidel Castro. Auf dem zentralen Platz der Bergarbeitersiedlung sprach er zu den Arbeitern und verglich den Tagebau mit den Pyramiden von Ägypten. "Eines Tages", sagte er, "werden diese Terrassen zu einem Denkmal für die Generationen werden, die in diesen Minen gearbeitet haben." Damals war die Grube erst ein Drittel so tief wie jetzt.

Rauls Besuchergruppe steht am Kraterrand, hauptsächlich Touristen aus Südkorea. Staunend blicken sie in ihren Warnwesten und Bauhelmen in den Schlund und fotografieren die Staubpisten, die spiralförmig hinabführen, Terrasse für Terrasse. Von oben sieht er aus wie ein Amphitheater für Riesen. Rund einen Kilometer tiefer wird das kupferhaltige Gestein gebohrt, gesprengt und auf die Muldenkipper verladen. Eine Stunde und 15 Minuten brauchen sie, bis sie oben sind, mit bis zu 390 Tonnen Gestein auf der Lade. Hinunter, ohne Ladung, nur 20 Minuten. Aus der Ferne sehen sie aus wie Spielzeugautos, doch sie haben Räder mit vier Metern Durchmesser und einen Motor, der 4900 Liter Diesel am Tag schluckt. Erst wenn sie dröhnend und staubend an einem vorbeifahren, erkennt man den Menschen in der Fahrerkabine, der überraschend winzig wirkt. Zehn Millionen Dollar zahlt Codelco für einen Muldenkipper von deutschen und österreichischen Firmen. Fast genauso viel bringt Chuquicamata täglich mit Kupfer ein.

Fidel Castro verglich die Tagebaugrube mit den Pyramiden von Ägypten

In benachbarten Fabrikanlagen werden die Gesteinsbrocken zerkleinert, auf unterirdischen Förderbändern zu Mahlwerken transportiert, staubfein gemahlen, mit Wasser und chemischen Substanzen gemischt und durch Flotation in Gestein und Metalle getrennt. Neben Kupfer wird auch Gold, Silber und Molybdän in Chuquicamata gewonnen, allerdings in sehr viel geringeren Mengen. Jährlich werden knapp 15 000 Tonnen Molybdän produziert, ein Metall, das besonders hart und hitzebeständig ist und deshalb gern in Glühbirnen oder Waffen verbaut wird.

Das Gestein, das übrig bleibt, laden die Muldenkipper neben den Fabrikgebäuden und am Rande der Geisterstadt ab. Ein Gebirge aus Minenmüll. "Tortas" nennt Raul die gigantischen Schutthaufen, weil sie wie Schichttorten aussehen. Die ganze Landschaft rundherum wurde durchsiebt und neu geformt durch den Tagebau.

Die gewonnene Kupferflüssigkeit wird verdickt, getrocknet, geschmolzen und zu Kupferplatten verarbeitet. "Reinheit: 99,9997 Prozent", steht auf einer der fertigen Platten. Mit Zügen werden sie zum 230 Kilometer entfernten Hafen von Antofagasta gefahren und in die ganze Welt verschifft. Fast ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts nimmt das Land durch Exporte ein, davon wiederum knapp die Hälfte durch Kupfer. Auch Deutschland, der drittgrößte Kupferverbraucher der Welt, deckt seinen Bedarf an Kupfererzen und -konzentraten zu 22 Prozent und den an Raffinadekupfer zu zwölf Prozent aus Chile. Das meiste chilenische Kupfer jedoch geht nach China. Wenn Chinas Wirtschaft langsamer wächst und damit der Kupferpreis fällt, bekommt das Chile deutlich zu spüren, wie 2015: Die Steuereinnahmen und das Wirtschaftswachstum des Landes gingen zurück. Wenn Chile sein Wachstum auf Dauer halten wolle, warnt die OECD, müsse es auf andere Einnahmequellen als den Verkauf seiner Ressourcen setzen.

Noch gräbt Chile fleißig weiter. Prognosen von Codelco zufolge ist noch genug rotes Gold im Boden, um es viele weitere Jahrzehnte abzubauen. Doch es wird schon schwieriger. Die Maschinen müssen sich immer tiefer in den Berg fressen, um auf metallhaltiges Gestein zu stoßen. Früher lag der Kupferanteil bei 1,5 Prozent, jetzt sind es nur noch maximal 0,8 Prozent. Gerade ist Codelco dabei, den offenen Tagebau in einen Untertagebau umzuwandeln. Ein Milliardenprojekt. Die ersten Tunnel sind schon gebohrt, genauso wie ein 918 Meter tiefer Abluftschacht. 180 Kilometer Tunnel und Schächte sollen entstehen, von 2019 an soll der Abbau beginnen.

Das Megaprojekt kommt nicht bei allen gut an. Gewerkschaften beklagen einen mangelnden Dialog mit den Arbeitern. Bei der Umwandlung zum Untertagebau sollen einige Arbeitsabläufe automatisiert und Stellen gestrichen werden. Es werde bereits seit einiger Zeit an den Gehältern gespart und die Arbeitsintensität erhöht, heißt es von der Gewerkschaft Fesuc, die 700 der insgesamt 10 000 Arbeiter in Chuquicamata vertritt. Von den 10 000 sind 6000 direkt bei Codelco angestellt, die restlichen 4000 sind Leiharbeiter. "Die Auslagerung von Arbeitnehmern war eine der Strategien, um Geld zu sparen und die tariflich vereinbarten Arbeitsbedingungen und Löhne zu unterlaufen", sagt Gewerkschaftschef Ricardo Calderón Galaz. Denn ein Leiharbeiter verdiene im Durchschnitt 30 Prozent weniger als die direkt Angestellten. "Manchmal kaum mehr als den Mindestlohn von 450 bis 500 Dollar im Monat", so Galaz. Er spricht von einer "autoritären und gewerkschaftsfeindlichen Haltung" des Codelco-Managements.

Als 2016 Arbeiter in einer Codelco-Mine mehr Lohn forderten, sagte der Konzernchef öffentlichkeitswirksam, er habe "keinen verdammten Peso" übrig. Und als Anfang März 2018 Arbeiter in Chuquicamata demonstrierten, wurden sie von der Polizei festgenommen. "Leider ist es in Chile inzwischen alltäglich, dass Arbeiter bei rechtmäßigen Demonstrationen festgenommen werden", sagt Gewerkschafter Galaz. "Es ist abscheulich, dass der größte Staatskonzern ein solches Beispiel gibt."

Dazu kommen gesundheitliche Probleme, Arbeiter sind Arsen und Blei ausgesetzt. Sie berichten von Staublungen. Schon nach einer Stunde in der Mine ist das Taschentuch beim Schnäuzen braun. Nicht umsonst wurden die Bewohner der Bergarbeitersiedlung damals umgesiedelt, sogar Krebserkrankungen soll der giftige Staub ausgelöst haben. Dazu kommen schwere Arbeitsunfälle. Zwei Tote habe es dieses Jahr schon gegeben bei Codelco, sagt Galaz, "und das erste Quartal ist noch nicht mal beendet". Die Gewerkschaften prangerten dies schon lange an. "Obwohl Chile ein Bergbau-Land ist, hat sich noch keine Regierung wirksam um die Not der Arbeiter gekümmert."

Auch von Umweltschützern wird Codelco kritisiert. Vor gut einem Jahr verübten Ökoaktivisten sogar einen Paketbombenanschlag auf den Vorstandsvorsitzenden von Codelco, der nur leicht verletzt wurde. Die Minen seien ein Symbol für die Zerstörung der Natur durch den menschlichen Fortschritt, sagten die Täter.

Doch auch seriöse Umweltschützer und Wissenschaftler zeigen in Studien die verheerenden Folgen des Kupferbergbaus. Das größte Problem ist das Wasser. Die Atacama-Wüste ist eine der trockensten Wüsten der Welt. Und die Kupferproduktion ist wasserintensiv. Chuquicamata nutzt fünf Quellen aus den Anden. Durch die Wasserprivatisierung unter der Militärdiktatur 1981 liegen die Nutzungsrechte heute bei wenigen Großkonzernen. Die indigene Bevölkerungsgruppe der Chiu Chiu, die unweit von Chuquicamata im Loa-Becken lebte, verlor ihre Lebensgrundlage. 1997 wurde der Loa-Fluss verschmutzt. Die Chiu Chiu konnten für zwei Jahre weder ihre Felder bewässern noch ihre Tiere tränken, heißt es in einer Studie des Forschungsinstituts Adelphi im Auftrag des Umweltbundesamts. Und: "Obwohl Schwermetalle im Wasser festgestellt wurden, konnte Codelco nie für die Verschmutzung verantwortlich gemacht werden." Wegen der Wasserknappheit setzt Chiles Kupferindustrie zunehmend Entsalzungsanlagen ein, um Meerwasser zu nutzen. In zahlreichen Projekten werden verschiedene Methoden getestet. Denn Entsalzen kostet viel Geld und Energie.

In der Gegend um Chuquicamata fallen nicht nur der große Krater und die umliegenden Fabrikanlagen auf, sondern auch das wenige Grün. Die Region ist zwar eine Wüste, doch Godofredo Pereira, Forscher an der Goldsmiths-Universität in London, sieht für die unfruchtbare Landschaft nicht nur natürliche Gründe. 2013 verglich er in einer geoforensischen Analyse Satellitenbilder der Atacama-Wüste rund um Chuquicamata aus den vergangenen Jahrzehnten. Das Ergebnis: Die Vegetation ging deutlich zurück, während der Stausee mit den Minenabwässern immer größer wurde. Der Studie zufolge ist der Bergbau dafür verantwortlich.

Zu den Vorwürfen äußert sich Codelco auf Anfrage nicht, doch in seinen Jahresberichten betont der Konzern stets seine Bemühungen für Arbeiter und Umwelt. Er errichtet Solaranlagen und Windparks in der Wüste, recycelt Wasser und investiert in neue Techniken, um die gesetzlichen Standards zur Luftreinhaltung zu erfüllen. Gleichzeitig fressen sich die Maschinen immer weiter in die Natur. Doch auch Codelco scheint zu ahnen, dass die Kupferquelle irgendwann versiegt. Berichten zufolge schaut sich der Konzern gerade in der Mongolei um. Geologen vermuten große Kupfervorkommen in der Wüste Gobi. Dort sind die Lohnkosten auch niedriger als in Chile. Und der Hauptabnehmer China ist nur eine Landesgrenze entfernt.