Report Rad für die Welt

Die richtig tollen und teuren Rennräder stammen oft aus Taiwan, auch wenn man ihnen das nicht ansieht. Denn der größte Fahrrad-Exporteur der Welt produziert für europäische und amerikanische Marken - diskret.

Von Christoph Neidhart, Taipeh

Hier im Norden von Taiwan entstehen Fahrräder der Extraklasse: In der Werkshalle von "Fairly Bike" hängen blaue Rennradrahmen der italienischen Edelmarke "Wilier" an einem Band, sie baumeln langsam von Station zu Station. Der Lenkervorbau wird eingesetzt, dann der Lenker. Das Fließband gleicht einer sich langsam vorwärtsbewegenden Wäscheleine. Für die Montage der kleineren Komponenten werden die Karbonrahmen dann auf ein Sattelrohr aufgebockt. Die Gabel nach oben gerichtet, tuckern sie weiter, ein Monteur setzt die Bremsen ein, einer die Schaltung, dann die Kette und schließlich die Räder. Wie in einer Autofabrik kann jeder Arbeiter das Band jederzeit stoppen.

"Uns geht es nicht um Geschwindigkeit, sondern um Qualität", sagt Steven Tsai, der Produktionsmanager. Die künftigen Besitzer dieser Rennräder, von denen manche mehr als 5000 Euro kosten, wollen ohne weiteren Schutz als einem Sturzhelm mit 80 Kilometern pro Stunde Alpenpässe hinunterrasen. Dazu verlassen sie sich auf die Präzision und Sorgfalt von Fairly Bike.

"Sie warten auf den neuen Shimano-Katalog und bauen ihre Räder drumherum."

Fairly Bike ist ein Unternehmen, dessen Namen die meisten Rennradbesitzer noch nie gehört haben. Ebenso, wie nicht viele wissen, dass Taiwan sich zur Drehscheibe der globalen Fahrradindustrie entwickelt hat. Und nicht immer ist das an dem teuren Produkt für den Käufer zu erkennen.

Fertig montiert, muss bei Fairly Bike jedes Rad durch die Qualitätskontrolle. Danach werden Vorderrad und Lenker wieder abgenommen, alle Teile mit Schaumstoff gepolstert und das Rad wird in eine große Pappschachtel verpackt. Diese gleitet auf einer sanft abfallenden Rutsche zum Container, in dem das Fahrrad nach Italien reist. In Rossano Veneto, dem Firmensitz von Wilier nördlich von Venedig, wird es neu verpackt und dann als italienisches Rennrad irgendwo in die Welt verkauft.

Fairly Bike in New Taipei baut an diesem milden Freitag auch Rennräder der amerikanischen Marke Felt zusammen und für Kona, einer amerikanisch-kanadischen Firma. Danach stehen Mountain-Bikes auf dem Programm. Die Serien sind meist klein. Auch das Koblenzer Unternehmen Canyon und Stöckli, eine Schweizer Firma, lassen Räder von Fairly Bike montieren. Und die Schweizer E-Bike-Marke Stromer.

Die Fabrik im Westen von Taipeh liegt nicht weit vom Hauptquartier von Foxconn, dem größten Auftragshersteller für Elektronik in der Welt. Beim Auftragshersteller für Fahrräder entstehen täglich 450 bis 550 Produkte. Aber auf keinem von ihnen steht "Fairly Bike".

Das seit 40 Jahren bestehende Unternehmen mit etwa 400 Leuten ist ein OEM- und zugleich ODM-Betrieb, das sind zwei Begriffe, wie sie in der Computer-Industrie üblich sind. OEM steht für Original Equipment Manufacturer, ein OEM-Betrieb baut also Geräte für eine bekannte Marke, Foxconn zum Beispiel alle iPhones von Apple. ODM bedeutet Original Design Manufacturer, Fairly Bike trägt dann auch zur Gestaltung der Produkte bei.

Vier taiwanische Unternehmen montieren 90 Prozent aller Laptops, aber ihre Namen kennt man außerhalb der Branche nicht. Bei den Qualitätsfahrrädern ist es ähnlich. Die kleine Insel Taiwan ist der größte Fahrrad-Exporteur der Welt. Und nach China und Indien der drittgrößte Hersteller. Aber die beiden Milliarden-Völker produzieren hauptsächlich Billigräder für ihre Heimmärkte, zumindest bisher. Taiwan dominiert die Qualitätssegmente.

Dennoch hat die Insel außer Giant, inzwischen immerhin der größte Fahrradkonzern der Welt, keine eigene Marke hervorgebracht, die über Taiwan hinaus bekannt wäre. Fairly Bike wagte erst kürzlich und in Zusammenarbeit mit der Fürther Elektro-Bike-Firma "eFlow" einen halben Schritt zur eigenen Marke. Die Partner in Franken konzipieren die Räder mit elektrischem Hilfsmotor, Fairly Bike baut sie.

Die Batterien der E-Bikes werden immer stärker, ihre Elektronik wird raffinierter. Stromer baut einen Fahrrad-Computer in die Rahmen seiner E-Bikes ein, mit dem man das Rad sogar abschließen kann. Und über GPS suchen, wenn es gestohlen wird. Der Markt für E-Bikes wächst zurzeit um etwa 20 Prozent jährlich, im vorigen Jahr wurden weltweit mehr als 80 Millionen abgesetzt. Optimisten in der Branche erwarten, im Jahre 2050 würden weltweit zwei Milliarden E-Bikes unterwegs sein.

Fahrradinsel Taiwan: Hunderttausende beteiligten sich Ende 2011 an einer Tour für das Guinnessbuch der Rekorde, hier vor der Chiang Kai-shek-Gedächtnishalle in Taipeh.

(Foto: Pichi Chuang/Reuters)

Fahrradteile wie Rahmen, Gabeln, Lenker oder Bremsen stellt Fairly Bike keine her, sie kommen von Zulieferern. Das typisch mittelständische Unternehmen spritzt sie höchstens. Die Komponenten kommen von Unterlieferanten, viele von Shimano, dem Giganten der Branche aus Japan: "Von Shimano erhalten wir jede Woche einen ganzen Container", sagt Ingenieur Tsai: Gangschaltungen, Bremsen, Felgen, Pedale, sogar Rennradschuhe werden unter der Marke Shimano verkauft.

Diese Dominanz von Shimano sieht die Branche nicht gern. "Manche Marken entwickeln keine eigenen Ideen mehr", spottet ein Vertreter von Microshift, einem aufstrebenden Hersteller von Gangschaltungen aus Taiwan. "Sie warten auf den neuen Shimano-Katalog und bauen ihre Räder drumherum."

Shimano hat 13 000 Mitarbeiter, fertigt in Japan, China, Malaysia und Singapur. Die meisten anderen Zulieferer dagegen sind klein und hoch spezialisiert. Jian Sheng zum Beispiel, ein Familienbetrieb in der mitteltaiwanischen Stadt Taichung, den fünf Brüder in den 1970er-Jahren gegründet haben. Mit 28 Angestellten stellt Jian Sheng ausschließlich Fahrradgabeln her: 6000 Stück pro Monat, unter anderem für Fairly Bike. Wie Jian Sheng produzieren die meisten Zulieferer in Taichung, dem "Königreich der Mechanik", wie die Heimatstadt von Giant auch genannt wird: KT Quando, ein Unternehmen, das nur Naben produziert zum Beispiel, oder der Bremsenspezialist Tektro.

Damit ist Taichung das Königreich der anonymen Kleinbetriebe, die für die Großen arbeiten. Selbst Giant, ein Konzern mit fast zwei Milliarden Euro Umsatz und eigenen Läden in 50 Ländern, produziert noch zu 30 Prozent für andere Marken. Etwa für die amerikanische Trek.

Thomas Binggeli, Verwaltungsratspräsident der Schweizer Rennradmarke BMC und Chef von Stromer, seiner E-Bike-Firma, fliegt jedes Jahr nach Taipeh zur Taipei Cycle, einer der größten Fahrradmessen der Welt. Der Bauernsohn hatte einst als Schüler, während seine Eltern im Urlaub waren, alle Schafe verkauft, um im Stall seinen "Veloshop" zu gründen.

Nein, er war noch nicht da, sagen die Leute am Stand von Fairly Bike in Taipeh. Der 53-Jährige verhandelt gerade mit Jin Hengtong, einem Carbonrahmen-Herstelller aus Tianjin in China, der außer für BMC auch Rahmen für die italienische Traditionsmarke Bianchi und für Specialized produziert. Er arbeite mit sechs bis sieben festen Partnern, sagt Binggeli: "Aber ich scanne immer auch andere." Taiwan ist seit einigen Jahrzehnten der wichtigste Fahrradhersteller der Welt. Einst bloß ein Geflecht von OEM-Betrieben, fast alle Familienunternehmen, sei "Taiwan heute der Hub", so Binggeli.

Das Militärregime verbietet die Einfuhr von Fahrrädern und erzwingt eine eigene Industrie

Produziert wird inzwischen allerdings auch in Vietnam und vor allem in China. Einerseits betreiben selbst winzige Familienfirmen aus Taiwan eigene Werke in Tianjin, Shanghai oder Chengdu. Andererseits drängen chinesische Start-ups auf den Markt, die ohne Hilfe aus Taiwan entstanden sind. Insbesondere für die Produktion von Carbonrahmen und -rädern. Zugleich sind in China immer mehr Zubehörfirmen gegründet worden, für Fahrradgriffe und Sättel, Lampen und Taschen, Pumpen und Schlösser. Zumeist arbeiten sie auch als OEM-Betriebe für etablierte Marken. Die Messe in Taipeh bietet ihnen und auch Anbietern aus andern Ländern ein Forum, OEM-Kunden zu finden: Kapur zum Beispiel, ein Familienunternehmen in Sialkot in Pakistan, das auch Box- und Torhüterhandschuhe näht. Und Sportbälle.

"Radhandschuhe produzieren wir zu zwei Dritteln als OEM", sagt Fezan Kapur, der Enkel des Gründers. 22 Prozent aller Sporthandschuhe der Welt werden in Pakistan hergestellt (und fast die Hälfte aller Fußbälle in Sialkot). Die Fahrradindustrie mit ihren kleinen und mittelständischen Unternehmen ist ein Muster der Globalisierung. Dabei ist Taiwan längst nicht mehr nur Hersteller, es ist das Zentrum der Branche. Das zeigt sich auch daran, dass inzwischen auch Maschinen für den Fahrradbau aus Taichung stammen. Und neuerdings sogar Industrieroboter.

Die Anfänge der Fahrradindustrie Taiwans gehen auf die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zurück. Sie brachte Taiwan die Befreiung von der japanischen Kolonialmacht, aber schon 1949 eine Militärdiktatur, die sich bis in die 1980er-Jahre hielt.

Das Regime suchte die Insel nach dem japanischen Muster zu entwickeln. Um Devisen zu sparen, verordnete es eine Import-Substituierung. Die Einfuhr vieler Güter wurde verboten, auch von Fahrrädern (aus Japan). Damit erzwang das Regime die Entstehung einer eigenen Fahrradindustrie, die 1954 bereits 2700 Kleinbetriebe umfasste. Sie produzierte nur für den Heimatmarkt. Erst Ende der 1960er-Jahre begannen einige in die USA zu exportieren. Diese behandelten Taiwan damals als Bollwerk gegen das kommunistische China und öffneten ihm deshalb seine Märkte.

In Taiwan ist es vielen Leuten fürs Radeln von Mai bis November einfach zu heiß. Und oft zu nass

Doch die Qualität der Räder aus Taiwan war lausig, viele amerikanische Händler weigerten sich, sie zu verkaufen oder zu reparieren. Das alarmierte die Regierung in Taipeh, sie führte Qualitätsstandards ein. Und baute in Taichung später sogar ein Institut für die Fahrradentwicklung. Ende der 1960er-Jahre stieg in den USA die Nachfrage nach Fahrrädern. Zugleich wurden die Fahrrad-Importe aus Japan teurer, weil der Yen erstarkte. Amerikanische Händler suchten neue Lieferanten. Sie kamen nach Taiwan, wo die kleinteilige und wendige Leichtindustrie billig produzieren und schnell reagieren konnte. Man sagt, der Taiwan-Chinese beute sich lieber selber aus, als für einen Boss zu arbeiten.

King Liu, Gründer der Bike-Marke Giant, radelte vor zwei Jahren in zwölf Tagen 968 Kilometer - anlässlich seines 80. Geburtstages.

(Foto: Maurice Tsui/Bloomberg)

Das schafft Wettbewerb, dämmt die Kosten, beschleunigt Abläufe und Innovationen. Im Rückblick nennt man den Prozess, den Taiwans Fahrradindustrie durchlief, ein "Lernen durch Export". Die Insel wurde zur Fahrradfabrik Amerikas. Der nächste Sprung folgte 1977, als ein Manager von Giant, einer damals erst fünf Jahre alten Fahrradfabrik, die Bosse von Schwinn, der führenden Marke der USA, zu überzeugen vermochte, ihm OEM-Aufträge anzuvertrauen. Mit den ersten Fahrrädern, die die Werkhalle von Giant in Taichung mit Schwinns Logo verließen, war das OEM-System in der Fahrradindustrie eingeführt. Die Globalisierung hatte begonnen.

Taiwan ist die Drehscheibe der globalen Fahrradindustrie, aber ein Fahrradland ist die Insel (noch) nicht.

Mit der Industrialisierung und dem wachsendem Wohlstand in den 1980er-Jahren ist der Motorroller aus Japan zum wichtigsten Statussymbol geworden. Preisgünstig und beweglich genug, damit man durch die engen Gassen seiner Städte kommt, ist er bis heute das beliebteste Verkehrsmittel, vor allem der Jungen. An großen Straßenkreuzungen gibt es eigene Wartefelder für Scooter. Radwege dagegen kannte man in Taiwan bis vor Kurzem kaum. Das ändert die Regierung nun, sie hat Taiwan zur Fahrradinsel erklärt: nicht mehr nur als Industriestandort, sondern auch für Radtouristen.

Der bald 83-jährige Giant-Gründer King Liu, der zuvor nicht sportlich Fahrrad fuhr, umkreiste die Insel im Jahre 2007 in 15 Tagen auf einem Giant-Rennrad. Damals war er schon 73 Jahre alt. Vor zwei Jahren hat Taiwan seine ungefähre Route von damals zum Radweg Nummer eins gemacht. Und Liu wiederholte die 968 Kilometer lange Tour zu seinem 80. Geburtstag, diesmal in zwölf Tagen. Unter dem Namen "Formosa 900" wird sie nun im November als Volksrad-Tour organisiert.

Das die ganze Insel umspannende Laden-Netz von Giant vermietet Tourenräder, einige Großstädte haben Mietrad-Systeme eingeführt. Allein in Taipeh sind 200 Fahrrad-Kioske aus dem Boden geschossen. Den Roller vermag das Fahrrad gleichwohl nicht zu verdrängen. Die Popularität des Radsports nehme nach einem ersten Boom eher ab, sagen die Fahrradhändler. Der Inhaber eines Rennradgeschäfts im Norden von Taipeh erzählt, die Hälfte seiner Kunden seien Ausländer, die in Taipeh leben. Das hat auch die von Liu gegründete "Tour de Taiwan", ein fünftägiges Etappenrennen für Profis, nicht zu ändern vermocht. Vielen Leuten ist es fürs Radeln von Mai bis November einfach zu heiß. Und oft zu nass. Zudem geraten Radtouristen, wenn sie den Radweg eins verlassen, vor allem entlang der Küsten bald auf mehrspurige, stark befahrene Landstraßen ohne klar abgegrenzte Radspur.

Geübten Radsportlern dagegen bietet die Insel anspruchsvolle Routen durch Reisfelder und an felsigen Klippen vorbei, mit langen steilen Aufstiegen auf guten Straßen durch den Regenwald, und das schon direkt hinter Taipeh. An einem nassen Frühlingstag hängen warme Nebelschwaden über den Baumwipfeln, es nieselt. Die Rufe exotischer Vögel begleiten den schwitzenden Radler bergauf, eine Makakenfamilie huscht durchs Unterholz.

Es riecht nach Kampfer und Vanille, in den Dörfern werden am Straßenrand Früchte verkauft. Abends lockt die Küche Taiwans. Was will ein Radsportler mehr.